‹ Alle Einträge

Pilgerväter im Glitteranzug

 

Über die Jahre (12): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: Die Byrds nehmen 1968 mit dem jungen Countryfreak Gram Parsons „Sweetheart Of The Rodeo“ auf. Und verleihen damit der Hinterwäldlermusik der Amerikaner ersten Popglanz

Cover Byrds

Als Countryfan hat man es schwer. Schnell gilt man mindestens als langweilig, wenn nicht gar als hochgradig reaktionär, wenn das Herz für die Klänge von Steel Guitar, Fiddel und Mandoline schlägt. Erfuhren solche Instrumente im Neo Folk Anfang der 90er Jahre noch neue Aufmerksamkeit, so sind dessen Anhänger mit ihren Bands gealtert. Der Pioniergeist anfangs großartiger Formationen wie zum Beispiel Lambchop hat sich leider sowohl in deren aktuellen Darbietungen als auch bei ihrem Publikum verflüchtigt.

Aber Halleluja, wenn es um alte Veröffentlichungen geht, findet sich das gewisse Etwas, das Kribbeln über eine besondere Band oder Platte, natürlich in reicher Auswahl. Das latente Unbehagen am konservativen Image von Country&Western einmal zum Anlass genommen, bietet sich hier ein Außenseiteralbum der Byrds an, um ein wenig über die Popwerdung des Country zu philosophieren. Sweetheart Of The Rodeo erscheint 1968, Popmusik hat den Rock’n’Roll längst als Ausdruck subversiver Jugendkultur beerbt.

Mit ihrer Version von Folk-Rock feiern die Byrds ab 1965 erste Erfolge. Markenzeichen der ersten Jahre ist die dreifache Gitarrenbesetzung und der unvergleichliche dreistimmige Harmoniegesang von Roger McGuinn, Gene Clark und David Crosby. Doch Folk ist ja nicht Country. Obwohl viele junge Musiker der Protestgeneration mit Country und Bluegrassmusik aufgewachsen und emotional tief in ihr verwurzelt sind, suchen sie in den 60er Jahren nach neuen Wegen hinaus aus dem Traditionalismus. Das führt auch dazu, dass der gelernte Mandolinenspieler Chris Hillman bei den Byrds nur den E-Bass spielt.

Als 1966 zuerst der sensible Gene Clark das Handtuch wirft und 1967 schließlich der zickige, herrschsüchtige David Crosby von den Übrigen gefeuert wird, ist die Zeit reif für einen neuen Rebellen. Durch Vermittlung Hillmans stößt der verträumte, aber künstlerisch sehr selbstbewusste Songschreiber und Multiinstrumentalist Gram Parsons zu den Byrds. Er übernimmt Gitarre, Keyboards, Gesang – und bringt den Country mit. Er ist von Anfang an eine Art Lichtgestalt in einer sich neu orientierenden Szene junger Countrymusiker. Er singt und spielt inspiriert von den alten sehnsüchtigen Melodien der Hinterwälder und der Musik des Südens, aber er fühlt wie ein rebellischer Popheld und gibt damit der Sehnsucht eine neue Richtung.

Die Stücke auf Sweetheart Of The Rodeo wirken etwas zusammengewürfelt. Letztlich aber sind die vielen Coverversionen, von Dylan-Hits und Klassikern des Gospelsoul wie You Don`t Miss Your Water bis zu Countryballaden von Woodie Guthrie und Merle Haggard, nicht einmal untypisch für ein Byrds-Album. Dafür ist der Stilbruch der musikalischen Mittel umso heftiger, nie zuvor hat eine Rocktruppe plötzlich mit einem Ensemble von Studiomusikern aus Nashville und Instrumenten wie Steel Guitar, Geige, Banjo, Mandoline eine Popplatte aufgenommen.

Begeisterte Kritiken, aber schlechte Verkaufszahlen sind das zwiespältige Echo auf einen nun ganz anderen Byrds-Schmelz. Von religiöser Bedächtigkeit und Schwere befreit, hängt I Am a Pilgrim seine Fahne in den Wind popfrisch geschmetterter Wehmut, die melodischen Arrangements selbst des trippelnden Banjos wollen vorwärts, anstatt in grüblerischem Blues zu verharren. Besonders die von Gram Parsons mitgeschriebenen Songs Hickory Wind und One Hundred Years From Now, aber auch das adaptierte Blue Canadian Rockies kommen seiner Idee vom „Cosmic Rock“ am nächsten: Angelehnt an die psychedelische Stimmung der vorangegangenen Byrds-Platten seit Fifth Dimension, lehren sie den vom Bluegrass aufgewirbelten Straßenstaub das Fliegen.

In diesem Sinne ist Sweetheart Of The Rodeo vor allem der Funke, an dem sich der Geist für legendäre Platten anderer Bands der folgenden Jahre entzündet. Das Besetzungsdrama bei den Byrds führt unterdessen nur zu weiteren persönlichen Zerwürfnissen, bis auch der duldsame Chris Hillman die Nase voll hat und die Band kurz nach Gram Parsons Ausstieg verlässt. Zusammen reorganisieren die beiden die Gruppe The Flying Burrito Brothers. Das Debüt The Gilded Palace Of Sin kommt schon 1969 und bringt Parsons Träume endlich auf den Punkt: Abgefahrener als mit diesen zwischen Himmel und Hölle kurvenden, vom Fuzzpedal verzerrten Gitarrenslides zu zuckrigem Mandolinengezirpe kann keine Formation das Establishment erschüttern und Spottlieder dichten über Sin City, das allzu feine San Francisco.

Im selben Jahr taucht auch Ex-Byrd Gene Clark mit einer neuen Countryplatte auf, gemeinsam mit Doug Dillard von den Dillard-Brüdern spielt er einen Meilenstein modernster Hillbilly-Musik ein: The Fantastic Expedition Of Dillard & Clark. Mit von der Partie ist Bernie Leadon, der später als Gründungsmitglied der Eagles die Popularisierung von Country Rock als kulturellem Aushängeschild Amerikas betreibt.

Musikalisch überflügeln The Gilded Palace Of Sin und The Fantastic Expedition Of Dillard & Clark den Countryausflug der Byrds. Doch irgendwo im Dreiklang dieser ungeplanten Trilogie liegt der Wendepunkt, der interessanter ist als das meiste, was danach noch kommt. Die Byrds hangeln sich mit mehr Irrungen als Höhepunkten bis zu ihrer Auflösung 1973, im selben Jahr stirbt Gram Parsons nach kurzer Solokarriere mit 26 an Drogen und Alkohol den frühen Heldentod eines Popmessias.

Es ist das Geheimnis solcher Geschichten und ihrer Platten, dass sie noch heute nach Abenteuer und Aufbruch klingen, an manchen Tagen sogar mehr als die Neuerscheinung, die einem vorgestern noch so aufregend erschien.

„Sweetheart Of The Rodeo“ von den Byrds ist erhältlich bei Columbia/Sony BMG

Hören Sie hier Ausschnitte aus „Blue Canadian Rockies“ und „I Am A Pilgrim“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

2 Kommentare

  1.   dave_jean

    Hi, super Blog, stöbere hier schon seit einiger Zeit rumm. Leider sind bei den neueren Blogs die Musikbeiträge kaputt, d.h. Fehler auf der Seite…javascript Fehler… blupp…Wollte nur mal daraufhinweisen. Gruß Dave

  2.   Jobst Braun

    Entschuldigung, aber Country aus Nashville war schon Pop bevor Gram Parsons und die Byrds ihn für sich (wieder)entdeckten. Aber es ist eben nicht dieser relativ brave Country-Pop der 60er Jahre, den die Byrds auf Sweetheart spielen. Sie beziehen sich vielmehr – wie in den Jahren danach die Nitty
    Gritty Dirt Band – auf den Honky-Tonk Sound der späten 40er und frühen 50er Jahre, auf den sich auch zeitgenössische Country Sänger wie Merle Haggard oder Buck Owens berufen, sowie auf den in den 40er Jahren entstandenen Bluegrass, den Hillman schon vor den Byrds mit den Hillmen gespielt hatte. Die Byrds waren mit diesem Sound zunächst doppelt Außenseiter, da weder das herkömmliche Country Publikum noch der ’normale‘ Pop Hörer mit dieser Fusion etwas anfangen konnte.
    Und „Sin City“ ist mitnichten San Francisco, sondern Los Angeles, die musikalische Heimat der Byrds, der Eagles und vieler anderer sogenannter Westcoast Bands

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren