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Hauptsache es klingt, egal wie

 

Über die Jahre (53): Als die Beatles die Welt eroberten, stellten sich die Monks im hessischen Gelnhausen als Anti-Pilzköpfe auf. Ihr einziges Album von 1966 wird jetzt wiederveröffentlicht

Cover
 
The Monks – Monk Time
 
Von dem Album: Black Monk Time Polydor/Universal (1966/2009)
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Wie verblüffend es manchmal ist, Musikgeschichte zu rekapitulieren.

Etwa dies: Vor 25 Jahren schwebten durch die Popmusik Synthesizer und sanfte Gitarren, Depeche Mode und The Smiths. Gerademal weitere 25 Jahre zuvor dachten in Liverpool ein paar Jungs darüber nach, eine Band namens The Beatles zu gründen. Fühlt es sich nicht so an, als sei in diesem ersten Vierteljahrhundert viel mehr geschehen als im zweiten?

Oder dies: Oft überstrahlt der Ruhm ebenjener Beatles jedwede Musik, die in den frühen Sechzigern entstand. Doch was ertönte damals alles; The Who und The Sonics schleuderten grelle Gitarrenblitze zur Erde, Bob Dylan stöpselte die E-Gitarre ein, Lou Reed gründete The Velvet Underground. Dagegen klingen die ersten drei, vier Alben der Beatles brav. Welche Möglichkeiten ihnen die Studiotechnik und ihr ungeheurer Einfallsreichtum wirklich bot, merkten sie erst später.

Verglichen mit dem Sturm, den die Popmusik in den frühen Sechzigern entfachte, gleicht sie heute einem lauen Lüftchen. Und Wildes erklang damals nicht nur in London und New York sondern auch in – Gelnhausen. Gelegen zwischen Hanau und Schlüchtern an friedenstaktisch offenbar dermaßen exponierter Stelle, dass sich dort nach dem Zweiten Weltkrieg amerikanische Truppen einquartierten.

So richtig aufregend war der Kalte Krieg am beschaulichen Unterlauf der Kinzig wohl nicht, so fanden eine handvoll amerikanischer Soldaten Anfang der Sechziger die Zeit, die Beat-Combo The 5 Torquays zu gründen und die Lieder von Chuck Berry nachzuspielen. Das taten damals viele.

American Forces Network spielte gerade der Beatles‘ Ticket To Ride, California Girls von den Beach Boys und I Can’t Explain von The Who, da verpassten zwei deutsche Kunststudenten den Torquays einen neuen Anstrich. Die fünf Musiker verließen das Militär und nannten sich nun The Monks, die Mönche, und traten als solche verkleidet und frisiert auf. Die Anti-Beatles sollten sie sein, hart und gefährlich.

Ein Witz eigentlich, doch der klang famos. Lauter und frecher als die meisten anderen ließen The Monks es tönen – und vor allem anders. Ihr erstes Album erschien im Herbst 1965, Black Monk Time war purer Rhythmus. Es war, als hämmerten, klopften, trommelten acht Hände auf Felle, Eimer, Töpfe. Die übrigen zwei Hände brachten eine Weltraumorgel zum Wabern, immer, immer, immer, immer wieder im selben Takt. Melodien? Lagen den Monks nicht so sehr am Herzen.

Der Sänger Gary Burger grantelte über dieses Flirren überkandidelte Lyrik voller Galgenhumor, Sinnentleertem und Kritik am Vietnamkrieg. Was er da im ersten Stück Monk Time vortrug, gefiel den ehemaligen Arbeitgebern nicht, andere hielten das gesamte Tun der Monks für blasphemisch oder drogenbeeinflusst:

„Alright, my name’s Gary.
Let’s go, it’s beat time, it’s hop time, it’s monk time now!
You know we don’t like the army.
Why do you kill all those kids over there in Vietnam?
My brother died in Vietnam!
James Bond, who was he?
Stop it, stop it, I don’t like it!
It’s too loud for my ears.“

Ähnlich gingen auch die übrigen Lieder, zwölf energetische Stücke rohen Fleisches brieten die Monks so in einer halben Stunde durch. Es wummerte und brummte, einer kreischte, die Orgel fauchte. Hauptsache es klingt, egal wie, schien das Motto der Monks zu sein. Welche Euphorie! Doch die Euphorie trug die Mönche nicht weit. Vielleicht waren sie ihrer Zeit zu weit voraus?

Black Monk Time sollte das einzige Album der Band bleiben. Über die Reformation der Band vor ein paar Jahren breiten wir den Mantel des Schweigens. Gelnhausen ist seit dem 1. Januar 2007 der geografische Mittelpunkt der Europäischen Union. Immerhin.

„Black Monk Time“ ist soeben bei Polydor/Universal wiederveröffentlicht worden, auf CD und LP. Ebenfalls erhältlich ist nun eine CD mit den Demoversionen der Lieder des Debütalbums sowie die DVD „The Transatlantic Feedback“, eine Dokumentation über die Monks von Dietmar Post und Lucía Palacios

Eine vollständige Liste der bisher in der Rubrik ÜBER DIE JAHRE besprochenen Platten finden Sie hier.

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Jarvis Cocker: „Further Complications“
(Rough Trade 2009)
Faust: „C’est Com… Com… Compliqué“ (Bureau B/Indigo 2009)
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Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

3 Kommentare

  1.   Claudius Marcus

    Ahoy-hoy!
    „The Monks“ bezeichne ich als „Urväter des Punk“ (wie übrigens auch Jello Biafra!); der scheppernde Baß und die „abgefuckte“ Stimme des Sängers waren ihrer Zeit gut 10 Jahre voraus! Und dieser wirklich knallharte Beat ist heute aktueller denn je! (Im Gegensatz zum neuen Album von Green Day, auf dem leider nur noch rudimentär Punk gespielt wird!)
    Gruß
    Von
    Claudius


  2. […] Hauptsache es klingt, egal wie Tonträger – PeopleRank: 10 – 18.05.2009 …Chuck Berry nachzuspielen. Das taten damals viele. American Forces Network spielte gerade der Beatles’ Ticket To Ride, California Girls von den Beach Boys und I Can’t Explain von The Who, da verpassten zwei deutsche Kunststudenten den Torquays einen… Namen genannt : Bob Dylan  James Bond  Lou Reed  Velvet Underground  + voten […]

  3.   Rainer

    Sah die Monks in der Minoritenkirche in Krems bevor der Dave/Banjo starb.
    Dieses Jahr lernte ich Bobby kennen der für die Monks Anfang der 60ger Jahre die Tontechnik machte.

    http://bobbysreparaturen.de/

 

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