Kommt HipHop von Hippie?

Dies könnte der Soul der Zukunft sein: Flying Lotus kredenzt eine psychedelische Mischung aus Herzrhythmusstörungen und geweiteten Pupillen

Flying Lotus Los Angeles

Mit einem musikalischen Schaumbad fing 1991 alles an, die EP Analogue Bubble Bath wurde Aphex Twins erstes Meisterwerk. Der kauzige Brite brachte dem Ambientpop die quietschnassen Synthesizertöne bei. Was im Funk einmal der trockene Bass galt, das bedeuteten den Elektronikpionieren bald die glitschigen analogen und digitalen Beats. Übersteuerte Rhythmen und blubbernde Glissandi erzeugten einen typischen Klang, der besonders beim Label Warp zu Hause war. Die verschiedenen Spielarten von bedrohlich abstrakt bis hypnotisch verträumt gehören heute zu den Klassikern der elektronischen Independent-Musik.

Das von Sheffield nach London verzogene Label war und ist aber ebenso eine Plattform für Schräges aus ganz anderen Nischen. Der Kalifornier Steven Ellison ist HipHop-Produzent, DJ, Laptopmusiker und Karikaturist, sein Debütalbum 1983 brachte er unter dem Namen Flying Lotus im Jahr 2006 bei Plug Research in Los Angeles heraus. Dort experimentierte man in den neunziger Jahren mit krachenden Breakbeats, inzwischen ist Steven Ellison nicht der einzige Künstler dort mit einem Hang zu organischen und atmosphärischen Klängen. Ob in seiner Vorliebe für Jazz und brasilianische Musik das Erbe seiner Großtante Alice Coltrane mitschwingt?

Nun erscheint das zweite Album von Flying Lotus bei Warp. Los Angeles badet im Feuchtbiotop elektronischer Psychedelik. Als wäre HipHop zu Hippiezeiten erfunden worden, bekommen Ambientklänge sanfte Herzrhythmusstörungen und die brüchigen Beats geweitete Pupillen. Und was sieht das hörende Auge da nicht alles: seltsame Unterwasserwesen, die kalifornische Metropole als Atlantis, bewohnt von singenden hawaiianischen Nixen und den pumpenden Kiemenhumanoiden aus Drexcyias schwarzer Techno-Saga.

Durch die Titel Breathe.Something/Stellar Star und Beginner’s Falafel galoppiert der Jazz rückwärts in einer antik-futuresken Polonaise über den Meeresboden. Sodann lässt Flying Lotus einen pointierten Takt brasilianischer Herkunft zu Zeitlupenhüftschwüngen zerfließen, während im dämmrigen Gegenlicht knapp unter der Wasseroberfläche die Golden Diva der House-Musik heranschwimmt.

Richtig ausgiebig tobt der House in dem Stück Riot, Aufstand im U-Boot, dumpf prallen die Bässe von den muschelbewachsenen Stahlwänden ab. Der Musikcomputer gibt das versunkene Orakel der Weltpolitik, imitiert arabische Melismen, kämpft gegen sich selbst mit irren Dub-Stampfern, bösem Funk und Experimental-Hop. Auf dem Sexslaveship weinen leise die Keyboards im Tonfall pazifischer Inselbewohner.

Die Stücke sind meist kurz, es gibt keinen Anfang und kein Ende unter Wasser, alles zerfasert wie vorbeitreibende Algenstränge und ist doch Teil des feuchten großen Ganzen. Dazwischen führen Gastsängerinnen mit Jazzstimme kontemplative Selbstgespräche, ein Titel heißt Roberta Flack. In Auntie’s Harp und Auntie’s Lock/Infinitum wird dann doch der berühmten Harfenistin Alice Coltrane gehuldigt, es tönt befreiend statt nostalgisch. Klingt so der Soul der Zukunft?

„Los Angeles“ von Flying Lotus ist auf CD und Doppel-LP bei Warp/Rough Trade erschienen.

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Disco in Elysium

In Kelley Polars Paradies winden sich Opernchöre, schmierige Synthesizer und Tanzrhythmen vor Verzückung. Auf seinem zweiten Album »I Need You To Hold On While The Sky Is Falling« gluckern die Elektronika wie Hühner auf der Stange.

Kelley Polar I Need You

Kelley Polar widerlegt die Glaubenssätze aller Disco-Geweihten. Er ist nicht der schillernde, vom Nachtleben gezeichnete Typ, den alle umschwärmen. In seinen Bühnenshows sieht er aus wie eine Mischung aus tapsigem Elvis-Imitator und polnischem Zahnarzt, die Begleitmusiker scheinen einem antiken Drama entsprungen zu sein. Er hat so gar nichts von der ätherisch schwülen Aura eines Anthony oder eines Patrick Wolf.

Und doch macht Kelley Polar Disco-Musik, genauer gesagt komponiert er sie – noch ein Widerspruch. Er bemüht klassische Arrangements, Streicherkaskaden und seine Opernstimme in höchsten Lagen, die Melodien streben himmelwärts. Kaum zu glauben, dass dieses Disco-Jubilato seine prägenden Einflüsse aus der kühl konstruierten Musik von Kraftwerk und Thomas Dolby bezogen haben soll.

»There’s a special sensation« haucht und haspelt es im ersten Stück in euphorischer Wiederholung aus dem Vocoder, begleitet vom Klagen einer Nymphe tänzeln die kickenden Beats. Klangwälle aus dem Keyboard malen Walhalla in den Farben Giorgio Moroders an, Märchenkulissen tun sich auf, wie schon auf Polars erstem Album Love Songs Of The Hanging Gardens aus dem Jahr 2005. Sein zweites Album trägt den nicht minder vieldeutigen Titel I Need You To Hold On While The Sky Is Falling.

In zuckrigem Kontratenor schmachtet er vom Elysium zwischen Satelliten, Chrysanthemen, dem expandierenden Universum und der im Video ironisch durch eine US-Flagge symbolisierten himmlischen Stadt. Um ihn herum scharwenzeln Sirenen mit elektronisch auftransvestierten Stimmbändern, Engel und Schlampen zugleich. Ihr »Huuhuu-haahahahaa« führt ein leichtsinniges »Schubidu« im Unterton und weist zu funkigen Bässen den Weg ins irdische Paradies, in die Disco. Die alten Synthesizer gluckern wie Hühner auf der Stange, die kunstvollen Gesänge würden wohl selbst beim Leipziger A-capella-Festival ausgezeichnet – und am Ende klingt alles, als müsse es so sein.

Verständlich, nach einem Blick in Kelley Polars Vergangenheit. Als Sohn US-amerikanischer Diplomaten kam er in Dubrovnik als Michael Kelley zur Welt. Er wuchs mit der Musik Dvořáks und Schuberts auf, die Mutter förderte sein Violinspiel. In New York studierte er an der Julliard School. Dort traf er den Elektronikmusiker und Labelbetreiber Morgan Geist wieder, den er schon am College in Ohio kennenlernte, und steuerte die Streicherpassagen zu seinem Projekt Metro Area bei. Erst als das akademische Leben und die Liebe zu Disco- und Popmusik nicht mehr zusammenpassen wollten, begann Kelley Polar, den Kulturschock in Kompositionen zu verarbeiten.

Das Meer in dem Stück Sea Of Sine Waves gerät nicht unerwartet in Turbulenzen. Aus den berechenbaren Sinustonwellen sprüht die archaische Gischt von Götterchören, Götter der alten Welten und Götter der modernen Tanztempel, die sich hier jauchzend einen Atem, einen zierlichen Dreiklang teilen und sich verzückt auf den Schaumkronen des elektronischen Pop winden. Bei allem kulturellen Donnerhall klingt Kelley Polars Musik nach persönlich Erlebtem. Es kommt aus viel weiteren Räumen als dem kleinen glitzernden Viereck, auf dem seine Disco-Märchen rhythmisch aufschlagen.

»I Need You To Hold On While The Sky Is Falling« von Kelley Polar ist auf CD bei Environ/Alive erschienen.

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Ein tiefergelegtes »Muuuhh«

Das schwedische Duo Minilogue zaubert Technoides aus alten Hüten. Leise wummern die Ambientfantasien mit großem Panorama, allerlei Viechern und übersinnlichen Kräften.

Minilogue Animals

Im Film Die Reifeprüfung mit Dustin Hoffman gibt es diese wunderbaren Szenen vor dem Aquarium in Benjamins Zimmer und im Swimmingpool der elterlichen Villa. Der heimgekehrte Sohn und erfolgreiche College-Absolvent starrt in die Stille seines Aquariums, angeödet von Moral und Luxus zwischen weiß lackierten Möbeln, weltfremd unter der ewig verschwenderischen kalifornischen Sonne. Er dümpelt mit Luftmatratze oder im Tauchanzug durch den Pool, unter Wasser ist Schweigen, die einzige ihm erträgliche Antwort auf die innere Leere. Und die späteren Poptroubadoure Simon & Garfunkel schmettern The Sound of Silence dazu.

Könnte man den Subtext dieser Szenen zwischen den Liedzeilen und Filmbildern herauslösen und in eine instrumentale Zweitstimme übersetzen, er klänge wie die Musik von Minilogue. Sie verweben den Schrei der Stille zu einem fliegenden Teppich aus Minimal-Techno, bunt wie eine Popballade, organisch wie manches Geräusch in der Musique Concrète, elektronisch strömend, schwebend und fantastisch wie Ambientmusik.

Aus der Underground-Szene Malmös kommen Minilogue, bisher haben sie ihre implosiven Clubhits auf Labels wie Wagon Repair und den Kölner Traum Schallplatten veröffentlicht. Das Doppelalbum Animals ist nun beim Geldadel der Clubkultur, bei Cocoon Recordings, erschienen.

Wenn zu Beginn Yesterday Bells geläutet werden, muss das wohl etwas zu bedeuten haben. Die erste CD kündet zunächst von dem, wofür die zwei Schweden seit Jahren im kleinen Kreis bekannt sind. Ihre angenehm weiche Vierviertelgrundierung mit den minimalen Farbklecksern passen genau ins Bild der frühen Neunziger-Elektronika. Alles bloß Nostalgie?

Da kommen Minilogues Erfahrungen ins Spiel – und die Tiere! Sebastian Mullaert lernte klassische Instrumente und gab schon als Achtzehnjähriger Geigenunterricht, später machten er und Marcus Henriksson sich als Trance-DJs Namen. Im zweiten Stück Cow, Crickets And Clay wird ein tiefergelegtes »Muuuhh« als künstliche Synchronstimme eingesetzt, ein comicartiger Ausreißer aus dem Gleiten in minimaler tänzerischer Euphorie. Das Giant Hairy Super Monster trifft auf die »Sicht eines Jonglierballs« und seltsame Fantasiewesen, die Minilogue als visuelle Gestaltung ihrer Musik verstehen und in Hüllenentwürfen und kleinen Videos auch auf ihrer Website präsentieren.

Musikalisch ist das dem Schaffen des ehemaligen Kölner Labelkollegen Dominik Eulberg nicht unverwandt, doch wo seine Flora und Fauna trotz Naturthema die nervöse Unruhe urbaner Klangprägung nicht leugnen kann, strahlen Minilogues Stücke nordische Gelassenheit jenseits der Tag- und Nachtgleiche aus. Stets klingen die Rhythmen nach einem flotten Spaziergang mit den Händen in den Hosentaschen, wie ein verträumter junger Kerl, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Das ist die Intimität, die ein Blick zurück – vorbei am Sehen und Gesehenwerden auf dem Tanzboden – braucht, um mit altmodisch quäkendem Keyboardgeleier und knisternder Basstrommel neu zu überzeugen.

Leise sumsen 33.000 Honeybees, eigentlich hört es sich nur nach einem Bienchen an, ein in Zeitlupe angeworfener winziger Flugmotor, Rotorblätter aus Elfenlicht. Bei den elektronischen Quietschern und Knursplern geht es weniger um das Geräusch in seiner analytisch differenzierbaren Künstlichkeit, als um das sinnliche Hineinhören in Stimmfrequenzen, Lautbildungen, Vokalverschiebungen. Es sind die Bewegungen eines Insekts durch die Lupe betrachtet, außerhalb des Zeitflusses. Besonders in den Stücken der zweiten CD ist das Zeitgefühl aufgehoben, wandelt der Hörer auf wallenden Synthesizer-Glissandi durch übereinandergelagerte Erinnerungen und ständig ihre Form auflösende Zeiträume. Eine Steel Guitar weht aus der Ferne durchs offene Fenster, wie weggezoomt ist plötzlich die Lupe, und riesige Panoramen öffnen sich im Hörkino der Stücke Windows, City Lights, In The Shade Of The Sun und Even The Wind Seemed In Deep Sleep.

Die tatsächliche Bildabfolge in den Videoclips zu Old Water und Hitchhiker‘s Choice läuft dafür genau umgekehrt zum musikalischen Effekt relativ zu schnell. Aus Minilogues defokussierendem Blickwinkel verschwindet das Essenzielle so flink, wie die gezeichneten Comictierchen ihren Charakter wechseln und die Bildchen umblättern. In dem Stück Six Arms And One Leg fabuliert eine Stimme im Tonfall des Erzählers aus dem Skandalhörspiel War Of The Worlds von Tieren mit sechs Armen und nur einem Bein. Sie sind ohne Augen, und doch nicht blind, sie stehen im Licht und sind doch unsichtbar. Auch in Kinderbilderbüchern wird durch Umklappen nur einer Bildhälfte aus dem Schwein und der Kuh ein fantastischer Zwitter – Minilogue spielen auf ähnliche Weise mit dem Wesen des scheinbar Lebendigen und seinem Verhältnis zur elektronisch erzeugten Kunst.

„Animals“ von Minilogue ist als Doppel-CD und Doppel-LP (mit ausgewählten Stücken) erschienen bei Cocoon Recordings.

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Vier aufs Kopfsteinpflaster

Das kanadische Trio Cobblestone Jazz bringt dem Techno warme Klänge – und endlich wieder improvisatorischen Esprit nach Berlin.

23 Seconds Cobblestone Jazz

Am Anfang ist der Odem der Maschinen. Ein Stöhnen wie aus zeitlosen Ursphären haucht aus dem Vocoder im Eröffnungsstück The Waiting Room. Es führt ein in eine Welt analoger Vierviertelschläge und organisch brummelnder Elektronik. 23 Seconds heißt das Debüt des kanadischen Trios Cobblestone Jazz, der Titel betont nicht ohne Grund die Emphase des Augenblicks inmitten der sich ewig schlängelnden Technovibrationen.

Einer der drei Kanadier, Danuel Tate, ist studierter Pianist und spielt seit seiner Jugend in Jazzbands. Fern der Fertigmuster aus dem Kochstudio der Computerklänge vereinfacht er mit seinem Keyboardspiel die komplexen Harmonien des Jazz zu springlebendig hüpfenden Elektrohymnen. Das Stück Lime In Da Coconut ist so ein Knaller, gebaut aus einer einzigen Melodie, um die herum er variiert und phrasiert, bis einem auch ohne Diskokugel die Lichter vor den Augen tanzen. Die beiden anderen im Bunde sind der DJ und Produzent Tyger Dhulas und der Technostar Mathew Jonson.

Die Unberechenbarkeit museumsreifer Drumcomputer gibt bei Cobblestone Jazz den Ton an. Sie haben einen Hang zu den schönsten Traditionen der elektronischen Musik und verstehen sich aufs Einfache im Überschwang der technischen Möglichkeiten. In 23 Sekunden kann viel passieren, vielleicht ist das die Botschaft des Albumtitels.

Schon bei der fast 15 Jahre zurückliegenden Kooperation mit Juan Atkins und Moritz von Oswald für die Platte Jazz Is The Teacher forschte Mathew Jonson an der Improvisationsfähigkeit der Technomusik. Nun steht wieder Berlin im Fokus des transatlantischen Austauschs, hier befinden sich das Studio von Cobblestone Jazz und Jonsons Wohnsitz.

Wenig spektakulär, doch umso ergreifender knatschen gemütliche Basssynkopen aus den alten Synthesizern, mit dem Track W erobern sie gerade die Clubs weltweit. In einem Dreieck aus Jazz, House und Techno krabbeln die sparsamen musikalischen Ideen wie elektrifizierte Ameisen hin und her, immer wieder aufgescheucht durch Vocoder im Dauereinsatz. Im Morphing der Echos und Klangverschiebungen transzendiert diese Beweglichkeit in ein unaufgeregtes Fließen und Schweben, feenartig verzerrt umwehen klassische House-Chöre und künstliche Streicher das wummernde Beatgerüst. Trance nannte sich diese atmosphärisch suggestive Musik einmal, doch Cobblestone Jazz machen keinen Kuschelrock für den Techno-Wühltisch.

Sie sind keine Nesthocker, die – überdrüssig der computerisierten Klangästhetik der letzten zehn Jahre – an den heimischen Ofen zurückwollen. Ihnen ist die analoge Produktionsweise ein musikalisches Ziel, dem sie in der Improvisation nachgehen. Ungehemmt darf sich der Hörer den eigenen Vorstellungen hingeben, wie die vier satten Grundschläge des Techno auf das alte Kopfsteinpflaster vor der Jazzbar trommeln, bevor sie den Clubtanzboden erreichen.

23 Seconds ist ein Doppelalbum, das ist keineswegs vermessen. Unwiderstehlich toben auf der zweiten CD die beiden Vorjahreshits India In Me und Dump Truck, kontrapunktisch zu einer 40 Minuten langen, einem Jazz-Konzert gleichenden Live-Aufnahme.

„23 Seconds“ von Cobblestone Jazz ist als Doppel-CD und Dreifach-LP erschienen bei !K7/Wagonrepair.

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Mädchenmusik mit Falten

Der Name der Band klingt nach elektronischer Fummelei. Doch aus dem Brockdorff Klang Labor swingt Pop, locker wie ein Faltenrock beim Tanz.

Brockdorff Klang Labor Mädchenmusik

Drei junge Menschen aus Leipzig haben schon viel erlebt. Sie durchstreiften die Kulturwissenschaften und die Tanzdielen, die Musiktheorie und den Elektro-Feminismus, den Journalismus und die Informatik, die Poesie und das bunt gemischte Instrumentarium aktueller Popmusik.

Das Brockdorff Klang Labor entstand in einer Wohngemeinschaft in der Leipziger Erika-von-Brockdorff-Straße, benannt nach einer Widerstandskämpferin im Nationalsozialismus. Nadja von Brockdorff nennt sich so schillernd wie bedeutungsschwer die Sängerin und Gitarristin. Sergej Klang ist der Bastler der Rhythmen und Worten und gibt den singenden Sequenzer. Ekki Labor lässt die Synthesizer und den Moog-Bass zwitschern und leiht seine Stimme dem Chor.

Mädchenmusik heißt die CD, frisch geht das Trio zu Werk. „Frohe Schritte nähern sich, singen zieht über die Stadt“, der Refrain des ersten Stücks und das Vorwärts aus der Rhythmusmaschine klingen nach Wandervogelbewegung und Jugendweihe. Doch es ist das wilde Nachtleben gemeint: „In Kellern voll Rauch marschiert der House / Brich mit mir den Rhythmus dieser Stadt… Und im Tanz, da sind wir eins / Und am Morgen wieder entzweit.“ Raffiniert schüttelt das Trio den Staub aus allen historischen Andeutungen zu Diskorhythmen. Oder setzt sie, wie im Stück Wenn du willst, zu teils erfundenen Anekdoten neu zusammen. Im Auf und Ab der feierlichen Erwartungen und der Ernüchterung am Morgen danach spiegeln sich revolutionäre Sehnsüchte als modernes Trugbild, Pop und Glamour sind heute Aufbruch und Routine zugleich.

Die leicht verworrene Alltagspoesie der Texte ergäbe auf dem Papier vielleicht nicht viel mehr als Studentenlyrik, wären nicht auf der CD allerlei kuriose, im Originalton wiedergegebene Zitate und vor Selbstironie triefende Prologe und Zwischenrufe zu hören. „Aber dient denn da die Sprache noch als Kommunikationsmittel?“, tönt eine seriöse Stimme.

Auch musikalisch ist das naive Schema der fiepsenden Knöpfchenelektronik gepaart mit dem Charme funkensprühender Chansonkunst nicht so unbedarft wie es scheint. Jedem glucksenden Plopp und Boing sitzt ein Schalk aus versteckten Kommentaren im Nacken. Um sie zu hören, muss man die CD ganz durchlaufen lassen, denn sie sind in den Leerlauf zwischen den Stücken eingearbeitet. Und schnell sein, die Fetzen bekannter Melodien von Velvet Underground, Pulp, Stereolab fliegen am Ohr vorbei. Noch bevor entschieden ist, ob das gerade eben The Trashmen oder doch The Cramps waren, beginnt Nadja von Brockdorff schon vom Breakfast for Cyborgs zu singen: „Ich bin das Opfer, ich bin die Verfolger, ich bin sie / Im Zentrum meiner Ironie.“

In Anlehnung an Gilles Deleuzes Abhandlung Le Pli (Die Falte) könnte man diese Technik verborgener Zitate Plissee-Pop nennen. Die Drei vom Brockdorff Klang Labor bügeln ihre Songs in Musikmaschinen zu großen Falten und kleinen Rüschen, und darunter, in der Vertiefung, liegen die kurzen Gewebefäden alter Originale. Schließlich lassen sie den Faltenwurf der Geschichte in ein Cover des The Smiths-Hits Some Girls Are Bigger Than Others auslaufen.

Im Stück mit dem Refrain „I kill the creatures in my alphabet“ spuken die gerufenen Geister als Buchstaben- und Zahlensalat herum. Wie ein Denksportgenie, das sich Zahlen- oder Wortkombinationen in figürlichen Bildern merkt, scheucht Nadja von Brockdorff sie zurück in eine alphabetische Ordnung. Inmitten einer düsteren Zukunftsballade wiederum steckt der Vers „Wähl ein Klischee, wie die Welle im Delay“, als wolle die Sängerin damit zusammenfassen, dass Pop nicht alles sei und elektronische Musik nicht die bessere Alternative und dass sowieso nur zähle, was einen berührt. Eine trefflichere Retourkutsche auf Julis nervige Schlagerzeile „Das ist die perfekte Welle“ wird es erstmal nicht geben.

Neben Nadja von Brockdorffs Lady-Charme setzt Sergej Klang als zweiter Sänger seinen spitzfindigen Humor. In heiter absteigender Melodie zitiert er Altmeister Leonard Cohen: „Let’s sing another song boys, this one has grown old and bitter.“ Hier klingt es wie eine Aerobic-Anweisung gegen Depressionen. Auch im nächsten Lied geht es bewegt zu, „Vorwärts, seltsame Höhen, rückwärts, seltsame Tiefen“, und unterwegs ein Rap-Intermezzo.

Das glitzernde Schlusslicht bildet das Titelstück Mädchenmusik, die Sängerin wirft sich im Duett mit Jens Friebe in ihr Element. Er textete hierfür einen Eurodisco-Knaller der Gruppe Baxendale zum Kirmes-Schlager um, der einen das Fliegen im Kettenkarussell der Jugenderinnerung lehrt. Jens Friebe stellte auch den Kontakt zur Plattenfirma ZickZack her. Produziert wurde Mädchenmusik von Tobias Levin.

Mitten in die historische Schwere eines Stadtbildes hinein proklamiert das Brockdorff Klang Labor eine Leichtigkeit des Seins, die sich hier und an ähnlichen Orten popkulturell nicht unbedingt aufdrängt. Mädchenmusik für alle Geschlechter, sie zaubert hübsche Falten auf die Denkerstirnen und lässt plissierte Röcke im Takt wippen.

Das Album „Mädchenmusik“ der Band Brockdorff Klang Labor ist erschienen bei ZickZack

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Das Leben, was sonst!

In asturischer Sprache singt die spanische Band MUS ergreifende Melodien. Als ließe sie die Zeit einfach los.

MUS La Vida

Eine Fliege krabbelt an der Fensterscheibe. Es sieht aus, als verfolge sie ein Ziel, doch sie erreicht es nie. Irgendwann kommt für den Betrachter der Moment der Entscheidung: Macht einen ihre scheinbar sinnlose Suche nervös – oder gerät man in einen Zustand euphorischer Gelassenheit, als dehnten sich Augenblicke ins Endlose?

Ähnliches geschieht bei der Beobachtung eines Wasservogels am sommerlichen Badesee. Der Haubentaucher verschwindet unter der Wasseroberfläche, und während man nicht weiß, wann und wo er wieder auftaucht, zerrinnt die Zeit. Glücklich, wer sie einfach loslässt!

Dieses Glück des Loslassens vermitteln die zwölf Lieder der hierzulande vollkommen unbekannten Band MUS aus Spanien. Auf kleinen internationalen Labels haben sie bereits acht Platten herausgebracht, ihr neuntes Album heißt La Vida. Das Leben, was sonst! Direkt und schlicht sind die Lieder instrumentiert. Akustische Gitarren, Flöte, Geige, Schlagzeug sind im Stil klassischer Folkballaden arrangiert, auch mal mit mehr Orchestereinsatz oder im vollen Klang einer Rockband.

Und dann diese samtene Stimme der Sängerin Monica Vacas. Sie singt, als sänge sie nicht für uns, sondern für die Fliege an der Scheibe, den Haubentaucher am See. Sie singt in einer sehr alten romanischen Sprache, die nur noch in einigen Winkeln der Region Asturien im Norden Spaniens gesprochen wird.

Völlig falsch liegt, wer da Klischees von Latinofeuer im Kopf hat. Monica Vacas schwebt durch die melancholischen Melodien, sie betont und dehnt die Vokale wie ihre britischen Indiepop-Kolleginnen. Es klingt, als sängen die Mädels von Belle & Sebastian und Stereolab plötzlich mit fremden Zungen – zauberhaft!

Wie ein sanfter Wellengang liegen die Akkorde und getupften Töne des Komponisten Fran Gayo unter ihrer Stimme. Das ein oder andere Volks- oder Kinderliedmotiv mag Pate gestanden haben, im Refrain „Ay, ay, ay“ des Liedes Animas Del Purgatoriu, im ersten Stück der Platte, Per Tierres Baxes.

Monica Vacas und Fran Gayo sind das Herz von MUS. Auf der Website der Platenfirma sieht man ein Foto von ihnen, das erinnert an Juliette Greco und Georges Moustaki in jungen Jahren oder an das Paar Abi & Esther Ofarim. Das passt zu dem kleinen Label Green Ufos, denn hier passt nichts zueinander. Die neue Platte der Glam-Folk-Hop-Schwestern CocoRosie ist in ihrem Programm, ebenso die Achtziger-Jahre-Revue der Elektronikveteranen Piano Magic; neben herrlich abstrusem Fantasy-Computerkitsch von Southern Arts Society hat Tom Verlaine ein Zuhause für sein Alterswerk gefunden.

Und MUS, sie haben mit La Vida Marcel Prousts verlorene Zeit wiedergefunden.

„La Vida“ von MUS ist bei Green Ufos/Hausmusik erschienen.

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Hüter des Feuerchens

Lässig schüren A Certain Frank die elektronische Glut an der Wiege von Philosophie und Pop.

A Certain Frank

Bei Düsseldorf wurde nicht nur dereinst unser Neandertaler Vorfahre gefunden, es lebt und arbeitet dort auch ein Urgestein rheinischer Pop- und Elektronikmusik. Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke sind nur ein winziges bisschen weniger berühmt als der Höhlenmensch, in Popmusikepochen gerechnet sind sie schon urig lange wohlbekannt. In den achtziger Jahren würzten sie mit der Gruppe Der Plan und ihren grotesken Mitsinghits die Neue Deutsche Welle. Zudem riefen sie die Bands Fehlfarben und DAF ins Leben und gründeten ihr eigenes Label ata tak. Als Krönung ihrer Musikerfreundschaft bilden sie schließlich das Elektronik-Duo A Certain Frank.

Kurt Dahlke nennt sich dann Pyrolator – ihrer neuen CD nowhere liegt, im Transparentplastik der Hülle gut sichtbar eingeschlossen, ein Streichholz bei! Mach Feuer, alter Freund! Lass die entspannten Grooves und exotischen Klänge warm leuchten, diese modernen, aber niemals modischen Melodien. Denn was bei A Certain Frank wie Lounge-Musik zum Nebenbeihören klingt, kommt in Wirklichkeit aus tiefen Höhlen, von nowhere ist es now here, wie man den Album-Titel auch lesen kann.

Aus dem Nirgendwo ins Hier und Jetzt scheint auch Frank Fenstermachers Stimme zu tönen, wenn er seine Wortspiele wie im ersten Song L‘argent in eine karge, rauh gemurmelte Gesangslyrik verpackt. Das Französische zieht sich sparsam als Signalfarbe der Aufklärung durch Kurt Dahlkes schwelgerische Synthesizermalerei und die aus dem Computer gezauberte Exotik. Wie an einem Streichholz entzünden sich am Wohlklang kleine schrille Funken, melodische Ausrutscher auf dem Weg zur Disharmonie, kurz vorher abgefangen von weichen animalischen Rhythmen. Hier ein etwas zu scharfes Gitarrenschnarren, dort ein übersteuertes Dröhnen oder Pfeifen, überwuchert von Pianolianen, gebannt von Rumbarasseln.

Eine der Höhlen im Urwald heißt trancelingen. Technoides Geschepper weist den Weg, unten drunter wummert es fast wie aus dem Hause Basic Channel. Vorlaut schnattern die Bläser, die frechen Äffchen. Mal nimmt Frank Fenstermachers Saxofon den D-Zug durchs fremd knisternde Idyll, mal bringt es den von den vorigen Platten bekannten jazzigen Chillfaktor. Auch der ist nicht ohne – wer je als DJ die anonyme Abendgesellschaft mit Stücken von noendofno, nobody? no! oder nothing beschallt hat, weiß, welches Maß an nervöser Aufmerksamkeit sogar Kenner zur Nachfrage ans Discopult treibt.

Ein solches Geheimversprechen gibt auch das Stück the earth is round. Die im Refrain stetig wiederholte, ja recht simple naturwissenschaftliche Erkenntnis verhallt im Nebel der Vibraphonechos und verzerrt quäkender Kazoolaute. Daraus entsteigt mit zweigeschlechtlich anmutendem Tarzansingsang eine neue Dschungelgottheit. Auf verschlungenen Loops und elastisch federnden Dub-Beats tanzt sie durch die nächsten Stücke bis in den Himalaya.

Flockig versprengen Geräusche und Melodien ihren Esprit und wirbeln dabei immer wieder Elementares auf, wie im letzten Stück Wald. Von dort flüstern A Certain Frank synästhetisch mit dem Holzmotiv auf der CD-Scheibe, einer Nachbildung des ersten hierzulande gefundenen Holzrades aus dem 11. Jahrhundert vor Christus. Doch alles historisch Schwerwiegende wird hier so verführerisch zur leichten Muse, als sei Platons Höhle mit einer schicken Fototapete ausgekleidet, bambusgrün leuchtend wie der CD-Hintergrund. In Sokrates Becher lockt ein exotischer Cocktail, und als jüngste Gäste im Höhlenpop-Ambiente machen die französischen Dekonstruktivisten Small Talk und wippen dazu mit den Füßen.

„nowhere“ von A Certain Frank ist als LP und CD erschienen bei ata tak

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Buddha am Alex

Sinnlich und verführerisch schaukelt der Groove, die Berlinerin Gudrun Gut legt uns ihre neue Platte auf.

Gudrun Gut I Put A Record On

Zarah und Paula sind zwei Berliner Mädchen von ungefähr zwölf Jahren. Sie filmen sich selbst, beim Spielen, beim Anprobieren zu großer Kleider, beim Posieren und Tanzen in der elterlichen Wohnung – überall. Hier tun sie es für das Video zum Eröffnungsstück Move Me auf Gudrun Guts neuer Platte I Put A Record On.

Was auf den ersten Blick wie eine von Millionen Amateuraufnahmen auf Meine-Peinlichkeiten.de anmutet, offenbart zur sanft schiebenden Tango-Polka und Frau Guts gehauchtem Gesang sehr schnell eine tiefere Geschichte. Diese Art der verschwörerischen gegenseitigen Beobachtung, der wortlos nach Vertraulichkeit tastenden Körpersprache, gibt es nur unter Mädchen und Frauen. Schon in verschiedenen Stilepochen der darstellenden Kunst tauchten sie am Rande auf mit ihrem Pas de deux der Selbstbespiegelung, als Malerinnen, als Fotografinnen, und später beim Film.

Heute übergibt die Altmeisterin des Berliner Elektro-Punk in ihrem Musikvideo die Stafette an die jungen Mädchen: Move Me – tragt es weiter, ihr zwei! Das ist fürwahr ein Stück Frauenbewegung, getanzt, gesungen, gefilmt, und schon für sich ein brillanter Auftakt. Gar nicht weit spannt sich der Bogen zu dem Video Celle, das der CD beigefügt ist, Pipilotti Rist hat es gedreht. Große Kunst also, aber eben nicht als künstlicher Überbau, sondern als folgerichtiger Weg, als Teil 2 dieser Frauengeschichte, diesmal zwischen den zwei großen Mädchen Gut und Rist, die sich lange kennen.

Mit der selben Nonchalance und Leichtigkeit ist man als Hörer versucht, im Laufe der CD die Bedeutungsschwere von Gudrun Guts Musikerinnenbiografie abzustreifen und hinter sich zu lassen. So sinnlich und verführerisch schaukelt der Groove durch die elf Stücke von I Put A Record On, da wird die kennerhafte Erbsenzählerei ganz nebensächlich. Steht Gudrun Guts Wirken in der Underground-Szene der achtziger Jahre im Gegensatz zu diesen sanften elektronischen Tönen? You Make Me Cry Easy heißt es im vierten Stück, die Gefühle liegen dicht unter der Oberfläche, es geht nicht um einfache Aufrechnungen. Die Rhythmen sind warm, der Sprechgesang in seiner flachen Melodik distanziert und doch eindringlich.

War der Techno-Boom im Berlin der neunziger Jahre prägend für Gudrun Guts Zugang zu elektronischer Musik? Als Grundgeschwindigkeit lässt sich ein beschleunigter Dub oder ein verlangsamter Techno ausmachen, House ist es von den musikalischen Zutaten her eher nicht. Doch die aberwitzigen Basshüpfer, der beinahe folkloristische Shuffle und der Zigeuner-Swing der Stücke wollen von Techno gar nichts wissen, lesen die Chronologie der Ereignisse quer zu eigenwillig sich wellenden Gefühlsmustern.

Wo bleibt auf einer Soloplatte der Kult-Status von Gudrun Guts Frauenbands Malaria! und Mania D? Im Stück Girlboogie 6, das bereits auf der Kompilation Girl Monster erschien, schreibt er sich fort als vernuschelte Oral History, souffliert von Maschinenbeats und Laptop-Klängen. Hänsel und Gretel summen, schubsen, singen, schieben sich durchs Nachtleben, geraten im Rhythmus von elektronischem Händeklatschen plötzlich in den Blätterwald. Dort raunt das Hutzelweib Beschwörungsformeln zur Walpurgis-Disco, die E-Gitarren kreischen ums Feuer, die Basstrommel wirft lange Schatten und lässt die Zweige in der Glut knacken. Es ging hoch her, Last Night, im Ocean Club vielleicht, Gudrun Guts jahrelanger Radio- und Veranstaltungsreihe.

Aus Schritten werden Drehungen, Schleifen, Loops, langsamer pumpen sie den Pleasuretrain durchs Trip-Hop-Dickicht. In diesem wie im folgenden Stück The Wheel leiht die Weggefährtin und Band-Kollegin Manon Duursma ihre Stimme, das Helle spiegelt sich im Dunklen. Hinter dem nächsten Blubbern aus der Rhythmusbox gluckst ein Country-Akkord, hinter dem nächsten Kirmesorgelrauschen wartet dein zweites Ich.

Gudrun Guts jüngste Identität ist die als Labelchefin von Monika Enterprise, der Berliner Plattenfirma für elektronische Spezialitäten. Mit ihrem Soloalbum I Put A Record On geht der Esprit des Punk nicht verloren, er trifft sich mit der Spiritualität elektronischer Liedschreibekunst auf leisen und verschlungenen Pfaden. Die Loops schleifen den Straßenstaub der Musikgeschichte mit sich wie der niedliche, schlaue Linus in den Peanuts-Comics seine schmutzige Schmusedecke. Und das magische Summen, die treibenden Elektroströme, das heisere Flüstern tönen, als säße Buddha mitten auf dem Alexanderplatz.

„I Put A Record On“ von Gudrun Gut ist als CD und LP erschienen bei Monika

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Bürogeräte-Blues

Original oder Kopie? Für Alva Noto keine Frage, bei ihm kommt die elektronische Musik wie aus dem Fotokopierer

Alva Noto Xerrox

Es rauscht und piepst ohne Ende. Geräusche, Geräusche, sie bauschen sich wie mit Elektrosmog verunreinigte Zuckerwatte. Hindurch wabern verschwommene Melodien von neutraler Schönheit, vielleicht ein monumentales Orchesterwerk. Vielleicht auch nur die Musikberieselung vom Hotelklo oder aus der Abfertigungshalle: Haliod Xerrox Copy 2 (Air France) heißt eines der vierzehn Stücke.

Man könnte es einfach Ambient nennen, doch Alva Noto alias Carsten Nicolai, bildender Künstler und Elektronikmusiker, verfolgt andere Ziele. Während die Musikindustrie sich nach wie vor an das Verwertungsmonopol künstlerischer Originale zu klammern versucht, sucht er in der Reproduktion und Vervielfältigung von Klängen neue ästhetische Motive.

Auf seiner Platte Xerrox thematisiert er die Frage nach Original und Kopie mittels einer selbst entwickelten Software, die das technische Prinzip des vor gut fünfzig Jahren erfundenen Xerox-Fotokopierers auf Musik anwendet. Allerdings nicht auf irgendwelche Musik, sondern auf jene Muzak des modernen Lebens, die uns ständig im Berufsalltag, auf Reisen und zwischen den Orten umgibt. Als Samples wandern Ausschnitte aus den Telefonwarteschleifen und Musikunterhaltungsprogrammen internationaler Fluggesellschaften und Hotels in den virtuellen Vervielfältiger. Dauertöne, die an das nervige Summen eines nimmermüden Kopierergebläses erinnern, vermischen sich mit dem Echo eines Lautsprecheransagengongs zu surreal anmutenden Klanglandschaften.

Der besondere Zauber entsteht durch die Fehlerquellen, die sich bei wiederholten Kopiervorgängen ergeben. In Wirklichkeit ist keine Kopie wie die andere, aus diesen Ungenauigkeiten schöpft Carsten Nicolai das Musikalische seiner Geräuschkunst. Die Melodien, die sich Gehör und Bewusstsein besser merken können, als rhythmische Unterschiede, ähneln in ihrer Schlichtheit den einfachen plakativen Farben alter Xerox-Kopien. Spinnwebenfein jedoch dämmern sie nun herauf aus der unbewussten Wahrnehmung und wirken in ihrem neuen Ambiente voller verfremdetem Rauschen und Pulsieren viel intensiver und berührender, als das Original aus der Flughafenhalle oder dem Hotelaufzug.

In seinen früheren Klangwelten ging es Carsten Nicolai um experimentelle Abstraktion. Als Noto schuf er Werke von naturwissenschaftlicher Strenge und kristalliner Eleganz, seine Kooperationen mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto fanden weltweite Beachtung. Mit Xerrox eröffnet er nun auf dem Chemnitzer Label Raster-Noton eine neue Reihe musikalischer Transaktionen, der ersten CD sollen weitere folgen. Und er meint es ernst mit der Kopieridee: Nicht nur auf dem Silberling für den CD-Schlitz und auf Liebhaber-Vinyl sind die Stücke zu haben, man kann sie auch als SD-Card, als Datenspeicherchip, erwerben! Genau wie bei dem kleinen Ding in der Digitalkamera können die Daten dann beliebig kopiert, weiterverbreitet oder sogar gelöscht und neu überspielt werden.

Doch so flüchtig und austauschbar Daten ihrer technischen Natur nach sein mögen, die musikalisch hintergründige Tristesse auf Xerrox gräbt sich umso tiefer ein. Der kühle, verlorene, aber irgendwie auch selbstvergewissernde Blick von außen, dieses akustische Schweben im Off des ansonsten hektischen Treibens, halten einen noch lange gefangen. Es ist das Lied vom summenden Faxgerät, das der Letzte im Büro vergessen hat auszuschalten. Es ist die Hymne vom weißen Rauschen im Fernseher, als es noch Programme gab, auf denen zwischen nachts und morgens nichts mehr lief. Es ist die Ballade des Geschäftsreisenden, der sich auf der Taxifahrt durch graue Vororte zum Flughafen nicht mehr an die Gesichter oder Namen der Leute erinnert, mit denen er den letzten Drink an der Hotelbar genommen hat. Es ist der Blues des Digitalkünstlers, der dem Schöpfungsfluss von Abbild zu Abbild mit der nächsten Kopie die stille Euphorie kleiner Differenzen entgegenschleudert.

„Xerrox Vol. 1“ von Alva Noto ist als CD, als Doppel-LP und als limitierte SD-Card erschienen bei Raster Noton; das Album ist erhältlich u.a. im Labelshop von Raster Noton

Hören Sie hier „Haliod Xerrox Copy 2 (Airfrance)“ und „Haliod Xerrox Copy 6“

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Queen Kong schläft nicht

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No Women No Cry Vol. 2

Im dritten Stück auf CD 3 springen sie uns an, Godzilla, King Kong und Konsorten. The Creatures lassen zu hämmernden Metallorgien und kreischenden Gitarren die Monster von der Kette. The Creatures? Wer waren die nochmal? Ach ja, gegründet im Jahr 1981 als Nebenprojekt von Siouxsie und Budgie, weil die Sängerin und der Drummer der legendären Siouxsie and the Banshees mehr Freiraum für ausgeflippte Ideen suchten. Godzilla erschien im Jahr 2003 als eine späte letzte Single. Das Image von Härte, Wildheit und verruchtem Sado-Maso hatte sich allmählich abgenutzt, kurz darauf lösten sich The Creatures auf.

Ein typisches Beispiel der Spurensuche auf Girl Monster. Alex Murray-Leslie vom deutsch-amerikanischen Projekt Chicks on Speed hat bei der Auswahl wahre Wunder vollbracht, ihre Geschichte der Frauen in der alternativen Musik ist beispiellos: 60 Stücke auf 3 CDs. Mit einem Riesenaufgebot an Underground-Musikerinnen, unbekannten Talenten, vergessenen Heldinnen und Vertreterinnen der jüngsten Avantgarde geht es vorwärts, rückwärts und quer durch die letzten 30 Jahre – vor allem quer zum männlich dominierten Popgeschäft.

Queen Kong schläft nicht: Von Punk über Rrrriot-Rock bis zu modernem Elektropop, bratzendem Laptop-Funk und Frickelelektronik mit oder ohne Gesang sind das dreieinhalb Stunden monströs gute Musik von den Mädels. Das passt in keine Schublade, nichts klingt nach bloßer Erinnerung. Die kluge Zusammenstellung und Abfolge der Stücke erzeugt eine aufregende Grundspannung, als hätten das grummelnde Geschrammel der Girl-Bands aus den Achtzigern und der fein pochende Elektrohouse oder die sparsamen Acid-Bässe aus den Alleinunterhalterrhythmusgeräten von heute schon immer einen gemeinsamen Herzschlag gehabt.

Wo waren sie nur hingeraten in unseren Köpfen, Pionierinnen weiblicher Alternativkultur wie die Slits? Auf CD 2 gemahnt eine seltene Live-Version von ihrem Typical Girl aus dem Jahr 1980 daran, dass es den funky Groove der Selbstbehauptung, wie ihn die Latex-Punk-Gören Peaches, Angie Reed oder Mignon aktuell praktizieren, ohne sie nicht gegeben hätte. Und was für einen herrlich linksradikalen Hirndurchpuster schufen doch Delta 5 aus Leeds im Dezember 1979 mit ihrer ersten Single Mind Your Own Business, da wirkt der leichtfüßige Euro-Disco-Feger Sexy von den zwei sehr jungen, sehr flotten Schwedinnen Cat5 beinahe konzeptionell.

Auch ganz zarte Töne sind aus dem Spätwerk des Punk erwachsen, Ana Da Silva von den Raincoats zeigte es vor zwei Jahren mit ihren Keyboard-Balladen auf dem Soloalbum The Lighthouse. Ihr Beitrag Full Moon ist wie 39 weitere Stücke eine Exklusivversion für die Girl Monster-Sammlung. Slits-Sängerin Ari Up, deren Mutter dereinst mit John Lydon von den Sex Pistols verheiratet war, bestreitet nach längerer Familienpause seit einigen Jahren erfolgreich ihre Solokarriere im Dub-Reggae. Auch Tina Weymouth von den Talking Heads und Cosey Fanni Tutti von Throbbing Gristle begegnen einem auf Girl Monster mit Beispielen ihrer Soloerfolge wieder.

Als Musikerinnenmanifest der späten neunziger Jahre steht Hot Topic von den Amerikanerinnen Le Tigre ganz obenan, daneben packt Planningtorock ihren psychedelischen Plastikpop aus. Alice Daquet alias Sir Alice aus Frankreich variiert ihn im Stück Super Hero zwischen Klangforschung, absurder Kunst, dem Label Tigersushi und der Nouvelle Vague. Ebenfalls mit dem französischen Akzent der leichten Muse spendet Francoise Cactus vom Berliner Duo Stereo Total eine ergreifend tiefgründige Neudeutung des New-York-Dolls-Klassikers You Can‘t Put Your Arms Around A Memory, während die scheue österreichische Elektronikmusikern Susanne Brokesch mit einer Prise Hardcore und Halluzinationen David Bowies Heroes umgarnt. Die Berliner Elektronikgöttinnen Barbara Morgenstern und Gudrun Gut dürfen nicht fehlen, letztere umgeben vom doppelten Ruhm als Mitbegründerin der legendären Gruppe Malaria!. Weniger bekannt, aber spektakulär in ihren beigefarbenen russischen Sekretärinnenuniformen treten Client mit britischem Prog-Pop an. Am wildesten treiben es die kanadischen Lady Rocker Lesbians On Ecstasy und Kids On TV, was bei ihnen der entfesselte, zum Abtanzen peitschende Ungehorsam ist, verpacken Robots in Disguise aus England in fetzigen Glam-Punk.

Die Chicks On Speed rocken seit 1994 von München aus mit Trash-Kunst so glamourös wie kämpferisch auf Modenschauen und in Clubkellern. Auf ihrem eigenen Label Chicks On Speed Records toben nun die Girl Monster. Wie ein überdimensionales Pamphlet präsentiert sich auch die der Kompilation beigefügte achtseitige, gefaltete Zeitung künstlerisch konträr. Im Einzelnen auf die Musikauswahl bezogen wenig informativ, vermitteln die englischsprachigen Wortbeiträge jedoch eindringlich den Herzschlag der Sache, um die es geht: die fehlende oder einseitige Außenwahrnehmung von ganzen Generationen von Musikerinnen und ihre gesellschaftspolitische Brisanz. Eine Fortsetzung dieser Sammlung ist geplant, und selbst nach dem soundso vielten Hörmarathon nonstop durch alle 3 Monster-CDs möchte man sofort ausrufen: Bitte mehr davon!

„Girl Monster“ ist als 3-CD-Box erschienen bei Chicks On Speed Records

Hören Sie hier
„Super Hero“ von Sir Alice,
„Break Dance Hunx (Market Value Mix)“ von Kids On TV,
„Get Rid“ von Robots In Disguise
„Mind Your Own Business“ von Delta 5,
„Sheets“ von Electric Indigo & Dorit Chrysler,
„Sedation“ von Lesbians On Ecstasy und
„Heroes“ von Susanne Brokesch

Lesen Sie hier: Die Platten des Jahres 2006 – Eine Nachschau auf 100 Tonträger

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