‹ Alle Einträge

Schwermut im leeren Zimmer

 

Paul Gonzenbach aus Seattle macht als Baby Panda außergewöhnlich gute, trübe, elegische, sperrige Indie-Musik: Nichts fürs Lagerfeuer, aber gegen die Einsamkeit

Cover
 
Baby Panda
 
Von dem Album: Avalanche Kiss Unspeakable Records (2008)
You need to upgrade your Flash Player

Panda Babys? Wie niedlich. Zweifelsohne putzige Tierchen, mit einer passionierten Fan-Gemeinde. Paul Gonzenbach, der als Baby Panda Musik macht, gehört auch dazu: Er habe sich den Namen ausgesucht, weil er die Tiere so erheiternd finde. Doch Baby Pandas schwermütiger Indie-Rock ist weder lustig noch putzig.

Eine halbe Minute lang überlagern sich Gitarrentöne, bevor das erste Lied beginnt. Über einem zerhackten Schlagzeugrhythmus und einem unruhigem Basslauf singt Gonzenbach eine elegische Melodie. Er zieht die Vokale in die Länge, wie Morrissey, allerdings weniger theatralisch. Streicher setzen ein, noch einmal die komplexe Strophe, erst dann entfaltet sich durch wenige harmonische Verschiebungen ein eindringlicher Refrain.

Zur Strophe kehrt Gonzenbach nicht wieder zurück. Ihm behagt das althergebrachte Pop-Rock-Schema nicht. „Mein Ziel ist es, Musik mit unpassenden Texten zusammenzubringen, das gelingt mir nur nicht immer.“ Gelungen ist ihm aber ein außergewöhnliches Album. Es ist gut, gerade weil es sperrig ist – sowohl musikalisch als auch textlich.

Früher war Gonzenbach einmal fast berühmt. Damals lebte er in San Francisco und war Sänger und Gitarrist der hochgelobten Indie-Rocker The Jim Yoshii Pile-Up, tourte mit XiuXiu und Death Cab For Cutie. Doch die Musik war zu langsam und anstrengend, die Texte zu trist und hoffnungslos. Da half auch keine persönliche Empfehlung des Sängers Ben Gibbard. Der große Durchbruch kam nie, nur viele Mindestlohn-Jobs und psychische Probleme.

Jetzt wohnt Gonzenbach mit seinem Mann und mehreren Hunden in einem Vorort Seattles. Er nimmt seine Musik im Alleingang auf und kümmert sich auch um den Vertrieb. Hauptberuflich unterrichtet er hochbegabte Kinder. Er sagt, glücklicher als jetzt sei er nie gewesen. Aber seiner Musik merkt man es nicht an.

Damals, mit Jim Yoshii Pile-Up, schwang sein Leben in seiner Musik mit: Weil es erbärmlich war, waren auch die Texte trübselig. Auf dem Album Avalanche Kiss klingt das Leiden nun weniger egozentriert und bleibt auch im realen bürgerlichen Glück der Vorortsiedlung erhalten. Gonzenbach bildet nicht mehr das Grauen seines working-poor-Prekariats ab, sondern erzählt lieber Geschichten, die auch ohne autobiografische Details beklemmend sind. Mal minimalistisch nur zum Klavier, mal zu Elektrobeats und opulenten Geigenarrangements, singt er mit feiner Stimme von Drogen, Armut und Gewalt.

„Ich möchte, dass der Hörer die Emotionen einbringt, nicht ich“, sagt Gonzenbach. Vor wenigen Jahren, nach einem misslungenen Selbstmordversuch, verwendete er noch den Abschiedsbrief an seine Eltern als Textgrundlage. Das käme ihm heute nicht mehr in den Sinn. Seine Texte sind keine persönlichen Klagen mehr, sondern lakonische Beschreibungen auswegloser Situationen. Weil der Erzähler nie auf Besserung hofft, hört man auch keine Verzweiflung heraus. Gonzenbachs Protagonisten nehmen das Schlechte im Menschen nur noch zur Kenntnis. Geweint wird nicht.

Obwohl Baby Panda eine Ein-Mann-Band ist, sind die Lieder keine Singer-Songwriter-Stücke, wie sonst so häufig, wenn sich ein Musiker mit seinen Instrumenten im Keller einschließt. Gonzenbach schreibt keine Songs, die man mit einer Akustikgitarre nachspielen könnte. Die Gesangsmelodien wirken oft verrutscht, wie neben dem Rhythmus der Musik. Häufig sind auch die Texte von jedem Versmaß weit entfernt. Solche Lieder taugen nicht fürs Lagerfeuer, dort braucht man Griffigeres. Aber häufiger als an Lagerfeuern sitzt man in leeren Zimmern, und dann passt nichts besser als Avalanche Kiss.

„Avalanche Kiss“ von Baby Panda ist bei Unspeakable Records erschienen.

In diesen Tagen erscheint das Album auch auf Vinyl mit der Bonus-CD „A Love Song And A Drum Machine“. Die CD enthält unveröffentlichte Lieder und Demoversionen von Baby Panda und The Jim Yoshii Pile-Up Songs. Erhältlich sind alle Baby Panda Alben hier.

Weitere Beiträge aus der Kategorie POP
David Bowie: „Heroes“ (RCA 1977)
Diverse: „Final Song #1“ (Get Physical Music/Rough Trade 2009)
Amadou & Mariam: „Welcome To Mali“ (Because/Warner 2008)
Lloyd Cole: „Cleaning out The Ashtrays“ (Tapete/Indigo 2009)
Kanye West: „808’s & Heartbreak“ (Def Jam/Universal 2008)

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

2 Kommentare

  1.   unknownwater

    Was für ein Rezension. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für den Tip!

  2.   IO

    „Weil der Erzähler nie auf Besserung hofft, hört man auch keine Verzweiflung heraus. “

    einschlagender Satz, der mich an einen schwermütigen lieben Menschen erinnert, in Issy-les moulinaux…

    ….wie wird man so pessimistisch?

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren