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Der Obstbaum trägt Früchte

 

Über die Jahre (37): Nick Drake starb jung und verzweifelt. Er hinterließ drei großartige Folk-Alben, die die Welt erst 30 Jahre später zu schätzen lernte.

Nick Drake Fruit Tree

Ruhm ist nur ein Obstbaum,
So verdorben und morsch.
Er kann nicht gedeihen,
Bis sein Stamm im Erdreich steckt.

Obstbaum, Obstbaum,
Dich kennen nur Regen und Wind.
Doch sorge dich nicht: Sie werden kommen
Und staunen, wenn du vergangen bist.

Nick Drake war nicht einmal 20, als er diese Worte sang. Sind es bloß Worte eines larmoyanten Literaturstudenten, oder schwingt in ihnen eine dunkle Vorahnung? Musste Drake mit 26 sterben, damit die Welt ihn drei Jahrzehnte später vermissen würde?

Er hinterließ drei Alben, die heute als herausragende Werke des britischen Folk gelten. Doch damals, Anfang der Siebziger, galten sie wenig. Drakes Platten verkauften sich kaum zu seinen Lebzeiten. An Fahrt gewann die Sache erst im Jahr 2000, als VW den unheilvollen Pink Moon missbrauchte, um den Werbespot für die neue Generation Golf auszuleuchten.

Es half Nick Drake also ein kulturelles Missverständnis, das große, junge Publikum zu erreichen, das er sich immer gewünscht hatte. Um den Jahrtausendwechsel erschienen Biografien, Dokumentationen und Wiederveröffentlichungen seiner Musik. Drake zu Ehren moderierte Brad Pitt eine Radiosendung in der BBC, das Album Pink Moon erreichte Platz 5 der Amazon-Hitparaden, der englische Guardian ernannte die Platte Bryter Layter zum besten Alternative-Album aller Zeiten, und der New Musical Express erkor Northern Sky zum schönsten Liebeslied der Moderne.

Am 19. Juni 2008 hätte Nick Drake seinen 60. Geburtstag feiern können, wäre ihm das Leben nicht zur Last gefallen. Eines Morgens im November 1974 wachte er nicht mehr auf – er hatte zu viele Tabletten genommen.

Von der Enttäuschung, die ihn zerfressen hatte, zeugt eines seiner letzten Lieder:

Warum lasst ihr mich warten auf diesem Stern,
wenn ihr so viel von mir haltet?
Warum lasst ihr mich segeln auf offener See,
wenn ihr mich doch so deutlich hört?

Viele Musiker verehrten ihn. Sein Entdecker und Mentor Joe Boyd, der damals auch Fairport Convention und die Incredible String Band produzierte, nannte ihn ein Genie. Umso ernüchternder waren die Reaktionen des Publikums: Kaum jemand kaufte seine Platten, denn kaum jemand wusste von ihnen. Nick Drake gab keine Interviews, und die Radioredaktionen waren nicht sehr begeistert von ihm. Seine wenigen Bühnenauftritte waren Katastrophen: Die Zuschauer wurden unruhig, wenn er nach jedem Lied sorgfältig seine Gitarrensaiten umstimmte. Sie fingen an zu reden, und Drake verließ die Bühne, ohne sich verbal zu wehren. Er wehrte sich mit seiner Musik – nicht auf der Bühne, sondern im Studio.

Seine Lieder atmen einen unvergänglichen Zauber. Auf ihnen ruht eine schwere Tristesse, und doch verbreiten sie ein Gefühl der Hoffnung. Nick Drake schafft eine Spannung, in der Dissonanzen wohl klingen. Das Album Five Leaves Left (1969) enthält seine frühen Stücke, wie das prophetische Fruit Tree. Mit 17 hatte er eine Gitarre gekauft und sich eine virtuose Spieltechnik angeeignet. Zwei Jahre später schrieb er seine ersten Lieder und nahm sie mit Joe Boyd auf.

Drake war umgeben von Klangexperten, mit deren Hilfe er aus schlichten Kleinodien funkelnde Schmuckstücke schmiedete. Hier saß jeder Ton, jeder Akkord fand seine Entsprechung im Text, jede Metapher lenkte das Arrangement – beeindruckendes kompositorisches Handwerk. Man orientierte sich an Leonard Cohen und George Martins Beatles-Produktionen.

Drake mochte die musikalischen Impressionisten. So bewegen sich seine Lieder in den Klangwelten von Frederick Delius, Gabriel Fauré oder Claude Debussy. In seinen kurzweiligen Impressionen verwischen Folk, Blues, Gospel, Bossa und Jazz. Seine Texte sind inspiriert von romantischer, pastoraler Lyrik. Er singt sanft und eindringlich von den Beobachtungen eines Einzelgängers, dessen engster Freund die Natur ist.

Auf der zweiten Platte Bryter Layter (1970) schlug er poppigere Töne an. Die Arrangements waren nun bunter und heller, sie entsprachen allerdings auch weniger Nick Drakes Gemütszustand. Er war unzufrieden mit dem Album, hatte das Gefühl, sich verkauft und doch nichts gewonnen zu haben.

Seine Gedanken verdunkelten sich, die Depressionen kamen und mit ihnen die Einsamkeit. Dem musste er Luft machen: Sein letztes, wohl persönlichstes Album Pink Moon (1972) entstand binnen zwei Nächten im Studio. Die Plattenfirma Island Records erfuhr erst davon, als ein Bote die Tonbänder an der Rezeption abgab.

In der Mondfinsternis unterm Nordhimmel steht er nun, der Obstbaum, und er wird dort noch lange stehen und bewundert werden. Wäre Nick Drake ein zartes Musikerpflänzchen, das in diesen Tagen heranwüchse: Der Ruhm wäre ihm gewiss. Denn seine Lieder sind von zeitloser Schönheit, sie überschatten die Gesänge eines Elliott Smith, Badly Drawn Boy oder Conor Oberst.

Damals, als noch die Radiostationen den Ton angaben, stand seine Schüchternheit einer Karriere im Weg. Heute ließe sich daraus ein Image aufbauen. Er wäre ein Star der Myspace-Kultur. Aber würden ihn die Menschen auch in dreißig Jahren noch verehren?

Nick Drakes Alben sind 1979 in der Sammeledition „Fruit Tree“ erschienen und wurden 2007 auf CD und LP bei Universal Island Records wiederveröffentlicht. Die CD-Box enthält den bewegenden Dokumentarfilm „A Skin Too Few – The Days of Nick Drake“ (2000). Im 100-seitigen Beiheft interpretieren die Produzenten seine Lieder und berichten von den Aufnahmen. Außerdem sind alle Liedtexte abgedruckt.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(36) The Sonics: „Here Are The Sonics!!!“ (1965)
(35) dEUS: „In A Bar, Under The Sea“ (1996)
(34) Miles Davis: „On The Corner“ (1972)
(33) Smog: „The Doctor Came At Dawn“ (1996)
(32) Naked Lunch: „This Atom Heart Of Ours“ (2007)

Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

3 Kommentare

  1.   Jeeves

    Ich bin alt genug und vom Fach, um zu bemerken: Alle paar Jahre wird dieser „Nick Drake“ immer wieder von der Presse (von der Plattenfirma? vom Musikverlag? Ach, man weiß so wenig) hervorgezogen, um ihn einer neuen Generation (?) anzudienen, vulgo: um CDs zu verkaufen. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Aber ein Frage drängt sich auf: wieso – und wieso immer alle Jahre wieder – nur dieser „Nick Drake“? Es gab doch hunderte anderer … die genau so mittelmäßig waren, aber nicht das Glück jung zu sterben.

  2.   Rabea Weihser

    Lieber Jeeves,

    für mittelmäßig halte ich Nick Drakes Musik durchaus nicht. Dass wir ihn an dieser Stelle würdigen, hat weniger etwas mit seinem 60. Geburtstag oder der Wiederveröffentlichung der Alben zu tun, als damit, dass sich in der Rubrik „Über die Jahre“ nach und nach die Lieblingsplatten der Redaktion ansammeln sollen, ganz losgelöst von der Flut der Neuveröffentlichungen.

    Mag Nick Drake vielleicht nicht Ihrem Geschmack entsprechen und in Ihren Ohren mittelmäßig klingen: Auch solche Platten finden sich in jeder Sammlung. Welche schlagen Sie noch vor?

    Beste Grüße

  3.   Bruno

    Aber hallo – für mittelmäßig halte ich Nick Drake absolut nicht.
    Und warum darf man im allgemeinen Wirrwarr der Neuveröffentlichungen nicht auch an gute alte Scheiben erinnern? Wie sonst kommen Leser vielleicht auch auf den Geschmack ein wenig in die Vergangenheit zu schauen, womöglich in den Platten der Eltern zu stöbern und etwas ’neues‘ für sich zu entdecken?

    ‚Über die Jahre‘ beinhaltet für mich auch völlig zurecht Nick Drake. Und natürlich, es gäbe noch allerhand. Genug um täglich ein paar Updates hier zu bringen 🙂

 

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