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Aus der Welt gefallen

 

Über die Jahre (2): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: „The Madcap Laughs“, das zerfaserte und wunderschöne Solodebüt des Pink Floyd-Gründers Syd Barrett

Cover Syd Barrett

„Das Portrait eines Zusammenbruchs“ sei es, schrieb ein Kritiker bei Erscheinen des Albums. 1970 war das. Pink Floyd, die Band, die Barrett einst gegründet hatte, wurde damals zum Stadion-Großereignis, ohne ihn. Und Barrett? Ein kurzes Aufflackern, zwei Soloalben, psychedelische Drogen. Er verschwand. Ein Mythos, allenfalls vergleichbar mit zwei anderen Rock’n’Roll-Opfern der sechziger Jahre: Brian Wilson und Roky Erickson. Barrett ist der mysteriöseste unter ihnen. Von seiner kurzen Phase im Rampenlicht hat er sich nie erholt. Mit Rockstar-Romantik hat das nichts zu tun. Im Juli 2006 ist er mit 60 Jahren gestorben.

Zeitlos klingt das, was uns von ihm musikalisch erhalten geblieben ist und was er mit Mitte 20 schrieb. Sein Solodebüt The Madcap Laughs ist minimalistisch. Es konzentriert in 13 Miniaturen Pop und Poesie, Licht und Schatten. Selbst in den vollkommen zerfaserten Momenten, wenn er ansetzt, abbricht, noch einmal beginnt, erstrahlt die Seele dieser Stücke. Es gibt keinen Schutzwall mehr zwischen ihm und den assoziativen Texten, zwischen Gefühl und Melodie. Die Songs sind das Abbild einer aus den Fugen geratenen Innenwelt. Seine Stimme wirkt entrückt. Ob es auch seine Seele ist?

Es mag bessere Gitarristen und Sänger in den späten Sechzigern gegeben haben, an Ausdruck und Innovationskraft können es wenige mit Barrett aufnehmen. Die repetitiven, verzerrten Gitarrenlinien, rückwärts abgespielten Tonspuren und kindlich-spielerischen Melodien haben die Zeit überdauert. Die Nachwirkungen sind noch heute zu spüren: bei der Weird Folk Szene um Devendra Banhart, bei Julian Cope und seinem entrückten Album Fried, bei Robin Hitchcock und zahllosen Vertretern der britischen Popschule, von Damon Albarn bis hin zu The Kooks.

Wer Dark Globe, Feel oder If It’s In You heute hört, spürt noch das Flackern, das Barrett heimgesucht haben muss. Golden Hair, zwei zarte Minuten mit den Worten des Dichters James Joyce, und das psychedelisch experimentierfreudige No Good Trying wirken gefestigter. Late Night, das letzte Stück des Albums, ist eines der schönsten Liebeslieder überhaupt – Sehnsucht im Schlepptau. „Tief drinnen fühle ich mich ganz allein und unwirklich“, singt Barrett darin, „und die Art, wie du küsst, wird immer etwas ganz Besonderes für mich sein“. Es ist der Schlusspunkt einer psychedelischen Pop-Reise, die Barrett wenig später im Haus seiner Mutter in Cambridge nur noch als einen Bestandteil seiner Vergangenheit betrachtete.

Es führte kein Weg zurück. Nicht zu Pink Floyd, nicht zur Popmusik. Gegärtnert haben soll er in den Jahren danach und große Gemälde angefertigt, die er anschließend zerstörte. „I know where Syd Barrett lives“, sang Dan Treacy mit seiner Band Television Personalities in den frühen Achtzigern. Es ist nicht mehr länger Cambridge…

„The Madcap Laughs“ von Syd Barrett ist als CD erhältlich bei Capitol/EMI

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „No Good Trying“

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3 Kommentare

  1.   natascha

    interessant

  2.   Oliver

    stimmt. die platte ist ein zeitlos schönes werk.

  3.   Sven

    Man merkt der Kritik an, dass der Autor persönlich recht weit von der Ursprungszeit des Albums entfernt ist. 1970 erschien von Pink Floyd das Album ‚Atom Heart Mother‘, im Jahr davor wurde die Platte ‚Ummagumma‘ veröffentlicht. Die Musik dieser Platten hatte zur Veröffentlichungszeit bei weitem noch nicht den Erfolg, den sie im Zuge der zeitlich deutlich später anzusiedelnden Erfolge der Alben ‚Dark Side of the moon‘ und ‚Wish you were here‘ erreichte. Die Band spielte aus heutiger Sicht in mittleren Hallen. Auf der 1970er Tour spielte die Band in der Größenordnung vom Filmore East, auf der 1969er Tour in der Größenordnung von Colleges. Insgesamt war die Rockmusik dieser Jahre vom ‚Stadion-Großereignis‘ noch weit entfernt. Die ersten Stadionauftritte von Pink Floyd erfolgten 1977 und waren eher singuläre Ereignisse. Die 77er Tour erfolgte noch größtenteils in Hallen, die nun jedoch schon die Größenordnung der Dortmunder Westphalenhalle aufwiesen.

    An der Kritik stört mich, dass der Kritiker sich recht wenig mit der Ursprungszeit der Musik auseinandergesetzt hat. Derartig flapsige Bemerkungen, wie ‚Pink Floyd wurden damals zum Stadion-Großereignis‘ zeigen dieses eindrucksvoll auf. Ich empfehle dem werten Kritiker nicht nur Musik zu hören, sondern sich darüber hinaus ein wenig stärker mit den Kontextvariablen dieser Musik zu befassen.

 

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