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No Krach-Kunst, Baby!

 

Über die Jahre (21): Es ist das Jahr 1990. Goo spannt ihrer Schwester den Freund aus. Sie töten gemeinsam ihre Eltern und fliehen. Zum Abschied drückt sie einen pinkfarbenen Kuss an die Wand

Sonic Youth Goo

Eine Pop-Art-Zeichnung ziert die Hülle von Goo: Ein Pärchen mit Sonnenbrillen, er hat seinen Arm lässig auf ihrer Schulter abgelegt, sie raucht. „I stole my sister’s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road“, steht daneben. Auf der Rückseite hat das Mädchen namens Goo einen Kuss hinterlassen, einen Abdruck von pinkfarbenem Lippenstift. Die Elemente der Plattenhülle sind mit Tesafilm zusammengeklebt, das kann man noch sehen. Eine schöne Hülle für ein schönes Album, aus einer Zeit, in der noch nicht jede Grafik am Computer produziert wurde. Das Motiv wurde tausendfach auf T-Shirts gedruckt, die Musik durfte Anfang der Neunziger in keiner Indie-Disko fehlen.

In den Liedern von Sonic Youth wechseln sich Lärmwände, experimenteller Krach und feine Melodien ab. Die Stücke auf Goo neigen zur Melodie, jedes einzelne ist ein tanzflächentauglicher Brillant. Damit unterscheidet es sich von vielen ihrer Alben, die mit ihren unvermittelten Lärmexperimenten immer wieder daran erinnern: Dies ist Krach-Kunst, Baby!

Goo war das erste Album, das Sonic Youth bei der großen Plattenfirma Geffen herausbrachten. Lee Ranaldo an der Gitarre, Steve Shelley am Schlagzeug, das Paar Thurston Moore und Kim Gordon singt abwechselnd. Thurston Moores Stimme zur Gitarre ist schön, aber die Lieder, die Kim Gordon singt oder spricht, sind besser: mal sanft, mal nölig, aber immer lässig und eine Spur gelangweilt.

Sie wird Jahr für Jahr attraktiver und zeigt souverän, dass man mit über 40 immer noch ein Punkmädchen sein kann, jenseits aller Klischees. Sie war und ist ein Rollenmodell anderer Art. Statt ihren Körper in den Vordergrund zu rücken, kümmert sie sich um ihren Bass und singt. Körperliches findet nebenbei statt, ihre Sinnlichkeit transportiert sie über den Gesang.

Die New Yorker Band arbeitet seit 1981 im Krach-Werk. Sie kultivierte mit ungestimmten und umgestimmten Gitarren etwas, das bei ihren Vorbildern Iggy & The Stooges und Velvet Underground seinen Anfang nahm. Mittlerweile sind Sonic Youth nicht nur Eltern, sondern auch so etwas wie die großen Geschwister unzähliger Musikhörer und Übungsraummugger. Und immer noch versprühen sie die Coolness des Paares auf der Hülle von Goo.

„Goo“ von Sonic Youth ist im Jahr 1990 bei Geffen/Universal erschienen und kürzlich als Doppel-CD bzw. Vierfach-LP mit ergänzenden Aufnahmen wiederveröffentlicht worden.

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Kool Thing“, das Sonic Youth gemeinsam mit dem Rapper Chuck D von Public Enemy aufgenommen haben

Lesen Sie hier eine Besprechung des letzten Sonic Youth-Albums „Rather Ripped“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(20) Flanger: „Spirituals“ (2005)
(19) DAF: „Alles ist gut“ (1981)
(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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