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Ibiza braucht Schmutz

 

Einst stand Dizzee Rascal für Londons wütende Jugend und erfand den Grime. Auf seinem neuen Album spielt er nun den rappenden Entertainer.

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet
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Dizzee Rascal, das unerzogene Wunderkind aus Londons armen Osten, das in Interviews stolz seine Narben am Körper zeigte, mit fiebrigem Wortfluss die Teenage-Angst und paranoide Wut des Außenseiters auf den Punkt brachte und dafür den begehrten Mercury-Award erhielt – dieser Dizzee macht jetzt Partymusik. Und zwar vorsätzlich.

Drei Nummer-Eins-Hits hat der Rascal in Großbritannien hintereinander ausgeworfen, der aktuelle Titel Holiday ist besonders frech. Im Video räkeln sich Bikinifrauen am Pool, die Musik zitiert vulgären Ibiza-House. Holiday ist nicht mal mehr Pop. Das ist Musik fürs Bierzelt.

Noch 2003 sampelte Dizzee die eigene Playstation, klimperte auf billigen Synthesizern, legte verzerrte Beats darunter und debütierte mit dem bemerkenswerten Album Boy in da Corner. Grime (Schmutz) nannte man diese herbe Musik damals, und der 18-jährige Dizzee war ihr herausragender Exponent.

Jetzt lässt er sich von den Edelproduzenten Armand van Helden, Tiesto und Calvin Harris assistieren. Er müsste längst die Fans der ersten Stunde verloren, den Zorn der britischen Musikpresse auf sich gezogen haben. Doch das ist nicht passiert. Denn Dizzee klingt auch im Mainstream noch gut, vielleicht sogar besser. So entstehen Stars.

Der einst rohe Sound klingt jetzt zwar nach geschliffenem Edelplastik. Aber es sind immer noch kaum mehr als drei oder vier Spuren in jedem Stück. Sehr typisch auch, wie Dizzee Bass und Synthesizer einsetzt: die Synthesizer wie eine späte Zugabe, den Bass dagegen wie die Hauptsache, oft sogar wie eine Popmelodie. Die Basslinie etwa von Dance Wiv Me ist ein Geniestreich, der auch dem legendären Quincy Jones zur Ehre gereichen würde – die Neuschöpfung von Disko aus dem Geiste des Grime.

© Universal
© Universal

Es ist ja immer das gleiche Dilemma, für einen „cheeky boy“ aus Londons East End ebenso wie für den Gangster-Rapper aus der Bronx: Wenn man sich die Wut aus dem Leib rappt und dabei reich und berühmt wird – wie geht‘s weiter? Man kann ja schlecht aus der Villa heraus vom Ghetto berichten. Noch dazu wenn man zwischenzeitlich erwachsen wurde. Dizzee Rascal nahm einen einleuchtenden Weg: Er machte aus dem „Rascal“ einen Entertainer.

Teils ironisch, teils clownesk, teils vulgär kommt dieses Album daher, das nicht umsonst den doppelsinnigen Titel Tongue n Cheek trägt. Er wollte eine Platte machen wie Snoop Dogs optimistisches Doggy Style, sagt Dizzee. Aber mit seinen überzogenen Texten und den Rollenwechseln zwischen Autobahnrüpel (Road Rage), Sexprotz (Freaky Freaky) und politisch bewegtem conscious rapper (Can‘t Tek No More) erinnert Tounge eher noch an Eminem. Chillin Wiv Da Man, Dizzees Hommage an den G-Funk der Neunziger Jahre, wirkt daher auch eher deplatziert.

Geblieben ist Dizzees einzigartiger Flow. Wild und entspannt zugleich, mit gesteigertem Cockney-Akzent, gelingt es kaum jemand anderem, einen so hektisch-flüssigen Wortschwall auszuspucken. Zu Beats, die oft mehr mit Elektro zu tun haben als mit Hiphop. „I ain’t forcefull but I’m still hardcore„, rappt Dizzee einmal, und später: „It’s just entertainment, I do it for the pleasure.“ Damit ist das Feld abgesteckt, auf dem diese Musik spielt. Dass ein derart harscher Klang zum Popphänomen wird, das hat es seit The Prodigys Firestarter nicht gegeben. Und damals war Rave-Musik noch in Mode.

„Tongue n Cheek“ von Dizzee Rascal ist erschienen bei Universal.

 

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