‹ Alle Einträge

Fragen Sie den Kapitalismus!

 

In Hamburg hat sich die School of Zuversicht gegründet. Sie prüft, was Voltaire oder Beckett uns heute zu sagen haben und spielt rastlosen Elektropop dazu.

© Pingipung

Candide wuchs wohl behütet in einem schönen Schloss auf. Als er sich aber in Cunégonde, die Tochter des Hauses, verliebte, wurde er von dannen gejagt. Auf seiner anschließenden Irrfahrt durch die Welt widerfuhr ihm allerlei Unheil. Doch wie groß das Übel auch gewesen sein mochte, Herr Candide begegnete ihm stets in dem Glauben, alles sei schon recht so – schließlich hatte ihn der Hausphilosoph des Schlosses gelehrt, dass er in „der besten aller Welten“ lebe.

Candide oder der Optimismus heißt der Roman, der diese Geschichte erzählt. Geschrieben hat ihn Voltaire, erschienen ist er 1759. Wie es Candide wohl heute, ein Vierteljahrtausend später, ergehen würde?

Womöglich würden ihn trotz der verlockenden Vielfalt an Klingeltönen und Kreditkarten Zweifel an der „besten aller Welten“ befallen, so wie in dem Lied Die wunderlichen Träume des Herrn Candide. Mit diesem Song beginnt Randnotizen From Idiot Town, das erste Album von School Of Zuversicht. Die Gruppe besteht schon seit einigen Jahren, ihre Besetzung wechselt mitunter von Auftritt zu Auftritt. Immer dabei ist nur Patricia Wedler alias DJ Patex. Im Golden Pudel Club, der standfesten Holzhütte am Hamburger Hafen, hat sie zahllose Nächte vor und hinter dem Tresen verbracht, oft ist sie auch als DJ oder mit der Band Knarf Rellöm Trinity unterwegs. Da sammeln sich einige Ideen an; einen ganzen Haufen davon hat DJ Patex im Laufe der Zeit mit befreundeten Künstlerinnen und Musikern wie Ruth May, Pascal Fuhlbrügge, Hans Platzgumer oder Maurice Summen zu den zehn Popsongs zusammengeklebt, die sich nun auf dem Album finden.

DJ Patex singt, raunt, erzählt in diesen Liedern mit kühlem Gestus und warmer Stimme, die Melodien sind hübsch und einnehmend, dazu ertönt ein Mischmasch aus Analogem und Digitalem. Neu ist das nicht, dennoch hat es eine ganz eigene Note. Ihren Reiz bezieht die Musik vor allem aus der Rastlosigkeit, die ihr innewohnt. Hier ein Rhythmus, der ins Stolpern gerät, dort ein herbes Bratzen oder Brutzeln – Beschaulichkeit klingt anders.

Das auffälligste Instrument sind die Texte: ein Patchwork aus Randnotizen und Querverweisen, meist auf Englisch, manchmal auch ganz unvermittelt auf Deutsch vorgetragen. Kaum ein Satzfetzen, der nicht zum Zitateraten verleitet: Another One Bites The Dog, You Look So Good When You’re Not On The Dancefloor, Hey Hey My My, Beckett Says In This World There Are More Pricks Than Kicks – School Of Zuversicht bringen zusammen, was scheinbar nicht zusammen gehört, sie drehen anderen die Worte im Mund um, verwischen die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem.

Bisweilen, zwischen den Zeilen, kommt in dem Spiel mit der Uneindeutigkeit auch ein wenig Klarheit auf: Wir spielen so lange, wie ihr bezahlt, heißt eines der Lieder, DJ Patex reibt darin die Worte fragmentation – einen Begriff aus der Prekariatsdebatte – und touch screen sensation aneinander. Was sie miteinander zu tun haben, darauf darf sich jeder seinen eigenen Reim machen. An anderer Stelle verhakt sich eine Frage aus New Orders Blue Monday im Ohr, gerichtet an keinen Geringeren als den Kapitalismus persönlich: How does it feel to treat me like you do, capitalism?

Natürlich antwortet der Kapitalismus nicht, überhaupt gibt diese Platte keine Antworten. Gut so, denn sonst wäre Randnotizen From Idiot Town wohl eine ziemlich freudlose und schlaumeierische Angelegenheit. Im Vordergrund steht hier immer die Idee vom schönen Popsong, trotz der vielen Haken, des geschickten Geraschels mit Referenzen. Voltaire hat sich vor einem Vierteljahrtausend eines ähnlichen Tricks bedient: Er verpackte sein Unbehagen in eine scheinbar unschuldige Abenteuergeschichte. Sie endete übrigens mit der Erkenntnis des Herrn Candide, dass in dieser „besten aller Welten“ doch nicht alles zum Besten bestellt ist und er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss.

„Randnotizen From Idiot Town“ von School Of Zuversicht ist auf Vinyl und als Download bei Pingipung erschienen.

3 Kommentare


  1. In Stellvertretung für den Kapitalismus, der bekanntlich nicht antworten kann, stelle ich fest, daß die Anzahl verschiedener Buttermilchsorten in unseren kapitalistischen Supermärkten die Anzahl verschiedener Akkorde in diesem Erzeugnis der „Schule der Zuversicht“ übertrifft. Den Kapitalismus kann man für viele Entartungserscheinungen verantwortlich machen, nicht aber für dieses Example of Inkompetenz.

  2.   Spaßbremser

    Bitte tu´ doch nicht so als käme es auf die Anzahl der Akkorde an.
    Von Inkompetenz sehe ich hier weit und breit keine Spur.


  3. Im Kapitalismus sehe ich viel mehr gefarbstoffte und künstlich aromatisierte Zuckerwässerchen, die überteuert als „Wellness“ angeboten werden, sich in ihrer Zusammensetzung jedoch nur marginal unterscheiden, als Buttermilch. In der Musik erlebt man auch häufig, dass wild und bunt gemischt oder an allen Ecken und Enden selbst eifrig gebosselt wird, das ganze aber eher nach ermüdender Fließbandarbeit als nach Freude an der Kunst klingt. School of Zuversicht macht in dieser langweiligen Tretmühle zum Glück nicht mit.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren