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Raus aus der Hütte

 

Vor einem Jahr wurde der Waldschrat Justin Vernon als Bon Iver bejubelt. Nun begibt sich der Liedermacher mit dem Volcano Choir unter Menschen.

Durch die Decke: Justin Vernon in braunem Patchwork und sein Volcano Choir (© Jagjaguwar)
Durch die Decke: Justin Vernon in braunem Patchwork und sein Volcano Choir (© Jagjaguwar)

Was wäre Amerika bloß ohne seine Holzhütten? Ohne die Pilgervätergeschichten, die als Quell der Erneuerung in jeder Lebenslage dienen? Der Amerikaner Justin Vernon hat mit seinem weithin bejubelten Album For Emma Forever Ago im letzten Jahr eine postmoderne Pilgergeschichte geschrieben, die viel mit einer Selbstfindung unter dem Knistern des campfire zu tun hatte.

Nach der Auflösung seiner Band DeYarmond Edison war Vernon in eine Jagdhütte im Norden Wisconsins gezogen, um in der Begegnung mit den Elementen wieder Lust an der Musik zu schöpfen. Er konnte von den wilden Wölfen am Morgen erzählen, von den Seelen der Vorfahren, die ihm im rustikalen Gebälk erschienen. Als Bon Iver traumwandelte Vernon in der Ursuppe von Soul und Folk.

Dass ungefähr zur gleichen Zeit ein richtiges Bandalbum entstand, in dessen Aufnahmeprozess der erklärte Bartträger sich mit den Rückkoppelungen von Melodien in einem größeren Kontext befasste, war kaum bekannt. Es passte auch so gar nicht in die One-Man-Saga vom genialen Waldschrat, der die Popwelt mit seinen geisterblassen Liedern bezirzte.

Mit der Band Collections Of Colonies Of Bees verbindet den falsettierenden Troubadour eine längere Freundschaft, die über den musikalischen Ideentransfer via E-Mail bekräftigt wurde. Unmap, eine Sammlung von Songs, führt dem staunenden Publikum nun vor, welche Tiefendimensionen der Liedermacher Vernon erreichen kann, wenn er sich in den Dienst einer Gruppe stellt. Der Song Woods, den Vernon solo schon aufgenommen hatte, kehrt nun unter dem Titel Still in einer knapp siebenminütigen Version auf das Bandalbum zurück, als vielschichtiges, mehrfach gebrochenes Stück R&B; es dokumentiert, wie der Künstler seinen Gegenstand, die Natur, bearbeitet, um die Zeit anzuhalten.

In Vernons Vocoder-Gesang taucht die amerikanische Folklore digital verfremdet auf, in den Klatschrhythmen und kleinen elektronischen Störgeräuschen wird der gute Song immer auch zerrieben. Dass die Lieder der Band dennoch schillern, verdankt sich der Liebe zum Gospel, die diese tapferen Männer pflegen. Das Album endet mit dem Chorwerk Youlogy – dreieinhalb Minuten, die den Unterschied in der Stille ausmachen. Bon Iver war die Flucht ins Hinterland, der Volcano Choir erobert ganz vorsichtig die amerikanische Kathedrale.

„Unmap“ von Volcano Choir ist auf CD und LP erschienen bei Jagjaguwar/Cargo.

Dieser Text ist abgedruckt im Musikspezial der ZEIT Nr. 49/2009.

 

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