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Herrlich schwummrig ums Gemüt

 

Der vielbeschäftigte Schwede José González hat die Zeit gefunden, seine Band Junip zu reanimieren. Ihr neues Album „Fields“ klingt nach Brötchen im Bett und einem Tag auf dem Sofa.

© Jon Bergmann

Wer noch was anfangen will mit dem Tag, der sollte dieses Album eher nicht hören. Zumindest nicht komplett. Und schon gar nicht am Morgen. Schwung in den Laden bringt diese Musik eher nicht. Wenn das Midtempo mal in die Hufe kommt, nimmt das schlurfige Timbre von José González gleich wieder die Spannung raus – es wird einem herrlich schwummrig ums Gemüt. Was nicht heißen soll, dass es langweilig würde.

Junip sind eine schwedische Band. Aber ihre Musik ist kein Soundtrack für Mankell-Krimis. Sie klingt melancholisch statt morbide, herbstlaubbunt, nicht trist und grau, nachdenklich-verspielt, nicht brutal. José González ist ja auch kein typischer Schwede, wie der Name ahnen lässt. Der Songwriter, der jetzt mit dem Schlagzeuger Elias Araya und dem Keyboarder Tobias Winterkorn als Junip ein Album aufgenommen hat, hat argentinische Wurzeln.

Seine Alben Veneer (2003) und In Our Nature (2007) erinnerten viele an Nick Drake. Dazwischen sang González mal eben in einem Werbespot für einen Sony-Fernseher, in dem bunte Bällchen durch Straßenschluchten dotzten. Seine Version von Heartbeats von The Knife machte das Stockholmer Elektro-Indie-Duo erst so richtig bekannt.

Aber das neue Fields ist kein González-Album, darauf legen er und die Plattenfirma allergrößten Wert: „Lasst uns das gleich mal klarstellen: Junip sind eine Band“, motzt der PR-Text. Das Trio spiele schon seit 1999 oder sogar 1998 zusammen, González und Araya sogar, seit sie 14 waren. Hardcore brachte sie zusammen, später entdeckten sie den Sound der späten sechziger Jahre, Americana, Nylon-Saiten und Moog-Synthesizer.

Tja, und dann hatte González plötzlich viel Erfolg und wenig Zeit. Araya ging nach Finnland und Norwegen, um Kunst zu studieren. Winterkorn wurde Teilzeitlehrer, baute sich nebenbei ein Studio. Dort, in der Nähe des Göteborger Hauptbahnhofs, bastelten sich Junip dann die Songs, die jetzt ihr erstes Album füllen. 2005 hatten sie immerhin eine EP zusammen, und seit 2007 konnten sie sich Fields widmen – viel Reifezeit also. Die hört man den komplexen Aufnahmen auch an.

Mit dem Album kann man sich gemütlich auf die Couch kuscheln und raus in die wallenden Nebel starren, ohne Wolldecke: González‘ kompetentes Gitarrenspiel, Arayas reduziert tuckernde Drums, Winterkorns psychedelische Analog-Synthetik hüllen einen warm und weich ein. Aber nicht zu weich: In die dichten Maschen der elf Songs sind viele raue, kratzige Fäden eingewebt; es wird wohl unbehandelte Schurwolle sein. Sie lösen willkommene Irritationen aus und bewahren die Musik davor, gefällig zu werden.

Der Schlagzeuger macht seine äthiopische Mutter und die repetitive afrikanische Musik, die er zu Hause gehört habe, für die fast schon trancehafte Minimalmotorik der meisten Songs verantwortlich. Es wird wohl in der Tat die Mischung so disparater stilistischer und geografischer Einflüsse sein (Folk Jazz, Afro-Soul, Krautrock, Wurzeln im Hardcore; Argentinien, Äthiopien, Schweden, imaginäre Americana-Wüsten und mittelenglische Nick-Drake-Schafweiden), die Fields so seltsam weltfern klingen lässt, zeitlos.

Droning chords and distant bells / humming over empty shells„, singt González in Always, brummende Akkorde und ferne Glocken, die über leeren Muscheln summen. So ähnlich klingen Junip manchmal: irgendwie geheimnisvoll, anderweltlich. Die vorab veröffentlichte EP Rope & Summit hatte auf dem Cover das Foto eines Analogsynthesizers, auf den ein winziger Zen-Garten montiert war.

Wer also nichts mehr vorhat, wer die Sonntagmorgenbrötchen schon ans Bett gebracht bekommen hat oder feierabendlich auf dem Flokati fläzt, für den ist Junip klasse. Nicht falsch verstehen: Als Einschlafhilfe taugen die Songs nicht, dafür liegt zu viel unterschwellige Unruhe in den vielen Schichten der Arrangements. Und wer weiß, welche Träume die reichlich kryptischen Texte heraufbeschwören. Es bleibt spannend.

„Fields“ von Junip ist erschienen bei City Slang

Junip auf Tour: 24. 9. Hamburg, 25. 9. Leipzig, 27. 9. München, 29. 9. Stuttgart, 12. 10. Köln

1 Kommentar

  1.   citizen twinkle

    guter Artikel!

 

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