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Warum nicht mal seicht sein?

 

Manu Katché ist ein Superstar am Schlagzeug. Er will Jazz und Pop versöhnen, das bringt ihm viel Kritik ein. Nun ist sein neues Album „Third Round“ erschienen.

© Visual

Manu Katché ist gut im Geschäft. Er hat schon für Peter Gabriel, Sting, Joni Mitchell, Dire Straits, Simple Minds, Tears For Fears, Gloria Estefan, Jeff Beck und Joe Satriani getrommelt, hat Jan Garbarek auf dessen aktuellem Album Dresden begleitet und war in der Jury der französischen Ausgabe von Deutschland sucht den Superstar, Nouvelle Star.

Aber Manu Katché hat auch ein Problem: Er ist zu jazzig, um Pop zu sein, und zu poppig, als dass er es rechten Jazzern recht machen würde. Die von seiner Plattenfirma beschreiben das als Herausforderung: „Die Stimmung schwankt zwischen träumerisch und tänzerisch, sucht eine imaginäre Schnittmenge zwischen Katchés langjährigen Bandchefs Jan Garbarek und Sting.“ Also zwischen einem Jazzer, dem viele vorwerfen, mit der Altersmilde sei in seiner Musik die Langweile eingekehrt, und einem ebenfalls schwer gereiften ehemaligen New-Wave-Rebellen.

Der allerjüngste ist Katché nun auch nicht mehr: 1958 wurde er als Emmanuel Katché geboren, wuchs bei Paris auf, seine Eltern stammen aus Frankreich und von der Elfenbeinküste. Erst lernte er Ballett, dann Klavier, und mit 15 kam er ans Conservatoire National Supérieure de Musique de Paris, um klassisches Schlagzeug zu lernen.

Ein bisschen muss man sich Katchés Musik vorstellen wie seine wöchentliche Show auf Arte, One Shot Not. Da jammt der Gastgeber gern mit allem, was gerade so durch Paris kommt – und das sind keinesfalls nur Jazzer. Die Gästeliste der vergangenen Shows zeigt einen gewissen Ethno-Einschlag, vereint aber sonst so ziemlich alles von Retro-Soul über Elektropop bis Air, die ja irgendwie ein Genre für sich sind.

Nun sagt Katché von sich selbst, wenn er Songs schreibe, „habe ich die Musiker im Hinterkopf“ – also nicht sich, nicht die Musik als solche, auch nicht ein Bild oder eine Stimmung, sondern andere Musiker. „Als ich den Kollegen vor der Aufnahme die Demos mit den Noten dazu präsentierte, erkannten sie manches Eigene wieder. Ohne sie imitieren zu wollen, habe ich ihnen die Sachen förmlich in die Finger geschrieben.“

Nach einem ersten Album von 1991, bei dem Peter Gabriel, Sting und Branford Marsalis mittaten, blieb Katché lange solo-abstinent, dann kam er 2005 beim Label ECM unter, das auch den Saxofonisten Jan Garbarek zu seinen Künstlern zählt. Sein erstes Album dort, Neighbourhood mit dem Trompeter Tomasz Stańko, Jan Garbarek und dem polnischen Pianisten Marcin Wasilewski bekam den Preis der deutschen Schallplattenkritik. 2007 folgte Playground, jetzt das neue Album Third Round.

Die Besetzung ist neu, der Klang ist ähnlich wie auf den beiden Vorgängern. Pino Palladino steht am Bass, ein alter Weggefährte Katchés. Statt dem gewohnten dritten im Rhythmus-Bunde, Dominic Miller, spielt diesmal Jacob Young die Gitarre bei drei Stücken. Der Norweger Tore Brunborg ersetzt seinen Landsmann Jan Garbarek am Saxofon. Jason Rebello, auch einer aus der Sting-Entourage, spielt das Klavier. Kami Lyle, Trompeterin und Sängerin, setzt sparsam stimmliche Akzente.

Das Label ECM steht eigentlich für gediegenen, manchmal verschrobenen Edel-Jazz. Vermutlich deshalb schreibt jetzt böse der österreichische Falter zum neuen Album von Katché: „Man fragt sich, ob man auf ein Softjazz-Album vom ECM gewartet hat. Wohl eher nicht.“ Als wäre es eine Sünde, dass dieses Label auch mal im Seichten fischt.

Denn der Schlagzeuger, der Augen- und Ohrenzeugen zufolge im Konzert ein echtes Erlebnis ist, ein hochenergetischer Wirbler und bühnenpräsenter Charmeur, hat tatsächlich ein echtes Wohlfühlalbum aufgenommen, beschwingt, sensibel, entspannt, nicht neu, aber wie mit Perwoll gewaschen.

Swing Piece: ein ausgreifendes, rundtöndendes Piano, ein saftiges Tenorsaxophon und ein unaufdringlicher Groove. Keep on Trippin‘: blechern-filigrane Stickwirbelei, ein Vorabendsoapsoundtracksaxophon, kurze Klavierriffs. Springtime Dancing: ein brasileskes Kabinettstückchen. Stay With You: eine melancholische Ballade, gesungen und getextet von Kami Lyle mit mädchenhafter Stimme. Und als letzter von elf Songs Urban Shadow: eine Katché-Komposition ganz ohne Trommeln.

Irgendwo im Netz schreibt jemand, es sei das ideale Album, um eine Flasche Rotwein dazu zu öffnen, und hat Recht. Das kann man jetzt als vernichtend sehen für jemanden, der sich als Jazzmusiker betrachtet – oder so was: „Die Melodien sind auskomponiert, aber im Studio lasse ich gern Raum für Variation. Wenn etwas Unerwartetes passiert – und seien es nur Kleinigkeiten – bin ich glücklich“, sagt Katché. Immerhin einer.

„Third Round“ von Manu Katché ist erschienen bei ECM.

Katché auf Tour durch Deutschland: 15. 5. Braunschweig, 16. 5. München, 27. 5. Berlin, 28. 5. Dortmund, 29. 5. Hamburg

7 Kommentare

  1.   Infamia

    Ich glaube, kaum ein Genre macht es sich so schwer wie der Jazz. Die ewige Diskussion, was Jazz ist und was nicht mehr. Daran sind wahrscheinlich schon Miles Davis und Herbie Hancock gescheitert, als sie begannen, die Grenzen des Jazz auszuloten und in andere Genres vorzudringen.

    Sie haben damit den Jazz bereichert. Jazz ist Improvisation, Kreativität, der Versuch, verschiedene Stilrichtungen miteinander zu verbinden. Deswegen lebt der Jazz, ist nie langweilig, immer aufregend und wird hoffentlich immer kreative Geister haben, die den Mut haben, Neues auszuprobieren.

    Dem Video von Manu Katchè nach zu urteilen ist es in der Tat sehr seicht. Aber ist das schlimm? Ich öffne auch gerne mal eine Flasche Rotwein und lass es so dahin plätschern. Es gibt Tage, da muss es „Maiden Voyage“ von Herbie Hancock sein, es gibt aber auch Tage, da darf es ruhig etwas seicht zu gehen. Meine Stimmung ist ja auch nicht jeden Tag gleich.


  2. Keine Angst Verena ich möchte dich nicht zu Müll’n! Hoffe du kannst das Musikvideo auch öffnen und zuhören. Und dazu mit mir in Gedanken ein Glasl Rotwein trinken ;-). Bald in Echtzeit!
    Also zuerst waren es die Piloten streiken wollten. Dann die Fluglotsen. Uff ! Alles wurde Abgesagt! Jetzt Mamanatur die etwas Unruhe in meine Vorfreude auf den Juli bringt. Zu (unsern?) meinem Glück ist noch viel Zeit. Ois is isy sage ich, aber es zeigt sich Heuer nicht’s ist unmöglich.
    Nun kann ich nur noch sagen: „Zum Wohl“.
    Bisou Bisou Verena, ich bin sehr glücklich das wir unsere Freundschaft erhalten haben. Danke……..frank

  3.   Thorsten Wehner

    Nach dem ich mit acht Jahren Bitches Brew von Miles Davis zu meinem ersten Album erkoren habe und heute immer noch so schätze wie damals – man ist das krass – habe ich fast 32 Jahre Zeit gehabt mich mit den Tiefen und Untiefen des Jazz auseinanderzusetzen. Ob oben oder unten, tief oder untief, seicht oder kompliziert – ich habe im und mit dem Jazz gelernt: bewerte ihn nicht, höre ihn. So halte ich es auch mit diesem Album. Für die die eine Bewertung jedoch für überlebensnotwendig erachten: Track No. 1 leidet unter seiner Kürze, ich wünsche mir mehr vom grandiosen Opener … so ist es mit dem ganzen Album bestellt. Wo sind nur die Doppelalben geblieben … also wieder zurück zu: Bitches Brew. Bang!

  4.   achim

    hallo,

    ich habe die cd mehrfach gehört und finde sie wie auch die vorherigen alben von manu sehr sehr schön. eine labsal nach einem harten tag.


  5. Ach, wie leblos.

  6.   dieter peus

    Da waren echte Könner am Werk.Tolle Geräusche.Sehr meditativ !

  7.   Stefan Mayr

    Ich habe Manu Katche auch schon live erlebt, spiele selbst Schlagzeug und finde seinen Sound genial und sehr individuell. Das Album unterstreicht dies und ich finde es nicht verwerflich, wenn es nicht jedes Jazzohr erreicht. Mir gefällts – schon allein weil es sehr entspannend, teilweise cool ist und die Grenzen zwischen Pop und Jazz anfasst. Alles in allem vielleicht nicht bahnbrechend aber durchaus sehr gelungen. Viel Spaß beim hören.

 

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