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Gefühle aus zweiter Hand

 

Die Rockröhre Tina Turner bewirbt eine neue CD mit christlichen und buddhistischen Gesängen. „Beyond“ ist eine freche Mogelpackung, unglaublich kitschig und banal

Cover
 
Regula Curti, Tina Turner und Dechen Shak-Dagsay
 
sind „Three Voices for Peace“ Universal 2009
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Three Voices for Peace„, klebt auf der Zellophanhülle. „Tina Turner“ steht in Großbuchstaben rechts oben auf dem Cover, unter einem kleineren Schriftzug „Spiritual Message by“ und über einem ebenso kleinen „Vocals: Dechen Shak-Dagsay, Regula Curti„. Die Plattenfirma Decca leistet sich damit einen der unverschämtesten Marketing-Gags, seit Schneewittchens Stiefmutter den vergifteten Apfel vorkostete: Gelogen ist nichts – aber Wahrheit geht anders.

Denn die große Tina Turner singt keine Zeile auf diesem Album. Sie spricht. Oder besser: Sie predigt. Ziemlich banales Zeug darüber, dass wir alle gleich sind, über die anbetungswürdige Macht der Liebe und so, aber das macht ja nichts: Spirituelle Botschaften – so nennt sich das, was Turner da von sich gibt – sind nun mal so schlicht. Egal ob sie aus dem Munde von Tina Turner kommen oder dem von Jesus Christus oder Gautama Buddha. Immerhin schleicht sich beim Satz „What’s love got to do with it“ ganz, ganz leise so etwas wie Selbstironie ein – Turner erklärt in ihrem gleichnamigen Hit die hier so glorifizierte Liebe schließlich zur Second-Hand-Emotion.

Wie ist die Frau, für die einst die merkwürdige Vokabel von der Rockröhre erfunden wurde, die noch in hohem Alter das Hinterteil in beängstigend enge Lederminis zwängt, zwischen „Christian Voice“ Regula Curti und „Buddhist Voice“ Dechen Shak-Dagsay geraten? Ganz einfach: Die drei sind Nachbarn, unten am Zürichsee.

Turner – gebürtige Christin, bekennende Buddhistin – lebt in Küsnacht in einem Haus, in dem Curtis Mann früher wohnte. „Tina“, erzählt die Musiktherapeutin und Yogalehrerin Curti im Interview gern, habe unbedingt wissen wollen, wer vor ihr in dem Haus gewohnt hat: „Weil sie die Spirits, die dort vorher waren, kennen lernen wollte. Deshalb hat sie die vorherigen Bewohner zu einem Abendessen eingeladen.“

Die Exil-Tibeterin Dechen Shak-Dagsay, eine gelernte Bankkauffrau, die mehrere CDs mit buddhistischen Mantren aufgenommen hat, traf Curti im Kloster Einsiedeln, Europas größtem Benediktinerkloster. Die Mönche hatten beide eingeladen, um mehr über buddhistische Mantren zu erfahren. Aus diesem Kontakt, erzählt Shak-Dagsay, „ergab sich der Herzenswunsch, seine Heiligkeit den Dalai Lama mit dem Abt des Klosters zusammenzubringen“.

Und so haben auch Abt Martin Werle vom Ordo Sancti Benedicti und Seine Heilige Unvermeidlichkeit In Form Von Grußbotschaften die Finger im CD-Projekt, zwei Persönlichkeiten, die trotz allem eine starke Aura haben – ebenso wie viele Stücke der CD, auch wenn Produzenten und Marketing-Leute alles getan haben, den letzten Funken Spiritualität zu ersticken.

Denn die Beteiligten trauen ihrem Projekt hörbar wenig. Sie lassen nicht den gemeinsamen Geist in Mantren und frühchristlichen repetitiven Gesängen wirken, sondern kippen mit Elektronikschwitze angedickte Instrumentalsoße darüber. Die bestenfalls durchschnittlichen Stimmen der beiden Sängerinnen könnten in einem anderen Rahmen glaubwürdig und anrührend wirken, im enyaesken Geraune gehen sie unter. Es ist schwer, aber möglich, unter all der Glasur noch die Schönheit der Ave Marien und Bodhicittas, der Amithabas und Kyrie Eleisons, der alpenländischen Segenswünsche, Avalokiteshvara und Amens zu erkennen.

Obskure Plattenverlage bringen fast täglich schlicht produzierte und sparsam ausgestattete Feldaufnahmen aus entlegenen Weltgegenden – Tibet, Amazonasdschungel, Oberbayern – heraus, die schlichte Alltagsfrömmigkeit nur dadurch lebendig machen, dass sie sie abbilden. Es reicht doch, Leuten das Mikrofon entgegenzuhalten, deren Spiritualität kein Modeaccessoire ist, sondern ein Lebensbestandteil wie Essen, Trinken, Feldarbeit.

Beyond tut das Gegenteil. Ständig muss sich das Projekt brüsten mit den Grußbotschaften von Abt und Lama, rechtfertigen mit Erlösen, die in wohlige Stiftungen fließen. Die Website zum Album trieft nur so vor menschenfreundlichen Plattitüden. Ausführlich reden Tina, Regula und Dechen (man duzt sich) über ihre altruistischen Ansichten, ihre Suizidversuche und Morgenmeditationen und hoffen, dass die Musik hilft „alles Negative in deinem Leben hinter dir zu lassen und mit einer positiven Einstellung und einem guten Gefühl in die Zukunft zu blicken“. Drunter tun sie es nicht.

Mag ja sein, dass die Musikerinnen und auch die Grußwort-Lieferanten all dies ernst meinen. Und es stimmt ja, dass Buddhismus und Christentum viel gemeinsam haben und das in ihrer Musik hörbar wird. Hörbar werden könnte: Mit all dem Marketingzauber, mit Autoaufklebern und Talkshow-Auftritten muss der Versuch scheitern. Statt den frommen Wunsch nach Gelassenheit und Zeitlosigkeit zu erfüllen, zetert das Album lediglich wie viele andere: „Hier bin ich, kauf mich!“ Eine Bedingung der Spiritualität ist die Wahrhaftigkeit. Findet bestimmt auch der Dalai Lama.

„Beyond“ ist bei Universal Music erschienen.

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12 Kommentare

  1.   Petra Turotti

    Ihr Artikel ist einfach nur unzumutbar !

  2.   Rabea Weihser

    Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Kritik ein wenig präzisieren könnten.

    Beste Grüße

    Rabea Weihser, Musikredaktion ZEIT ONLINE

  3.   Toni Ferrari

    Ick weeß ja nicht, wat ihr habt. Dit Zeug klingt dufte mit nem joint in der Hand! Es macht irjendwie happy, und ick fühl mir irjendwie „beyond“ und wie eine bettere person

  4.   Amanda Donata

    Ich mag sie.

    MfG
    Amanda Donata

  5.   Hellmuth Vensky

    @3: Hehe, das wird der Fehler vom Kollegen Schmidt gewesen sein. Ist halt nicht entspannt genug.

    Eine ganze Reihe richtig echter buddhistischer Gesänge gibt’s übrigens hier:
    http://www.dharmanet.com.br/multimidia/mp3.php

    Und was das Frühchristliche angeht, ist kaum an der guten Híldegard vorbeizukommen.
    http://www.abtei-st-hildegard.de/hildegard/werk/musik.php

    Om Shanti oder so,
    HV

  6.   Rosemarie

    Ihr Artikel ist unverschämt! „Beyond“ ist ein Geschenk an die Menschen, die bereit sind in sich zu horchen und ihre Spiritualität zu finden. Im übrigen haben wir Tina-Fans sooo lange darauf gewartet, dass sie uns als erfahrene Buddhistin „den Weg“ weist und wir sind Ihr und Dechen Shak Dagsay und Regula Curti mehr als dankbar für die wunderbar beruhigenden Mantren der CD mit ihren wunderschönen Gesängen. Wenn man aufmerksam die vorherige Berichterstattung verfolgt hatte, wusste man auch, dass Tina hier nicht singen würde! Ich weiß also nicht, wo hier die Rafinesse der Musikfirma liegen soll.
    Hoffentlich (!) schenken die drei uns noch eine Fortsetzung.

  7.   Naomi

    Mir gefaellt diese Musik, die sowohl meditative als auch sprituell klingt, obwohl ich kein Fan von Tina Turner bin.

    Was haben Sie ueberhaupt gegen ihr, Herr Schmidt?

    Warum sollte sie keine Musik mehr produzieren, weil sie fuer Ihre Augen bereits eine Oma ist?

  8.   Mirko S.

    So sehr wie ich mich über die positiven Rezensionen hier freue, um sehr entsetzen mich die Menschen, die eine Rezension schreiben um des Schreibens Willen. In vielen Interwies und zuletzt bei Beckmann liessen Tina Turner, Regula Curti und Dechen Shak-Dagsay nicht den geringsten Zweifel worum es bei diesem Projekt geht. Beyond- weiter, dahinter, weiter gehen… Menschen begleiten und inspirieren. Und das ist nicht zuletzt auf Grund der enormen Glaubwürdigkeit der drei Frauen gelungen. Man findet esoterische Klänge tatsächlich überall und über die Qualität kann ich kaum etwas sagen, ausser es berührt mich oder nicht. Diese CD kann man hören und wird berührt und tatsächlich wird man etwas näher zuhören wenn Tina Turner ihre eigenen spirituelle Nachricht spricht, denn man nimmt ihr ab, etwas mitzuteilen zu haben und man ist positiv überrascht wie einfach und schön diese Nachricht ist, die nach einigen Liedern immer wiederholt wird. Natürlich muss man auch zu Regula Curti und Dechen Shak-Dagsay etwas sagen. Tina Turner zu Fragen ob sie als offensichtliches Zugpferd fungiert erfordert schon Mut, die Zusage war bestimmt eine große Freude, und das nicht von ungefähr.. die beiden Frauen haben ein Anliegen das möchten sie so vielen Menschen wie möglich mitteilen, und das auf eine so wunderbare Weise. Ich empfehle die CD und werde im Moment auch nicht müde, sie weier zu verschenken. Auf das nächste Projekt darf man gespannt sein, vielleicht finden sich auch im Islam repititive Gesänge und so werden die Religionen musikalisch zusammen geführt. Das was unseren Politikern leider misslingt. Ich freu mich drauf.
    Ach und dies noch, in jedem Interview wird explizit darauf hingewiesen, dass Tina Turner nicht singt sondern spricht. Also bitte, es ist KEIN Tina Album- es ist viel mehr, wenn es auch einigen nicht zusagt. Die Frau entwickelt sich und bleibt auch mit fast 70 nicht stehen…

  9.   Rabea Weihser

    Bitte sehen Sie von islamfeindlichen Äußerungen in unseren Blogs ab. Ihren Beitrag können wir leider nicht veröffentlichen.

    Mit freundlichen Grüßen

    R. Weihser, ZEIT ONLINE


  10. Moin Moin lieber Volker Schmidt!

    (… Beleidigungen wurden entfernt. Anm. der Redaktion )

    Ich finde es bewundernswert, dass Tina Turner mal etwas Anderes wagt. Sie ist seit Jahrzehnten schon Buddhistin. Seine Anspielung auf die Werbeflut kann ich ebenfalls zurück weisen. Obwohl ich seit 25 Jahren Tina-Turner-Fan bin, wusste ich nichts von dem Album, habe es nur zufällig im Laden gefunden. Ich bin ebenfalls gebürtiger Christ, habe der Katholischen Kirche aber recht schnell den Rücken gekehrt. Generell halte ich überhaupt nichts von Religionen, egal welcher Art. Am Besten schneidet für mich noch das Judentum ab. Aber das ist ein anderes Thema. Glauben an sich – an was auch immer – halte ich für sehr wichtig und unverzichtbar. Buddhismus sehe ich eher als Philosophie denn als Religion.
    Ich gebe zu, ich war im ersten Moment im Laden sehr skeptisch, als ich die CD hörte und kaufte. Auch ich versprach mir zuerst nicht sehr viel davon. Doch jetzt 2 Tage später muss ich sagen: Wow! Ganz große Klasse. Die CD ist kein Allerheilmittel gegen Weltschmerz. Natürlich ist sie nicht jeder Manns Sache, so wie auch nicht jeder gerne Leberknödel ist. Aber für alle, die offen für wirkliche spirituelle Belange und Meditation sind, halte ich das Album für bewundernswert. So oft ich es anhöre, bringt es mir inneren Frieden, Zuversicht, Vertrauen und Lebensfreude. Wer Rockgesänge a la „Simply the Best“ erwartet, wird natürlich enttäuscht sein. Aber ich finde es bewundernswert, dass Tina Turner auch eine neue Schiene ausprobiert. Und sie fährt darauf hervorragend. Ich finde das Album sehr empfehlenswert. Und was ist so schlimm am „Sprechgesang“ oder mit Musik hinterlegten Gebeten? Tina Turner hat in den letzten 25 Jahren so viel Geld verdient, dass sie es sich leisten kann, sich auszusuchen, was sie unterstützt. Ich finde es toll, dass sie sich auch einmal traut, das zu machen, das sie wirklich möchte – ungeachtet dessen, wie einzelne, blinde, urkonservative Blindfische a la Volker Schmidt darauf reagieren. Für wirklich Spirituell Interessierte kann diese CD neue, positive Schwingungen in die Welt bringen – das Gewäsch dieses (… Beleidigung entfernt, Anm. d. R.) Mannes hat man in 4 Wochen vergessen – er ist und bleibt eben ein Niemand. Spirituell wie in Sachen Persönlichkeit.

 

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