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Nichts ist gut

 

Über die Jahre (19): Mit den Spaßvögeln der Neuen Deutschen Welle hatten DAF nichts zu tun. Sie provozierten Anfang der Achtziger mit rebellischen deutschen Texten und ihrem Faible für Schweiß, Erotik und Maschinen

DAF Alles ist gut

Stakkatohafter Sprechgesang, düstere Zeilen im Kommandoton vorgetragen: „Sei still. Schließe deine Augen. Denn alles ist gut.“ Im Anti-Einschlaflied Alles ist gut ahnen wir schon: Nichts ist gut.

Mit der Single Der Mussolini gelang der Gruppe Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) im Jahr 1981 der Durchbruch. Wie ein Tanzlehrer fordert der Sänger Gabi Delgado dazu auf, den Mussolini, den Adolf Hitler, den Jesus Christus und den Kommunismus zu tanzen, sich dabei nach rechts und nach links zu drehen, in die Hände zu klatschen und die Hüften zu bewegen. Sie wollten die Bösen sein, sie provozierten.

Kaum zwei Jahre zuvor hatten DAF ihren ersten Auftritt in Düsseldorf gehabt, da waren sie noch zu fünft. Nach und nach entledigten sich Robert Görl und Gabi Delgado der Kollegen. In Jürgen Teipels Dokumentation Verschwende Deine Jugend sagt Robert Görl: „Wir wollten viel lieber mit Maschinen arbeiten.“ Als 1981 ihr drittes Album Alles ist gut erschien, waren DAF nur noch zu zweit und mit dem Mussolini berühmt geworden.

Gabi Delgado war mit acht Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland gekommen, im Interview mit Teipel erklärt er: „Mich hat der Umgang mit der deutschen Sprache fasziniert. Deshalb wollte ich unbedingt aggressive Musik mit deutschen Texten machen. Ich dachte: ‚Das passt so gut mit der deutschen Sprache!‘ Wir haben uns bald mehr für Dadaismus interessiert als für Punk. Und haben seltsame Analogien entdeckt. Vor allem in den ganzen Manifesten. Dieses revolutionäre Element: ‚Wir machen jetzt wirklich was anderes und sprengen damit die Gesellschaft. Oder schockieren die zumindest.’“

DAF machten trotzige Lieder ewig rebellierender Adoleszenter und waren die Meister der Monotonie und des tanzbaren Minimalismus. Endlos reihten sie Tonschleifen aneinander, kombinierten analoge Schlagzeugklänge mit harter Elektronik und sonderbaren deutschen Texten. In ihrem militärischen Auftreten verbanden sie Erotik, Maschinen und faschistische Ästhetik. Sie waren eine zweifelhafte Avantgarde, in ihren Fußstapfen folgten ganze Generationen von Electronic-Body-Music– und Techno-Formationen.

Ein Jahr nach Erscheinen von Alles ist gut lösten sich DAF auf. Rund 20 Jahre später konnte man sie wiedersehen, zum Beispiel auf einem Gothic-Festival in Leipzig: Mit neuen und alten Liedern in einer großen Halle mit schlechtem Sound. Gabi Delgado brüllte den ganzen Auftritt lang, von der erotischen Stimme auf den Schallplatten und Kassetten war kaum etwas übrig geblieben. Manchmal ist es besser, wenn Helden ihren Mythos nicht entzaubern. Denn wer Lieder geschrieben hat, die Verehrt Euren Haarschnitt oder Verschwende Deine Jugend heißen, muss ein Held bleiben.

„Alles ist gut“ von DAF ist 1981 erschienen und erhältlich über EMI

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Der Mussolini“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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2 Kommentare

  1.   Kyniker

    Schon während der Lektüre des Rammstein Reviews war mir aufgefallen, dass Susanne El-Nawab über fundiertes Hintergrundwissen verfügt. Konsequenterweise vollzieht sie nun den Schritt von Rammstein zu einer DAF Rezension – womit sie gleichzeitig dem Topos des „teutonischen Images“ treu bleibt. Allerdings war zu erwarten, dass bei DAF die Kommentare etwas geringer ausfallen würden, obwohl der Review genauso lesenswert und hochwertig ist. Dennoch hab` ich auch hier meine Einwände.

    Zum DAF Comeback ein Gabi Delgardo Zitat 2003: „Es gibt außerdem Jugendkulturen, die dein Leben verändern wollen und es gibt Jugendkulturen, die wollen bloß dein Wochenende verändern“
    Schon allein für solche Sätze hat sich das DAF-Comeback gelohnt! Tatsächlich sind DAF ambivalente Avangardisten – allerdings bezieht sich diese Ambivalenz weniger auf ihre Aggressivität, den ( homo-)erotischen „Fake Fascism“ und ihr RAF Sympathisantentum ( also die Dinge für die heutzutage allgemein ge-disst werden ), sondern auf ihren ( damaligen ) Denkansatz, durch Narzissmus, Eskapismus und punkigen Nihilismus ( also genau die Themen für die sie weiterhin gefeiert werden ) Subversivität erzeugen zu wollen – ein Fehler, den Delgardo wohl offensichtlich eingesehen hat ( siehe Zitat )

    Denn in den neunziger Jahren wurden Ideologielosigkeit, Körperkult, Hedonismus und Eskapismus via Techno zum Mainstream, wohingegen die „Abgründigkeiten“ und die politischen Provokationen von DAF & Co als altertümlich ausgesondert wurden. Doch während sich die VIVA Generation dem inhaltsleeren Mainstream-Techno hingab und die deutsche ( Underground- ) Musikpresse sich um nationale Niedlichkeiten und globale Marketingphänomene kümmerte, brannten in Deutschland die Asylantenheime! Erst der gesellschaftliche Rückzug ins Private, Indifferente und Konformistische eröffnete den Rechtsradikalen diesen Raum ( Biedermeier und die Brandstifter ).

    Den Soundtrack zur Ausländerhatz lieferten also nicht DAF, Laibach und Rammstein, sondern der inhaltsleere musikalische Mainstream der neunziger Jahre! Auch das gesellschaftliche Wegschauen, wurde vom „popkulturellen Feuilleton“ vorgelebt – denn: Wen interessiert Hoyerswerda, wenn man damit beschäftigt ist, den Brit-Pop zu durchleuchten oder das soziale Verhalten in amerikanischen Großstadtghettos zu eruieren?

    Zum Ende meines langen Textes noch ein kleines Paradoxon. Künstler wie Kraftwerk, DAF, Rammstein, Nico präsentieren ein „teutonisches Image“ – jedoch sind sie international erfolgreich und ihr musikalisches Schaffen wird in einem internationalen Kontext diskutiert. Künstler wie Sportfreunde Stiller, Wir sind Helden oder Udo Lindenberg entsprechen internationalen „Popnormen“, haben ihre Hörerschaft jedoch primär hierzulande und entwickeln ihre Relevanz in der „nationalen Nische“. Nun kommt die Frage: Für welche dieser beiden Gruppierungen ist das Konzept eines nationalen Kulturbetriebes (überlebens-) wichtiger bzw. konstituierender? Ich erwarte nun kluge Antworten 🙂

  2.   Christian Alexander Tietgen

    Ich finde es albern, Techno die Schuld für das Aufkommen des Rechtsradikalismus zu geben.

 

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