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Unser Unbehagen mit Sotschi

 

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy rief gestern in der FAZ dazu auf, Sotschi zu verlassen. Er schrieb über die Absurdität dieser Olympischen Spiele. Von der Gleichzeitigkeit der Bilder aus Sotschi und jenen vom Maidan. Von dem IOC, das in Sotschi weilt und taub und blind ist: „Spüren sie nicht, dass ihre Medaillen nach Blut schmecken?“

Auch wir spüren dieses Unbehagen. Es fühlte sich seltsam an, ein Interview übers Bobfahren zu führen, während nur ein paar Hundert Kilometer von Sotschi entfernt etwas Furchtbares geschieht. In Kiew wurde auf Menschen geschossen. Damit ist ein Konflikt eskaliert, in dem auch Wladimir Putin eine wichtige Rolle spielt. Genau der Mann, der sich in Sotschi im Glanze seiner Spiele sonnen möchte.

Dürfen wir mit unserer Berichterstattung Putin noch eine Bühne geben? Ist es nicht verlogen, über seine Eishockeyspieler oder Eiskunstläufer zu schreiben, während er Machtpolitik betreibt? In einem ersten Reflex haben wir überlegt, die sportliche Berichterstattung einzustellen.

Andererseits: Warum gerade jetzt? Putins Politik wurde schon vor den Spielen lang und breit diskutiert. Man wusste, worauf man sich einlässt. Wo zieht man die Grenze? In Syrien ist Putin auch Akteur, dort starben und sterben noch mehr Menschen. Zudem ist nicht klar, ob es wirklich die ukrainische Regierung war, die am Donnerstag die Situation auf dem Maidan eskalieren lassen hat.

Und ist es nicht wohlfeil, den Sport zu ignorieren? Jetzt, zwei Tage vor dem Ende der Spiele? Und was ist eigentlich mit den Sportlern? Würde man sie um den Lohn ihrer Arbeit bringen? Wir wünschen uns mündige Sportler, ein Recht auf sie haben wir nicht.

Im alten Griechenland herrschte während der Olympischen Spiele Friedenspflicht. Wer Krieg führte, durfte nicht mitmachen. Das sollte sichere Wettkämpfe und eine gefahrlose An- und Abreise der Teilnehmer garantieren. Auch wenn der olympische Friede schon damals mehrmals gebrochen wurde, hat sich die Völkerverbindungs-PR bis heute gehalten. Das olympische Feuer war als Symbol des Friedens gedacht. Während der Wettkämpfe sollten die Waffen ruhen. Diese Symbolik wurde oft missbraucht, zuletzt 2008, als Russland während der Spiele von Peking in Georgien einmarschierte. So unpassend wie damals ist die Friedenspflicht auch heute.

Was folgt daraus? Es wird noch ein paar Medaillen geben, aber die werden nicht mehr glänzen. Vielleicht hilft es schon, dieses seltsame Gefühl einmal zu formulieren. Wir werden versuchen, auch in den letzten Tagen der Spiele noch mehr als bisher über den politischen Aspekt dieser Veranstaltung zu berichten.

Und möchten eine Frage stellen: Wie geht es Ihnen mit diesem Thema, liebe Leser?

37 Kommentare


  1. Wenn Länder nicht mitmachen dürften, die gerade Kriege führen (oder Kriege unterstützen), würde die Olympiade plötzlich eine ganz kleine (und wesentlich symphatischere) Veranstaltung werden… ;-)


  2. “ Es fühlte sich seltsam an, ein Interview übers Bobfahren zu führen, während nur ein paar Hundert Kilometer von Sotschi entfernt etwas Furchtbares geschieht.“

    Was genau hat jetzt das eine mit dem anderen zu tun?

    Wir gehen zu McDonalds, während Menschen verhungern(!)
    Wir fliegen auf die Malediven, während Menschen im Mittelmeer ertrinken…
    Und so weiter und so fort…


  3. seit wann ist putin der präsident der ukraine?

  4.   schmetterling_

    Was tun?

    Der ukrainischen Damenmannschaft zu Gold applaudieren!


  5. Putin ist gewiss kein Engel. Ganz und gar nicht. Aber ich bekomme das Gefühl nicht los, dass er von westlichen Medien mehr und mehr zu einem modernen Beelzebub gemacht wird. Egal was er tut oder ist (oder auch nicht tut oder nicht ist): Er ist der Leibhaftige, der in allem seine schmutzig-giftigen Finger hat…

  6.   Tim

    Vorsicht vor moralischer Überfrachtung des Sports.

  7.   Sigmund

    Zu Herrn Levy (und Herrn Glucksmann) gab es mal (auch in der FAZ) einen schönen Artikel:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/georgien-und-russland-interessen-wir-1681173.html


  8. „Diese Symbolik wurde oft missbraucht, zuletzt 2008, als Russland während der Spiele von Peking in Georgien einmarschierte. “

    Eigentlich sollte der Satz heißen, „…als Georgien während der Spiele von Peking Südossetien angriff.“


  9. Man könnte Nationen, die Krieg führen aus dem Medalienspiegel u.ä. ausschließen. Die Sportler könnten trotzdem ohne mitmachen, ohne aber ihre Nation dabei zu vertreten. Ohne Nationalflagge in den eingeblendeten Ranglisten und ohne Nationalhymne bei der Siegerehrung usw.

    Was halten Sie davon?

  10.   _acMi

    Ja! Endlich werden mal die richtigen Fragen gestellt!

    Wie fühlt es sich eigentlich an, die tolle Kinderwurst mit lachendem Bärchengesicht für die lieben Kleinen zuhause zu kaufen, während das arme Schwein, das für diese Widerlichkeit sein Leben lassen musste, nachdem man es von Geburt bis Hinrichtung gefoltert hat, um es nach seinem traurigen und grausamen Ableben zu verwursten und anschliessend in den eigenen Darm zu schieben?

    Wie fühlt es sich an, Kleidung mit China-, Bangladesh- und ähnlichen grauenhaften „Made-in“-Labels zu tragen und dabei zu wissen, dass diese unter menschenunwürdigsten und folterähnlichen Zuständen gefertigt werden?

    Wie fühlt es sich eigentlich an, saturiert und untätig auf dem Sofa zu sitzen, während zeitgleich zwischen Tagesschau und „ZDF-Sportstudio“ ca. 1.420 Kinder an Hunger sterben?

    Und wie fühlt es sich an, mit rechtschaffener Empörung ständig mit einem Finger auf andere zu zeigen? Pädophile, Hartz-4-Empfänger, Ausländer, Asylanten, arme Menschen, Behinderte, Schwarze, Homosexuelle, Linke, Rechte usw. usf.?

    Können wir nicht neu lernen, friedlich miteinander umzugehen und aufhören, Minderheiten zu diskriminieren?

    Ist es möglich, ALLE in unserer Gesellschaft mitzunehmen? Oder wollen wir die letzten Reste an Mitmenschlichkeit und Empathie dem Kommerz opfern?

 

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