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Unter dem Doppeldeckerbus

 

Über die Jahre (25): Vor 20 Jahren lösten sich The Smiths auf. Vier Studioalben veröffentlichten sie, „The Queen Is Dead“ aus dem Jahr 1986 ist das schönste.

The Smiths The Queen Is Dead

Ich lernte The Smiths kennen, als es sie schon vier Jahre nicht mehr gab. Ich war 15, da erstand ich 1991 auf dem Flohmarkt eine Sammlung mit dem tönenden Namen Subrock. Am meisten liebte ich ein Stück namens How Soon Is Now? von The Smiths aus Manchester. Ich nahm es elf mal hintereinander auf eine 60er-Kassette auf, hörte sie jeden Tag und sang den geratenen Text auf dem Weg zur Schule, nach Hause, einfach überall. Nach vier Wochen fraß mein Walkman das Band. Ich kaufte mir zwei Best-of-CDs und schließlich auch ihre vier Studioalben.

Wenn ich ihre Musik hörte, befiel mich stets das Gefühl, dass ich zu spät kam. Ich konnte nicht behaupten, dass mich 1983 ihre erste Single Hand in Glove ergriffen hatte, weil ich damals noch Jennifer Rush liebte und De doo doo doo de da da da von The Police mitsummte. Morrissey, der Sänger von The Smiths, konnte mir nicht aus dem Herzen singen, denn das gehörte noch ganz anderen. Ich fühlte auch nicht den Schmerz eines Fans, als der Gitarrist Johnny Marr im August 1987 die Band verließ und sie sich auflöste. Denn zu der Zeit hörte ich die Pet Shop Boys, Queen und U2. Ich halte auf Partys den Mund, wenn andere über die erste selbst gekaufte Platte reden.

Und doch sind The Smiths im Nachhinein ein Teil meiner früheren Jugend geworden. Teil meiner Erinnerung daran, wie es war, erwachsen zu werden. Ich habe das Gefühl, sie wären immer da gewesen. Heute fiele es mir leicht, ein Märchen zu erzählen. Etwa so: The Smiths war meine erste Lieblingsplatte, ich war elf damals und hatte keine Ahnung, worum es in den Texten ging. Ich war berührt von Titeln wie What Difference Does It Make und fand die Musik aufregend, wegen ihrer außergewöhnlichen Melodien und der Stimme des Sängers. Ich klagte und witzelte mit Morrissey über die Ungerechtigkeit des Lebens. Wie er wollte ich nie arbeiten. Jede wichtige Phase in meinem Leben war verbunden mit einer Smiths-Platte, die Stimmung ihrer Alben verstärkte jedes Mal meine eigene. Mein politisches Bewusstsein kam mit Meat Is Murder, der erste Kuss in irgendeiner Mannheimer Industriebrache am Hafen mit The Queen Is Dead und die spätpubertäre Renitenz mit Schlägereien und Schule schwänzen zu Strangeways Here We Come. So hätte es sein können, warum nicht?

Jede der vier Smiths-Platten wird verehrt und gleichzeitig kritisiert dafür, nicht perfekt gewesen zu sein. Genauso traf mein erster Kuss die Falsche, verfiel ich irgendwann wieder den Glutamatausdünstungen der Burgerketten und war auch die Renitenz nur ein Anrennen gegen Mauern. Wie sich das alles angefühlt haben muss, daran erinnere ich mich eigentlich nur, weil Morrissey es heute für mich singt – auf diesen alten Platten, die gar nicht alt klingen. Wie sich die Welt der Erwachsenen gegen die verschwor, die ich mir vorstellte; wie erhebend sich Sehnsucht anfühlen kann. Enttäuscht aber stolz, erniedrigt aber wütend. Und immer zynisch genug, nichts ernst zu nehmen, nichts an sich heran zu lassen. Man fühlt sich „miserable“. Morrissey singt dieses Wort oft.

Meine Lieblingsplatte der Smiths war immer The Queen Is Dead. Das grummelnde Titelstück ist ein schönes Beispiel dafür, wie melodiös sie Melancholie vertonten. „Life is very long, when you’re lonely“ schließt es. Vicar In A Tutu und Frankly, Mr. Shankly sind zwei typische Zweiminüter, flott runtergesungen und voller Zynismus. Auf der zweiten Seite des Albums finden sich die beiden fabelhaften Singles Bigmouth Strikes Again und The Boy With The Thorn In His Side. Die schönsten Stücke waren damals keine Singles, Cemetry Gates, Some Girls Are Bigger Than Others und There Is A Light That Never Goes Out, leichte Kompositionen. Wer nicht auf die Worte hört, der läuft Gefahr, The Smiths zu unterschätzen.

Wenn ich mich heute frage, wie sich pubertärer Liebeskummer wohl anfühlt, dann lande ich bei irgendeiner Liedzeile von diesem Album, meist bei There Is A Light That Never Goes Out: „And if a double-decker bus / Crashes into us / To die by your side / Is such a heavenly way to die.“ Das finde ich noch heute romantisch.

„The Queen Is Dead“ von The Smiths ist im Jahr 1986 bei WEA/Warner erschienen.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(24) Young Marble Giants: „Colossal Youth“ (1980)
(23) Sister Sledge: „We Are Family“ (1979)
(22) Rechenzentrum: „The John Peel Session“ (2001)
(21) Sonic Youth: „Goo“ (1990)
(20) Flanger: „Spirituals“ (2005)
(19) DAF: „Alles ist gut“ (1981)
(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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2 Kommentare

  1.   Frank Brauer

    Ich stolperte über die The Smiths 1985 in einem Budapester Plattenladen. Die Band hatte ich vorher im West-Radio gehört und kaufte auf Verdacht die LPs „The Smiths“ und „Meat is Murder“. Das war für ein DDR-Kid damals eine ziemliche Investition, denn pro Platte legte ich 100 DDR-Mark hin.
    Aber ich habe es niemals bereut und war dann spitz auf alle anderen Veröffentlichungen. Die LP „The Queen is dead“ kaufte ich übrigens 1988 von einem Bekannten für 150 DDR-Mark. Auch das habe ich nie bereut. Denn sie enthält für meinen Geschmack die besten Pop-Songs der Welt. Und diese Meinung pflege ich bis heute.


  2. […] entlang wurde und wird die Popmusikgeschichte geschrieben: Sgt. Pepper, Never Mind The Bollocks, The Queen Is Dead, Nevermind, OK Computer […]

 

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