Erektionsschwäche in der Wüste

Zum 60. schenkt Udo Lindenberg sich selbst 17 Duette mit berühmten Sängerinnen. Von Marlene Dietrich bis Yvonne Catterfeld schreiten sie zur „Damenwahl“, und Panik-Udo säuselt von Liebe, Krieg und Frieden

Cover Lindenberg

Der Über-Held des hanseatisch schwiemeligen Rockschlagers wird sechzig. Im Selbstbild ist er sicher eher Rocker als Schlagerfuzzi, ne? Seine aufrechte Unbedarftheit, sein Softmachogehabe verursachten bei denjenigen, die ihn weniger mochten, jahrzehntelang eine schwer erträgliche Mischung aus Rührung und Ekel. Einzig auf feuchtfröhlichen Schwulenpartys hoben sich alle Geschmacks- und Gesinnungsdifferenzen irgendwie ins transgressive Feiernirvana auf.

Und nun Udo und die Frauen. Hatten wir das nicht schon? „Mit 66 Jahren …“ ach, das war doch der andere Althengst, mit demselben Vornamen. Und vorgemacht, wie sich der Sex des reifen Mannes auf Popglanz trimmen lässt, hatte es seinerzeit bereits Leonard Cohen, der Wüstling. Mit Traumpaaren wie Lee Hazlewood und Nancy Sinatra hat Udos Damenwahl auch nichts gemein, dazu wechselt er zu oft die, äh, Damen.

Deshalb kann man die ersten zwei Duettnummern auch direkt überspringen. Nena, die schon lange nicht mehr geheime Madame Pompadour unter den Schlagermätressen, nervt erwartungsgemäß mit ihrem asthmatischen Görenpop. Für diese Position wird Yvonne Catterfeld zurzeit noch angelernt, das Pressefoto zur Albumpromotion ist echt niedlich: Die Catterfeld als Prinzessin Leya mit „Sex in the City“-Frisur und Udochen als Darth Vader. Für die nächste Damenwahl empfiehlt sich ein Schild auf dem Tanzteetischchen: Hier nur für Rentnerbandmitglieder, MTV-Pippimädchen und Bohlen-Uschis müssen draußen bleiben.

Kommen wir also gleich zu Nina, der würdigen Ex-Underground-Königin, der Queen Mum des Punkschlager Royal. In Romeo & Juliaaah geben Nina Hagen und Udo den nuschelnden Schlapphut und die kreischende Zopfliesel als Pop Art-Variante vom Shakespeare-Stoff, aber immer noch besser, die Hagen singt, statt weltreligiös ereifernd zu predigen. Dass die beiden sich über Mama Hagen und Onkel Biermann schon lange kennen, ist deutsch-deutsche Popkulturgeschichte und hat musikalisch wenigstens ein Fünkchen mehr Pep, als Joan Baez‘ ehrenvolle aber fade Live-Fassung von Lindenbergs Wozu sind Kriege da.

Etwas diffiziler gestaltet sich das Verhältnis von hoher Kunst und profaner Umsetzung in Salomon (Das Hohe Lied) mit der unvergessenen Esther Ofarim. Erotik aus dem Alten Testament, auf Edelclubatmosphäre für Berlin-Mitte getrimmt, mit fast sieben Minuten Spiellänge die extended Schmachtversion auf dem Sampler. Donnerwetter, die dubbig gehauchten Stöhner von der Ofarim sind schon sehr speziell, dieses Portishead-artige Understatement hat was, nur Udos flapsige Prosaik hangelt sich mühsam durch den poetischen Fluss. Und wer spielt dazu so schön die im Feierabendjazz verschmalzte Trompete von Jericho? Könnte glatt Ben Becker sein.

Ein großer Teil der Duette dreht sich um Liebe, Krieg und Frieden, aufgenommen mit bekannten Weggefährtinnen wie Ulla Meinecke, Helen Schneider und Elli Pyrelli, nichts Spektakuläres. Zu erwähnen sind noch Alla Pugatschowa, die russische Schlagerikone, mit der Udo Lindenberg als erster deutscher Rocksänger und noch vor seinem legendären DDR-Besuch im Moskauer Gorky Park auftrat, und die türkische Sängerin Sezen Aksu. Das Duett mit ihr, Messer in mein Herz, hätte besser als manch anderer Quatsch für den Grand Prix d‘Eurovision getaugt, gerade weil es wie eine missglückte Karaokeperformance auf einem Kreuzberger Nachbarschaftsfest klingt. Und im für Presseanfragen auf CD erhältlichen Interview hört es sich an, als hätte Lindenberg, nach dem Zustandekommen der musikalischen Kooperationen gefragt, seine Duettpartnerinnen allesamt im Vorübergehen auf der Reeperbahn aufgelesen: „Du, dann haben wir uns einfach so gemocht.“

Einzig Marlene Dietrich zeigte ihm den bösen Wahrsagerinnenfinger. Verrucht und weise sprach sie 1987 in ihrem Pariser Alterswohnsitz eine Botschaft als Einleitung zu Wenn ich mir was wünschen dürfte aufs Band: „Wünsch dir nichts, dummes Menschenskind, Träume sind nur schön, solang sie unvollfüllbar sind.“ Die darauf folgende Interpretation als norddeutsches Nuschelchanson gelingt immerhin halbwegs. Der absolute Brüller dieser Jubiläumszusammenstellung ist jedoch das Duett mit Ex-NDW-Schlampe Annette Humpe. Da geht es zu elektropoppigen Rhythmen ab zum Sex in der Wüste, eine Mischung aus verschwurbeltem Lounge-Schlager à la 2raumwohnung und arabischem Urlaubsprospektrap: „Der Horizont rückt näher, und was keiner weiß, jeder denkt das eine, doch dafür ist zu heiß. Im Katalog stand was von feiern, und wilden Abenteuern, und alles ist ganz geil, doch jetzt hier, wo trockne Winde wehen, wird gar nichts feucht und nichts will stehen.

Uff, das ist hart. Oder doch cool? Sie scheinen sich ganz wohl zu fühlen, die zwei, so lässig schlapp im Wüstensand – ist das etwa die neue besonders in der Kunst hippe Askese, gerichtet gegen eine allseits aufgesexte Warenwelt? Auf jeden Fall ein Stück für den iPod: Man weiß ja nie, auf welcher schlimm endenden Party man damit noch die letzten Gäste herzerfrischend desillusionieren könnte.

Das war es aber auch schon mit Partyspaß, endet die Damenwahlorgie doch bereits in Duett Nummer 9 als Ringelreihen der Peinlichkeiten. Wer sich mit Yvonne Catterfeld nach Nangijala, Astrid Lindgrens Kinderhimmel in „Die Brüder Löwenherz“, verirrt, hat ganz klar einen an der Waffel. Warum sonst sollte Udo mit Sechzig plötzlich auf die Idee kommen, dem Kollegen Maffay aus der Benefizrockerszene die Würstchen vom Kinderfestgrill zu klauen? Von wegen Erektionsschwäche beim Sex in der Wüste: Da scheint noch ganz anderes schlecht durchblutet zu sein.

„Damenwahl“ von Udo Lindenberg ist erschienen bei Warner Music.

Hören Sie hier Udo Lindenberg im Duett mit Esther Ofarim: „Salomon (Das hohe Lied)“