Verschwende deinen Mythos

Die Fehlfarben – zu jung zum Sterben und zu alt für den Punkrock. Als jugendliche Rebellen gehen sie auf ihrem neuen Album „Handbuch für die Welt“ nicht mehr durch

Dieses Mal zählt’s. Als vor fünf Jahren die alten Herren des deutschen Punk nach vieljährigem Hobbymusikerdasein wieder die Gitarren umschnallten, war noch nicht ganz sicher, wohin die Reise gehen sollte. Zurück in die Vergangenheit oder mitten hinein ins Hier und Jetzt? Ein Aufenthalt auf Dauer oder doch nur der Versuch, kurzfristig in Jugendzeiten versäumte Rendite einzuspielen, um das Rentnerdasein finanziell ein wenig abzufedern? Knietief im Dispo war die Mission überschrieben: ein augenzwinkernder Seitenhieb auf all die geschmäcklerischen Rückkehrversuche, von denen das Popgeschäft im Zeichen der eigenen Wiederkehr seit je wimmelt. Bis dahin war die Band Fehlfarben ein deutscher Punk-, wenn nicht Popmythos, der auf immer mit dem Jahre 1980 verbunden sein sollte. Ihr Revoluzzer-Monument Monarchie und Alltag bildete für viele ihrer damaligen Hörer, also die heutigen Mitt- und Endvierziger, die Tonspur ihrer Jugend. In den Texten von Peter Hein fand zusammen, was einmal zusammengehörte: bundesrepublikanische Alltagsbeobachtungen und jugendliches Rebellentum, Punk und Politik.

Fast mag das heute ein wenig anachronistisch anmuten, in Zeiten, in denen der Revoltenchic vergangener Tage längst zum Marktsegment verkommen ist und auf Privatsendern in Achtziger-Jahre-Mottoshows auch die Fehlfarben ihre 60 Sekunden Ruhm ernten dürfen –kommentiert von den einstigen Klassenfeinden. Geschichte wird gemacht – so oder so, auch wenn’s musikalisch längst nur noch an anderer Stelle vorangeht. Volle Kraft voraus, Viervierteltakt, Punkrock? War da was?

Vom Mythos der jugendlich ungestümen Rebellen sind die Fehlfarben heute so weit entfernt wie nur denkbar. Ihr Verdienst um die deutschsprachige Musik ist unbestritten. Trist ist allenfalls die Gegenwart: Ein paar ergraute Herren proben noch einmal den Aufstand und schwingen das Schwert der gesellschaftlichen Fundamentalkritik. Unerbittlich im Gestus, rückwärtsgewandt in den ästhetischen Mitteln. Neu, frisch und unverblümt klingt auf dem aktuellen Album Handbuch für die Welt wenig. Die, die sich Ende der Siebziger aufmachten, den Altherrenrock von der Bühne zu fegen, sind selbst zu einer Altherrenband geworden. „Ja, wir sind anders, anders geblieben“, grummelt Peter Hein im Eröffnungsstück des Albums, als gelte es, mit aller gebotenen Schärfe noch einmal den neuen, alten politischen Standort zu bestimmen. Nur: Die Zeiten haben sich gewandelt. So sehr die Fehlfarben in den Achtzigern in ihre Zeit passten und diese widerspiegelten, so weit sind sie heute von allen gesellschaftlichen und musikalischen Strömungen entfernt.

Wehe dem, der am eigenen Mythos kratzt. Zu jung zum Sterben und zu alt für den Punkrock: Es ist das Malheur aller zu früh Geborenen, die Helden waren, als sie das selbst noch nicht wussten. Ironischerweise gelingt den Fehlfarben des Jahres 2007 mit dem einzigen wirklich alten Stück, einer Coverversion der singenden GIs The Monks (We Do Wie Du), ihre zeitgenössischste Ausformulierung. Für einen Moment weicht alles Bedeutungsschwangere aus den Zeilen, aller bleierne Schwulst aus den Arrangements. „We do as you, we do, we do, wie du, wie du.“ Du, das heißt bei den Fehlfarben wohl „wir“, – Humor lugt durch die Zeilen. Nichts gibt’s umsonst: keinen Mythos und keine Wiederkehr. Der Rest ist Geschichte.

Hören Sie hier „Anders geblieben“

„Handbuch für die Welt“ von den Fehlfarben erscheint am 20. April bei V2 Records

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Wenn die Zahnfee kommt

Im Land der Teebäume singen holde Feen Weihnachtslieder, und die Bläser der Heilsarmee scheppern klagend. Der Schwede Peter von Poehl singt, als hätte sich Brian Wilson in die Tundra verirrt

Wenn der schwedische Musiker Peter von Poehl deutsch spricht, hat er einen auffälligen österreichischen Akzent. Ob es daran liegt, dass er lange mit dem österreichischen Musiker Florian Horwath zusammengearbeitet hat? Gemeinsam werkelten sie in der Graefestraße in Berlin an Aufnahmen, Graefe Recordings nannten sie sie. Deutsch habe er aber von seinem Vater gelernt, erzählt der 33-jährige von Poehl. Seine Mutter ist Schwedin. In Schweden ist er aufgewachsen, von dort hat es ihn 1998 nach Frankreich verschlagen, dann vor zwei, drei Jahren nach Berlin, genauer Kreuzberg. Er arbeitete mit Bertrand Burgalat zusammen, begleitete den Autor Michel Houellebecq auf Tournee und produzierte das letzte Album des Königs der Nouvelle Chansons, Vincent Delerm.

Was hat ihn nun dazu gebracht, an eigenen Stücken zu arbeiten? „Um ehrlich zu sein: Ich musste diese Platte machen, ich hatte keine Wahl.“ Das Album Going To Where The Tea Trees Are ist zur Hälfte in Schweden und zur anderen Hälfte in Deutschland entstanden, Aufmerksamkeit wurde ihm zuerst in Frankreich zuteil. Beim Pariser Sender Radio Nova wurde seine erste Single Going To Where The Tea Trees Are zum Hit.

Wenn man in Schweden aufwächst, berichtet er, habe man nur zwei Möglichkeiten: „Entweder du spielst in einer Rockband oder Fußball. Ich war immer eher derjenige, der in der Rock- oder Garagenband gespielt hat. In meiner Heimatstadt Malmö bekamen wir den Proberaum von der Stadt gestellt. Wir haben monatlich sogar 50 Euro erhalten, um uns Instrumente zu kaufen. Natürlich haben wir davon eher Bier gekauft.“ Gibt es diese Förderung junger Bands noch immer? „Ich glaube nicht. Aber zu meiner Zeit waren auch die staatlichen Musikschulen für alle Kinder frei. Es ist ein Grund dafür, dass es so viele schwedische Bands gibt.“

Going To Where The Tea Trees Are erzähle vor allem von seiner komischen Beziehung zu seinem Heimatland. Man könnte auch sagen: von der Suche nach einer Heimat. „Schweden ist für mich einerseits bekannt, andererseits vollkommen fremd. Eine wirkliche Heimat habe ich noch immer nicht gefunden.“ In Berlin glaubte er anfangs, einen solchen Ort gefunden zu haben: „Berlin ist weit genug entfernt von Schweden, aber auch nicht zu sehr. Ich glaube, in Schweden gibt es pro Quadratkilometer zehn Menschen, in Paris eine Million. Und in Kreuzberg? In der Graefestraße, hatte ich das Gefühl, gibt es einen Graefe pro Quadratmeter. Das hat mir sehr gut gefallen.“

Mit subtilen Arrangements nimmt er die Hörer gefangen. Kindergitarre und Bläserensemble gehören für Peter von Poehl zusammen. Mit hauchzarter Stimme singt er zur akustischen Gitarre von der Sehnsucht nach einem Platz im Leben, vom Reisen und der Tooth Fairy, der Zahnfee. Saxofon und Tuba, Cello, Flöte, Klarinette und analoge Keyboards umspielen sich. Mit schwedischem Garagenrock hat das wenig zu tun.

Spricht durch die opulenten Hintergrundchöre ein Brian Wilson aus der schwedischen Tundra zu uns? Der Vergleich sei sehr schmeichelhaft und mache ihn stolz, sagt von Poehl, aber eigentlich seien seine Stücke weit mehr von schwedischen Weihnachtsliedern beeinflusst, als von den Beach Boys. „Als Kind habe ich im Schulchor gesungen. Die Arrangements kommen daher. Mich hat damals auch die Kapelle der Heilsarmee sehr beeindruckt. Deshalb verwende ich Bläser. Bei uns gab es in jedem Klassenzimmer ein Harmonium. Jeder Morgen begann mit Musik. Die Lehrerin setzte sich ans Harmonium und begann zu singen, wir stimmten ein.“

“Home is where my heart is”, singt er in A Broken Skeleton Key. Englische Texte, deutschsprachige Interviews, französisches Lebensgefühl und schwedische Erziehung: Irgendwo dazwischen liegt die Heimat des Peter von Poehl. Sein Album träumt ausgehend von den musikalischen Eindrücken seiner Kindheit vom Pop der Gegenwart. Seit Kurzem führe er das auch hin und wieder opulent live auf – „mit zehn Musikern, Bläsern und allem drum und dran“. In Paris trat er mit großer Besetzung unlängst sogar in der altehrwürdigen Cigale auf.

Hören Sie hier „A Broken Skeleton Key“

„Going To Where The Tea Trees Are“ von Peter von Poehl ist erschienen bei Herzog Records/Edel Contraire

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Der Luxus-Leider

Als Sänger der britischen Band Suede war Brett Anderson immer ein arroganter Mime. Die Stücke seines ersten Soloalbums spülen die Theaterschminke weg – er singt von echten Gefühlen

Was war Brett Anderson für ein Wichtigtuer zu Beginn seiner Karriere als Sänger der britischen Band Suede. Manchen Auftritt absolvierte er mit dem Rücken zum Publikum. In Interviews berichtete er ausführlich von seinem – Achtung, verrucht! – bisexuellen Lebensstil. Glamrock, David Bowie und Gender-Verwirrung waren die Bausteine seiner Karriere. Die Gefühle, von denen er sang, nahm man ihm nicht ab, alles war Pose. Suede wirkten wie ein gut durchdachtes, blutleeres Planspiel auf der Bühne des Pop. Die Gitarrenakkorde trieften, in den Texten reimte sich „bar“ erwartbar auf „car“. An jeder Ecke lauerte Wehleidigkeit. Die Anhängerschaft war riesig.

Ein Wandel im Auftreten setzte erst ein, als Andersons Stern sank. Auf einer der letzten Tourneen von Suede mussten sie auf Festivals die große Bühne für neue Gitarrenbands aus Amerika räumen. Suede spielten so engagiert wie nie. Zum ersten Mal glaubte man einen Blick hinter die Maske des Brett Anderson erhaschen zu können: Ein angstverzerrter Unterhalter stand da, dem die Zeit davonlief. Crack und Heroin brachten den kreativen Stillstand, im Jahr 2003 verkündeten Suede, auf unabsehbare Zeit nicht mehr gemeinsam aufzutreten. Zwei Jahre darauf nahm Brett Anderson ein Album mit der Band The Tears auf. Die Posen der Anfangsjahre legte er ab, die Gefühle, die er einst nur mimte, schienen nun echt.

Auf seinem ersten Soloalbum gibt sich der Engländer persönlich und ungeschützt. Es steigt herab von der Theaterbühne – in den Orchestergraben. Seine Luxus-Leiden haben Spuren hinterlassen, er singt von Drogen, Reichtum, seelenlosen Liebschaften und der großen, verflossenen Liebe. Viele Torch-Songs sind dabei, Liebeslieder eines unfreiwillig Entliebten. Die große Geste liegt ihm immer noch am Herzen. Streichergirlanden umranken die Lieder. Das Piano und dezente Gitarrenlinien schaffen Intimität. Das Album mutet trotz gelegentlicher orchestraler Opulenz spartanisch an.

Das Stück Scorpio Rising ist eine Referenz an den gleichnamigen Film von Kenneth Anger. Die Zeilen „There’s anger in their skin / (…) They move with murder in their veins” klingen wie ein spätes Echo auf die Halbstarken-Bilder, die Anger 1963 mit Musik von Elvis Presley, Ray Charles und Martha Reeves & The Vandellas unterlegte.

Brett Anderson hat über den Umweg einer in den Sand gesetzten Karriere zu sich selbst gefunden. Seine aktuellen Stücke erzählen nur von ihm. Manchmal rührt einen das an.

Hören Sie hier „Scorpio Rising“

„Brett Anderson“ von Brett Anderson ist erschienen bei V2

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Würstchen und Kartoffelbrei

Der Engländer Mark E. Smith hat es schwer. Jeder Musiker, den er in seine Band The Fall aufnimmt, erweist sich bald als Verräter, Lügner oder Dummkopf. So gut sein neues Album „Reformation! Post-TLC“ auch klingt, lange wird er es wohl auch mit seiner neuen Band nicht aushalten

Mark E. Smith hat in den vergangenen dreißig Jahren an die neunzig Alben unter dem Namen The Fall veröffentlicht. Großen kommerziellen Erfolg hatte die Band nie. Sie wird von unzähligen Kollegen in Amerika und England geschätzt, vor allem wegen ihrer Kompromisslosigkeit. Der englische Radiomoderator John Peel gehörte zu den größten Verehrern ihres musikalischen Minimalismus.

Eine der liebsten Geschichten über Mark E. Smith ist mir die des englischen Musikers Roger Quigley. Beide wuchsen im selben Stadtteil Manchesters auf, in Salford. Als Quigley anfing, Musik zu machen, war Smith bereits eine Ikone. Quigley erhoffte sich von seinem populären Nachbarn ein wenig Unterstützung für seine damalige Band. Über Wochen habe er regelmäßig an Smiths Tür geläutet, berichtete er. Immer sei Brix, die damalige Frau des Sängers, an die Sprechanlage gegangen, um zu vermelden, ihr Mann esse gerade seine geliebten bangers & mash, Würstchen und Kartoffelbrei, und dürfe unter keinen Umständen gestört werden. Quigley ließ nicht locker: „Ich rief an, klingelte an der Tür, gab ihm Demotapes, terrorisierte ihn. Irgendwann hat es dann geklappt. Leider haben wir uns kurz danach wieder getrennt.“ Mittlerweile schreibt Quigley melancholische Lieder unter seinem eigenen Namen oder werkelt zusammen mit Marc Tranmer als Montgolfier Brothers an minimalmusikalischen Klanglandschaften. Damals spielte er zweimal im Vorprogramm von The Fall und veröffentlichte ein Stück auf einer von Smith herausgegebenen Kompilation.

Mark E. Smith wird sich an all das kaum erinnern können, mit zu vielen Musikern hat er in den vergangenen dreißig Jahren zusammengearbeitet, über kaum einen äußert er sich lobend. Vor einem knappen Jahr entließ er während einer Amerika-Tour seine letzte Band. Der Titel des aktuellen Albums Reformation! Post-TLC ist zum Teil den einstigen Kollegen gewidmet: TLC stünde, das hat er unlängst der Spex verraten, für „traitors, liars and cowards“, gemeint sei damit seine letzte Band.

The Fall sind Mark E. Smith. Smith hingegen ist nicht nur The Fall. Und Smith ist dieser Tage so produktiv wie nie. Im Juni erscheint seine Autobiografie Renegade: The Gospel According to Mark E. Smith. Davor noch wird man ihn an der Seite von Andi Toma und Jan St. Werner von Mouse on Mars unter dem Projektnamen Von Südenfed hören.

Das kompakte Reformation! Post-TLC fügt dem Klangkosmos des schnoddrigen Poeten wenig Neues hinzu. Smiths bellende Fabulierwut zerhackt die Rock’n’Roll-Geschichte, auch mit neuen Musikern klingen The Fall nur nach The Fall. Im Insult Song beschimpft er seine ehemalige Band, die immer diese verdammte „Los Angeles Musik“ gehört habe – „over and over again“. Couch And Horses ist eine Annäherung an den Pop, die sich The Fall zwischendurch leisten können. Das Boat ist ein zehnminütiges Experiment. Smith und The Fall sind in der Gegenwart angekommen. Waren sie jemals weg?

„Reformation! Post-TLC“ von The Fall ist erschienen bei Slogan/Sanctuary

Hören Sie hier den „Insult Song“

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Rumpeln im Jungszimmer

Es geht durch die wilden Nächte Londons. Viel Alkohol, ein bisschen Koks – möge das Wochenende ewig dauern. Großbritanniens neuer Jugendheld Jamie T erobert die Mädchenherzen und träumt von der Liebe

Jamie T Panic Prevention

Seit einigen Monaten taucht sein Name immer wieder auf, in den Blogs und neuerdings auf den großen Feuilleton-Seiten. Der 20-jährige Jamie T ist der neue Held der britischen Jugendlichen. Die Texte sind nicht seine Stärke. Es ist die Art und Weise, wie er sie auf seinem Debütalbum Panic Prevention vorträgt, die im Gedächtnis bleibt: unmittelbar, ohne Selbstschutz.

Durch die Nacht Londons geht es. Einen Drink und noch einen, später eine Linie Koks, das Wochenende hört nie auf. Mädchen werden erobert, Alkohol senkt die Hemmschwelle, man träumt ein bisschen von der Liebe. Das ist eben Jungszeug, zumindest, wenn man wie Jamie T mit Anfang 20 in Großbritannien lebt.

Sein Akzent erinnert an Mike Skinner und Joe Strummer von The Clash. Ebenso wie Strummer hat Jamie Treays – so heißt der junge Mann mit vollständigem Namen – viel Zeit in Südlondon verbracht. Er hat Mixtapes aufgenommen und im „12 Bar Club“ in Soho den Bass angeschlagen, allein und mit Freunden. Panic Prevention Disco nannte sich die Veranstaltungsreihe, denn Jamie, so heißt es im Waschzettel der Plattenfirma, litt eine Zeit lang an „schweren Panikattacken“.

Vom politischen Bewusstsein The Clashs trennt ihn weit mehr als das Alter. Seine Lieder handeln vom Privaten. Viele spielte er in seinem Wohnzimmer ein. Rumpelnde Rhythmen, wuchtige Basslinien und grob zusammengefügte Klangschnipsel bestimmen die Heimbastler-Ästhetik. Genau das macht den Charme der Lieder aus. Kein Glattbügler der großen Plattenfirma durfte vor Veröffentlichung noch einmal Hand anlegen.

In die deutschen Hitparaden wird Jamie T es wohl kaum schaffen. In England hingegen ist ihm bereits mit seiner Debütsingle Salvador im vergangenen Jahr Platz 22 geglückt. If You Got The Money schaffte es sogar auf Platz 13. In seiner Musik vereint er viele Stile, zeitgenössische Tanzflächen-Spielarten gehören ebenso dazu wie Ska, Punk, Rock und Reggae. Der Minimalismus der Produktion weist die Richtung. Wirklich neu ist das alles nicht, aber in Zeiten zu vieler Einheitsproduktionen erfrischend.

„Beruhige dich, Liebste!“, heißt es in einem Stück. Und weiter: „Wir kommen nächste Woche wieder, da bin ich mir sicher, und sitzen dann in der Bar, die du kennst. Also Bye, Bye, Bye, wir versuchen, niemals zu sterben. Wir sind so jung, wir verstehen nicht, dass wir nicht fliegen können.“ Ach, süßer Vogel Jugend!

„Panic Prevention“ von Jamie T ist erschienen bei EMI/Labels

Sehen Sie hier „Salvador“ und „If You Got The Money“

Jamie T ist Anfang März auf Tour durch Deutschland

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London ruft

Damon Albarn greift wohl nie daneben: Er ist Kopf und Sänger von Blur und den Gorillaz. Und auch sein neues Projekt The Good, The Bad & The Queen klingt ganz schön aufregend

The Good The Bad The Queen

Kaum eine Stadt spielt in der Geschichte der Popmusik eine so große Rolle wie London. Vom Swinging London über die Punkbewegung und den wuseligen Britpop der neunziger Jahre bis hin zu zeitgenössischen Tanzflächen-Spielarten, in den Clubs der Stadt entsteht Neues.

Viele Musiker haben London Alben auf den Leib geschrieben, die die Zeit überdauert und die Straßen zwischen Kings Cross und Tower Bridge ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt haben. London Calling von The Clash kommt einem in den Sinn, Blurs Parklife und Alben von The Jam, The Who und David Bowie.

Damon Albarn war als Kopf der Band Blur ein Auslöser der Britpop-Welle. Doch das erstarkte britische Selbstbewusstsein, die Rede von Cool Britannia und die enge Verbindung zwischen Tony Blairs New Labour und der Popmusik stießen ihn bald ab. So wendeten er und seine Band sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs Mitte der neunziger Jahre der amerikanischen Independent-Musik zu. Blur drehten entschlossen die Gitarrenverstärker auf, die Stücke ihrer späteren Alben klangen zerfahren. Der englische Pop wurde vom musikalischen Experiment abgelöst, ein Schlussstrich unter die eigene musikalische Vergangenheit gezogen. Später eroberte Albarn mit seinem Projekt Gorillaz (zusammen mit dem Zeichner Jamie Hewlett) den Tanzboden, machte eine kauzige Soloplatte (Democrazy, 2003) und tauchte in die Klangwelten Malis ein (Mali Music, 2002).

Mit drei namhaften Musikern wagt sich Albarn nun als The Good, The Bad & The Queen in die Weiten des Pop zurück. Paul Simonon spielte einst Bass bei The Clash, der Nigerianer Tony Allen war Schlagzeuger bei Africa 70 und Fela Kuti, und der ehemalige Gitarrist von The Verve Simon Tong unterstützte Albarn bereits bei den Gorillaz. Gemeinsam schufen sie eine Art Konzeptalbum über das multikulturelle London. Die Stadt stellte die Einflüsse bereit, der Sänger ersann gewohnt flockige Melodien.

Das Album ist ein musikalischer Schmelztiegel. Aus den Clubs geht es hinaus auf die Straße, die Industrie-Einöde im Rücken, lichte Punkte und Träume vor Augen: „When you are all uptight with fever inside / Let’s get out / And if we can’t do that what do you say / Let the past pass away“, heißt es in Behind The Sun zu schleppenden Rhythmen und somnambulem Gesang.

Man ist erinnert an The Specials. Im England der düsteren Thatcher-Jahre waren sie die erste aus schwarzen und weißen Musikern bestehende Band, die Punk und Reggae, Ska und Pop miteinander verband. The Clash erprobten zumindest stilistisch Ähnliches. Ihr Klassiker The Guns Of Brixton lebte von Simonons Reggae-infizierten, wuchtigen Basslinien. Auf The Good, The Bad & The Queen ist dieser Bass wieder zu hören. Er schlängelt sich durch den History Song, lädt zum Tanz in Northern Whale und gibt sich musikalisch nostalgisch im düsteren 80s Life.

Der Produzent Brian Burton – besser bekannt als DJ Danger Mouse – verpasst den Kompositionen Präzision und Klarheit. Akustisches Füllmaterial gibt es hier keins, nichts verdeckt die Melodien dieses großen London-Albums.

Das selbstbetitelte Debütalbum von The Good, The Bad & The Queen ist als CD und LP erschienen bei EMI

Hören Sie hier „Kingdom Of Doom“

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Bloß ein Zukünftchen

Muss man das zweite Album einer Band verreißen, die weltweit als Erneuerer des Genres angepriesen wird? Ja, denn Bloc Party lösen das Versprechen leider nicht ein

No Women No Cry Vol. 2

Mit Silent Alarm begann für die britische Band Bloc Party vor zwei Jahren eine Erfolgsgeschichte. Eine Million Exemplare des Albums wurden verkauft, Bloc Party wurden mit Preisen überschüttet. Mit A Weekend In The City versuchen sie nun, das Wunder zu wiederholen. Sie scheitern, wenn auch auf hohem Niveau.

Bereits vor der Veröffentlichung von Silent Alarm sah der New Musical Express in der Band um den schwarzen Sänger Kele Okereke die Zukunft. „The next most important band in rock“, lautete die Titelzeile im englischen Fachblatt des Hoch- und Niederschreibens. Was Bloc Party seinerzeit der Konkurrenz zwischen Glasgow und New York voraushatte, war die Rhythmussektion. Zwar klangen auch bei ihnen einige Vorbilder der Postpunk-Ära mit, doch die Präzision von Schlagzeuger Matt Tong in Kombination mit den vertrackten Bass- und Gitarrenlinien von Gordon Moakes und Russel Lissack ließen die Stücke neu und aufregend klingen.

Nun erscheint Album Nummer zwei. Es möchte wie das erste klingen und doch ganz anders sein. Chorgesänge und stimmliche Extravaganz haben Einzug gehalten. In den Texten wird das Leben des modernen Einzelgängers in den Metropolen rund um den Globus thematisiert: Die Nachwehen des 11. September sind spürbar, die Clubs bersten vor Drogen, und abseits der Tower Bridge herrschen Rassismus und Gewalt.

All das könnte ein interessantes Album ergeben, wäre da nicht die Allerwelts-Produktion von Jacknife Lee. Lee hat mit U2 gearbeitet, und das hört man. Das Gitarrenspiel klingt stadiontauglich, die Kompositionen sind pompös. Im schlimmsten Fall wabern flächige Keyboardschwaden im Hintergrund, im besten Fall weisen elektronische Spielereien auf die Tanzfläche. Nach gerade mal einem Album sind Bloc Party beim Operetten-Rock angekommen: große Gesten, prätentiöse Texte, wuchtige Klanggemälde.

Im Stück Kreuzberg destilliert Okereke seine Verzweiflung: Vom schalen Geschmack nach seelenlosem Sex singt er, von der Liebe und davon, dass irgend etwas sich ändern müsse. Und irgend etwas, das heißt alles. Die Musik kann mit dieser Verve nicht mithalten. Konsensrock ist keine Lösung. Nur hier und da besinnen sich Bloc Party auf ihre Stärken. Erkennbar wird dann, was diese Band einmal ausgemacht hat: Präzision und Klarheit.

Die Schwammigkeit der aktuellen Produktion verwischt den Kern der Stücke. Das Versprechen von der „nächsten wichtigsten Band des Rock“ klingt allerdings in jedem Stück noch an.

„A Weekend In The City“ von Bloc Party ist als CD und LP erschienen bei V2 Records

Hören Sie hier „The Prayer“

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Amerika ist ein Vorort von Paris

Helena Noguerra ist Romanautorin, TV-Moderatorin, Fotomodell und Musikerin. Unter dem Pseudonym Dillinger Girl träumt sie zusammen mit Federico Pellegrini alias Baby Face Nelson von Liebe, Gangstertum und amerikanischen Weiten

Cover Dilinger Girl

Bang! So karg wie der Name ist das ganze Album: Akustikgitarre und Stimme, mehr braucht Popmusik nicht. Eine dunkelhaarige Schönheit und ein Glatzkopf mit einem Geldschein zwischen den Lippen posieren auf der Hülle. Bonnie & Clyde sind wieder da. Fast 40 Jahre nach Serge Gainsbourg: ein Lächeln in den Augen und das Herz voller Verse. Zärtlich, brutal, ein musikalischer Gangsterfilm in Technicolor.

„Schlag mich hart“, haucht die unschuldige Schönheit, „damit ich ein wenig Traurigkeit in deinen Augen sehen kann.“ Später singt sie von der verlorenen Zeit, von all den Liebkosungen ihres Geliebten. „Wenn es einen Gott gibt, dann wirst du es sein, mon amour.“ Bars gibt es viele in diesem Liederreigen, zu trinken reichlich. Und irgendwann ist es Zeit, Veränderungen herbeizuführen, „Schweine fliegen zu lassen“.

Geschrieben und komponiert hat das Federico Pellegrini, der früher mit der französischen Rockband The Little Rabbits Musik machte und dessen aktuelles Projekt The French Cowboy heißt. Helena Noguerra und er – nur zwei Stimmen und eine Handvoll Akkorde. Ein leichter Hall bildet den Chor, eine Melodie wird gezupft für eine Ewigkeit, für die Wüste von Arizona. Dort, in Tucson, ist das Album eingespielt worden. Man hört es ihm an. So klingt Amerika in Frankreich.

„Ich hatte Lust auf ein amerikanisches Album, so in der Art von Hope Sandoval und Jessy Sykes“, sagt Helena Noguerra im Interview. Mit ihrem Mann, dem Musiker Philippe Katerine, hat sie bereits den Bossa Nova und den Pop erkundet. Kylie Minogues Can’t Get You Out Of My Mind verzärtelten die beiden auf dem Album Née Dans La Nature. „Ich versuche mich ständig neu zu definieren“, sagt sie. „Deshalb habe ich mich am Bossa Nova versucht, am Chanson, am Rock. Ich finde es zu schwierig, endgültig, definitiv jemand zu sein.“ Ihre Eltern haben sie in die Filme von Ingmar Bergman und Jean-Luc Godard geschleppt. In die von Spielberg nicht. „Ich bin das Produkt meiner Epoche“, sagt sie. Mit Dillinger Girl & Baby Face Nelson strebt portugiesisch-belgisch-französische Sängerin einem neuen Höhepunkt zu.

Dabei hatte sie als Kind doch Schauspielerin werden wollen, „so wie Shirley MacLaine“. „Ich wollte singen, tanzen und Filme drehen. Deshalb habe ich mir eine Persönlichkeit erfunden. Ich spielte Schriftstellerin, Sängerin, Schauspielerin, Fernseh-Moderatorin. Ich spiele!“ Die Rolle als Sängerin füllt sie überzeugend aus. In Saint-Malo steht sie mit Blick aufs Meer am Mikrofon und singt. Wie ein trotziges Mädchen, das sich die Jeans über den nassen Badeanzug gezogen hat. Shirley MacLaine ist weit weg. Vergessen sind die Plastik-Pop-Momente, ihre Anfänge, das Album Projet Bikini.

Bang! schwebt in einer anderen Dimension. Pellegrini wollte das Album opulent orchestrieren. Aber Nogiuerra verliebte sich in die ersten Aufnahmen, in das Band, das er ihr geschickt hatte.

„je serai là où tu iras mon amour
là où tu iras, je serai mon amour
s’il y a un dieu, ce sera toi
s’il y a un dieu,
ce sera tout, mon amour“

„Bang!“ von Dillinger Girl & Baby Face Nelson ist erschienen bei Emarcy/Universal

Hören Sie hier „Love“

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Der Duft von Umkleidekabinen

Mithilfe ziemlich vieler Freunde nahm Emanuel Lundgren ein überkandideltes Album voller vielstimmiger Na-Na-Na-, Ba-Ba-Ba- und La-La-La-Chöre auf. Selbst der Bürgermeister von Barcelona kennt die singende Freundesschar von I’m From Barcelona mittlerweile

Der amerikanische Filmemacher John Waters hatte vor Jahren eine schöne Idee. Für seinen Film Polyester belebte er das „Geruchskino“ wieder. Das Publikum erhielt Rubbelkarten, die zu einzelnen Szenen die entsprechenden Düfte verströmten. Odorama-Verfahren nannte man das. Würde es einen solchen Geruchsstreifen für das Debütalbum der schwedischen Band I’m From Barcelona geben, röche der vermutlich etwas verklärt nach Sommerwiese, Baumhaus und einer Schülerumkleidekabine in den 70ern.

Emanuel, Philip, Micke, Johan, Martin, Johan, Erik, David, Christofer, Daniel, Mattias, Tobias, Emma, Frida, Mathias, Jonas, David, Anna, Maria, Olof, Marcus, Cornelia, Tina, Julie, Rikard, Henrik, Jacob, Fredrik und Johan sind dem Pennäler-Alter längst entwachsen. Auf Let Me Introduce My Friends überführen Songschreiber Emanuel Lundgren und seine 28 Mitstreiter aus der Kleinstadt Jönköping ihren jugendlichen Übermut ins Erwachsenenalter. Warum zwei Freunde den Chor einsingen lassen, wenn 26 weitere vor der Türe stehen? Warum nur Gitarre, Bass und Schlagzeug zur Begleitung benutzen, wenn es doch in der Aula der Schule noch Glockenspiel, Piano, Klarinette, Banjo, Harmonika, Trompete, Ukulele, Flöte, Saxofon und diese leicht verstimmte Orgel gibt? Gut gelaunte Zeilen wie „Wir greifen nach den Sternen / Wir greifen nach deinem Herzen“ (We’re From Barcelona) geben die Richtung vor. Da sind Liebeslieder, die den überdrehten Gestus eines Freiluft-Schülerkonzerts in sich tragen; oder Schunkelnummern über Nischenthemen wie Briefmarkensammeln und Baumhäuser. Mit Rock’n’Roll hat das nichts gemein.

I’m From Barcelona startete nicht als ambitioniertes Musikprojekt, sondern als Hobbybeschäftigung eines Verliebten. Ein Scherz unter Freunden. „Wir haben diese Reise im Sommer 2005 begonnen. Niemand von uns wusste, dass wir eine Band werden würden“, heißt es im Beiheft zur CD. Der erste Auftritt der Gruppe im August 2005 hätte auch ihr letzter sein sollen. Es kam anders. Der FC Barcelona hat die Single We’re From Barcelona zur Hymne auserkoren und so kennt mittlerweile selbst der Bürgermeister der spanischen Stadt die singende Freundesschar. Eine skurrile Pointe; vor allem, weil der Bandname sich nicht auf die Stadt, sondern auf die englische Comedy-Serie Fawlty Towers bezieht. Der englisch radebrechende Kellner Manuel entschuldigt jeden seiner Fehltritte mit den Worten „I’m from Barcelona“.

Entschuldigen muss sich die Band längst nicht mehr: Die kindliche Anarchie der Stücke steckt an. Große Botschaften gibt es nicht zu entschlüsseln. Ein Popsong ist ein Popsong, eine Melodie eine Melodie. Zumindest einen Sommer lang werden diese vielstimmigen Na-Na-Na-, Ba-Ba-Ba- und La-La-La-Chöre im Ohr bleiben. Das musikalische Klassenfoto ist geschossen, der Winter noch fern. Nicht nur in Jönköping darf einen Augenblick lang gelächelt werden!

„Let Me Introduce My Friends“ von I’m From Barcelona ist als LP und CD erschienen bei Labels

Hören Sie hier „Collection Of Stamps“

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Chico Buarque: „Construção“ (Emarcy 1971)

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Aus der Welt gefallen

Über die Jahre (2): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: „The Madcap Laughs“, das zerfaserte und wunderschöne Solodebüt des Pink Floyd-Gründers Syd Barrett

Cover Syd Barrett

„Das Portrait eines Zusammenbruchs“ sei es, schrieb ein Kritiker bei Erscheinen des Albums. 1970 war das. Pink Floyd, die Band, die Barrett einst gegründet hatte, wurde damals zum Stadion-Großereignis, ohne ihn. Und Barrett? Ein kurzes Aufflackern, zwei Soloalben, psychedelische Drogen. Er verschwand. Ein Mythos, allenfalls vergleichbar mit zwei anderen Rock’n’Roll-Opfern der sechziger Jahre: Brian Wilson und Roky Erickson. Barrett ist der mysteriöseste unter ihnen. Von seiner kurzen Phase im Rampenlicht hat er sich nie erholt. Mit Rockstar-Romantik hat das nichts zu tun. Im Juli 2006 ist er mit 60 Jahren gestorben.

Zeitlos klingt das, was uns von ihm musikalisch erhalten geblieben ist und was er mit Mitte 20 schrieb. Sein Solodebüt The Madcap Laughs ist minimalistisch. Es konzentriert in 13 Miniaturen Pop und Poesie, Licht und Schatten. Selbst in den vollkommen zerfaserten Momenten, wenn er ansetzt, abbricht, noch einmal beginnt, erstrahlt die Seele dieser Stücke. Es gibt keinen Schutzwall mehr zwischen ihm und den assoziativen Texten, zwischen Gefühl und Melodie. Die Songs sind das Abbild einer aus den Fugen geratenen Innenwelt. Seine Stimme wirkt entrückt. Ob es auch seine Seele ist?

Es mag bessere Gitarristen und Sänger in den späten Sechzigern gegeben haben, an Ausdruck und Innovationskraft können es wenige mit Barrett aufnehmen. Die repetitiven, verzerrten Gitarrenlinien, rückwärts abgespielten Tonspuren und kindlich-spielerischen Melodien haben die Zeit überdauert. Die Nachwirkungen sind noch heute zu spüren: bei der Weird Folk Szene um Devendra Banhart, bei Julian Cope und seinem entrückten Album Fried, bei Robin Hitchcock und zahllosen Vertretern der britischen Popschule, von Damon Albarn bis hin zu The Kooks.

Wer Dark Globe, Feel oder If It’s In You heute hört, spürt noch das Flackern, das Barrett heimgesucht haben muss. Golden Hair, zwei zarte Minuten mit den Worten des Dichters James Joyce, und das psychedelisch experimentierfreudige No Good Trying wirken gefestigter. Late Night, das letzte Stück des Albums, ist eines der schönsten Liebeslieder überhaupt – Sehnsucht im Schlepptau. „Tief drinnen fühle ich mich ganz allein und unwirklich“, singt Barrett darin, „und die Art, wie du küsst, wird immer etwas ganz Besonderes für mich sein“. Es ist der Schlusspunkt einer psychedelischen Pop-Reise, die Barrett wenig später im Haus seiner Mutter in Cambridge nur noch als einen Bestandteil seiner Vergangenheit betrachtete.

Es führte kein Weg zurück. Nicht zu Pink Floyd, nicht zur Popmusik. Gegärtnert haben soll er in den Jahren danach und große Gemälde angefertigt, die er anschließend zerstörte. „I know where Syd Barrett lives“, sang Dan Treacy mit seiner Band Television Personalities in den frühen Achtzigern. Es ist nicht mehr länger Cambridge…

„The Madcap Laughs“ von Syd Barrett ist als CD erhältlich bei Capitol/EMI

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „No Good Trying“

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