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Im Zeichen der Wurfaxt

 
Der Sänger Mike Patton trägt jetzt Federschmuck. Er spielt mit der Band Tomahawk Indianerlieder nach. Spinnt der denn?
Tomahawk Anonymous

Es fällt schwer, einen Text über eine Platte Mike Pattons zu schreiben. Zu nah liegt die Versuchung, sich an seiner Vielseitigkeit und seinen Ideen zu ergötzen. Mit Mr. Bungle veröffentlichte er seit den Achtzigern kauzige Rockmusik – die ersten Jahre auf Kassetten, die heute teure Sammlerstücke sind. Die Liste seiner Kooperationen ist lang. Er arbeitete mit den Melvins und dem Komponisten John Zorn, er nahm Björks Album Medúlla auf. Zehn Jahre lang sang er bei Faith No More, danach spielte er bei Fantômas.

In welche musikalischen Gefilde es Mike Patton auch verschlägt: Er überrascht den Hörer! Mit der Band Fantômas interpretierte er auf Director’s Cut Filmmelodien von Nino Rota, Henry Mancini, Ennio Morricone und Angelo Badalamenti in flirrendem Drama-Rock. Ihr letztes Album Delìrium Còrdia bestand aus einem Stück, siebzig Minuten lang. Als Peeping Tom sang er im vergangenen Jahr ungewöhnliche Duette mit Massive Attack, Bebel Gilberto, Norah Jones und anderen. Er orientiert sich nicht am Zeitgeist, seine Projekte sind einzigartig. Nie macht er eine Masche daraus.

Jetzt kommt er mit Tomahawk. Anonymous ist das dritte Album im Zeichen der Wurfaxt, und es besteht aus Coverversionen. So weit, so normal? Von wegen. Tomahawk spielen Lieder der indianischen Ureinwohner Amerikas, dreizehn traditionelle Gesänge anonymer Autoren aus dem späten 19. Jahrhundert.

Wer kommt denn auf so eine Idee? Es ist leicht, solch ein schräges Unternehmen dem spinnerten Hirn Mike Pattons zuzuschreiben. Tomahawk ist im Gegensatz zu vielen seiner Projekte eine Band mit ihm, es ist nicht seine Band. Die Musik zu Anonymous spielte der Gitarrist und Bandgründer Duane Denison mit dem Schlagzeuger John Stanier in Nashville ein, Pattons Gesang kam später aus San Francisco.

Tomahawk machen nicht den Fehler, die Originale in derbe Rocknummern zu verwandeln. Sie bleiben nah an der Stimmung der rituellen Gesänge. Nur ab und an drängen die Gitarren oder Pattons schneidende Stimme in den Vordergrund. Dann werden die Stücke noch eindringlicher und düsterer.

Patton grummelt und jault. Es braucht meist keine verständlichen Worte, diese Musik lebt von einer starken Atmosphäre. Der War Song rührt tief, gleich zu Beginn des Albums. Eine Gewitterstimmung baut sich auf, die Gitarren und Bässe schrammeln auf einer einzigen Harmonie, Patton raunt tiefe Laute. Man kann sich gut vorstellen, wie Indianer sich auf den Krieg vorbereiten, ihre Pfeile schärfen und ihre Gesichter bemalen. Oder wie sie zum Ghost Dance um ein Feuer tanzen, um die bösen Geister zu vertreiben.

Sprunghafte Melodien kommen hinzu. Mescal Rite 1 beginnt mit Gebrummel von Gitarre und Basstrommel in einem undefinierbaren Takt. Wenn Mike Patton einsetzt, begleiten die Instrumente seine Stimme durch Berg und Tal, Nonen und Septimen, er singt etwas wie „Hunaheo-Hunanananaheao“. Ein Chor betont die Trommelschläge mit einem tiefen „Hunn!“. Am Ende quietscht eine Fidel ihr rostiges Lied, die Tänzer gleiten in einen unruhigen Schlaf.

Man kann viel hineinhören in die Lieder. Die meisten tragen die Worte „Tanz“, „Ritus“ oder „Zeremonie“ im Titel. Da liegen die Assoziationen nahe. Red Fox könnte einer Naturbeobachtung entspringen, die List eines Fuchses vertonen. Patton singt mit hoher, gepresster Stimme, im Hintergrund trappeln zarte Pfoten. Zur Antelope Ceremony werden die Messer gewetzt. Der Song Of Victory ist das Gegenstück zum War Song, Anspannung löst sich, es wird ausgelassen gefeiert.

In drei, vier Stücken singt Patton englisch, manchmal mischt er es mit indianischer Lautmalerei und Phantasiesprache. Der Cradle Song ist ein unbehagliches Schlaflied, furchterregend ploppt ein Bass, dazu singt Patton von gestohlenen Träumen und fliegenden Feuern. Wie soll man dazu einschlafen?

Zum ruhigen Long, Long Weary Day ziehen sich die Tänzer und Krieger in ihre Tipis zurück. Der Morgen graut, die Asche glüht langsam aus.

„Anonymous“ von den Tomahawk ist erschienen bei Ipecac

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1 Kommentar

  1.   Timm

    Schön.
    Ich lese aus dem Artikel, der wohlwollend dem Album entgegen kommt, dass es sich um „authentische“ Musik handelt. Nicht indianisch-authentisch, sondern Denison-Stanier-Patton-authentisch. Zweifel beschleichen mich aber an dem Punkt wo erwähnt wird, dass die Gesangsspuren nachträglich aufgenommen seien. Ich habe damit beim Hören regelmäßig meine Schwierigkeiten: Ich meine immer die Nachvertonung hören zu können. Danke für den Hinweis. Ich werde wohl, nach dem für mich eher langweiligen ersten Album von Tomahawk, hierbei zugreifen. Danke für den Artikel.

 

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