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Der junge Bayer weiß zu spielen

 

Aus dem Bauwagen in die Stadt: Joseph Wirnsdorfer aus Traunstein macht wunderbar spröden Indiepop. Er singt von der Liebe, ohne in den Emotionsbaukasten zu greifen.

© K&F Records

Viel unbedarfter kann einer auf seiner Plattenhülle nicht aussehen. Vor drei Jahren erschien das erste Album von Josef Wirnshofer, da posierte er verträumt in seinem Bauwagen, halb hingesunken auf dickes Schaffell. Damals schrieb er gerade sein Abitur im bayerischen Traunstein. Wenn er Musik macht, nennt sich Josef Wirnshofer The Marble Man, der Murmelmann, dieses erste Album hieß Sugar Rails.

Er saß bald auf vielen kleinen Bühnen, allein mit seiner akustischen Gitarre, und spielte kantige Folklieder. Und die vor der Bühne hatten das Gefühl, der blasse Kerl da oben könne ein bisschen Gesellschaft brauchen, jemanden, der ihn durch die Nacht bringt.

Drei Jahre sind vergangen. Das Abitur hat er mittlerweile in der Tasche, den Zivildienst hinter sich – und ein zweites Album aufgenommen: Later, Phoenix …

Es klingt weniger karg als Sugar Rails, stellenweise sogar recht voll. Das erste Album bewies, dass er Lieder schreiben kann; das zweite nun zeigt, dass er zu spielen weiß, mit den Instrumenten, mit Tempi, Klangfarben und Stimmungen. Hier eine Posaune, dort eine Melodika, hier Streicher aus dem Synthesizer, dort eine echte Geige. Manchmal dreht er sogar die Gitarre richtig laut. Nie tönt alles auf einmal, Wirnshofer setzt die Töne sparsam und pointiert.

Der spröde Folk weicht dem spröden Indiepop, meist. Adam, Drop The Apple erinnert eben noch an die frühen Tage, da umfließen Klarinette und Cello wärmend den Refrain. Holden ist im Mittelteil schon fast ein richtiger Rocker.

Gut klingt die Platte, vielseitig. Vor allem aber erzählt Josef Wirnshofer seine Geschichten anders. Die Anstrengung des Anfängers ist aus seinen Melodien gewichen, ein leicht fatalistischer Unterton nicht zu überhören. „Afraid and all alone this boy became an actor, cause things kept to yourself are always good to sell„, singt er in Silver Bowl Of Ash. Und: „The fear of hatred and loss – but hey, I might as well be in love…“ Erfahrungen sind nicht authentisch, na klar, an jeder Ecke kann man sie runterladen und begaffen. Aber es gehört schon eine Menge dazu, von der Liebe zu singen ohne sich des Emotionsbaukastens von Praktiker zu bedienen und schöne Musik in Klischees zu ertränken.

Es heißt, der Murmelmann habe sich nach dem Album The Marble Index von Nico benannt. Aus Stücken wie Slowly Dying Star klang vor drei Jahren tatsächlich so etwas wie Verehrung für die große, melancholische Sängerin. Viel ist davon nicht mehr zu hören.

Den Bauwagen scheint Josef Wirnshofer auf Later, Phoenix … noch nicht hinter sich gelassen zu haben. Aber er hat ihn in die große Stadt gezogen. Da steht er gut.

„Later, Phoenix …“ von The Marble Man ist bei K&F Records/Broken Silence erschienen.

The Marble Man auf Tour: 2. 6. Hildesheim, 3. 6. Hamburg, 4. 6. Berlin, 5. 6. Dresden, 10. 6. Regensburg, 16. 6. Wien, 24. 6. München.

1 Kommentar


  1. Traunstein hat es in sich: der Papst (vor 65 Jahren), ich (vor 45 Jahren), Claudia Koreck (vor 5 Jahren), The Marble Man (vor 3 Jahren).

    Manche Leute vermuten im Chiemgau auch das „Auenland“ Tolkiens, denn dort gibt es „Halblinge“, also Leute, die Macht und Geld nicht so wichtig nehmen und die den Ring der Ringe, den Herrscher aller Wirtschaftkreise, den Zins und Zinseszins, dorthin schaffen wollen, wo er hergekommen ist, in die Versenkung. Sie haben eine Regionalwährung, den „Chiemgauer“, gegründet.

 

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