‹ Alle Einträge

Lecker Strychnin

 
Über die Jahre (36): Das wilde Geschrammel der Sonics wurde erst bekannt, als sich die Gruppe längst aufgelöst hatte. Ihr Debütalbum „Here Are The Sonics!!!“ von 1965 klingt zeitlos furios.
The Sonics Here Are The Sonics

Gerry Roslie wollte anders klingen. Er sang nicht, er schrie, er kreischte: „Wow!“, Gerry Roslie drehte durch. Die Band begleitete seine Ausbrüche mit scheppernder Krachmusik: Die Brüder Andy und Larry Parypa am Bass und an der Gitarre, Rob Lind am Saxofon und Bob Bennett am Schlagzeug. Es war 1963 in Tacoma, einem Hafenstädtchen im US-Bundesstaat Washington. Die fünf Jungs hatten ihr Ziel damals klar vor Augen: „We wanted to blow people off their feet, not just with loudness, but with tightness, with music that made you want to dance“.

Bald wurde der Bassist der Wailers, Buck Ormsby, auf die Band aufmerksam. Er lotste sie ins Studio und bannte ihre jugendlichen Ausbrüche auf Platte. Dem Sänger habe der Hals geschmerzt nach den ersten Aufnahmen, ist auf der Hülle von Here Are The Sonics!!! zu lesen. Die Techniker seien verstört gewesen, die Band nicht weniger. Die Musiker hätten das Gefühl gehabt, die Aufnahme sei misslungen – der Vater der Parypa-Brüder habe Buck Ormsby gar Prügel angedroht. Dieser hätte sie beruhigt, schließlich habe alles genau richtig geklungen: Übersteuert, roh – als sei es in einer Garage aufgenommen.

Ormsbys Plattenfirma Etiquette Records brachte im Jahr 1964 ihre erste Single The Witch heraus, es wurde ein Hit an der Nordwestküste. Im folgenden Jahr erschien Here Are The Sonics!!!, es versammelte einige unspektakuläre Lieder neben den explosiven Stücken Psycho, Strychnine und eben The Witch. Roslie sang von Liebeswahn, Autos und dem Geschmack von Strychnin: „Some folks like water, some folks like wine, but I like the taste of straight strychnine.“

Erst Jahre später wurden The Sonics bekannt, da hatten sie sich längst aufgelöst. Als der Punk die Musikwelt erschütterte, wurde ihnen späte Anerkennung zuteil. Vor ein paar Monaten gaben The Sonics ihr erstes Europa-Konzert in London. Es sei tragisch, schrieb die taz zu dieser Gelegenheit, damals seien die Sonics ihrer Zeit zehn Jahre voraus gewesen, heute seien sie dreißig Jahre zu spät dran.

Sie mögen alt sein, ihre neuerlichen Auftritte müde: Aber es ist nie zu spät, die furiosen Lieder der Sonics zu hören.

„Here Are The Sonics!!!“ von The Sonics ist im Jahr 1965 erschienen und bei Norton Records erhältlich.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(35) dEUS: „In A Bar, Under The Sea“ (1996)
(34) Miles Davis: „On The Corner“ (1972)
(33) Smog: „The Doctor Came At Dawn“ (1996)
(32) Naked Lunch: „This Atom Heart Of Ours“ (2007)
(31) Neil Young: „Dead Man“ (1996)

Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik


3 Kommentare

  1.   rondo

    ich weiß nicht wer von wem geklaut hat, jedenfalls hatten die „tremolos“ damals mit ‚do you love me‘ eine ähnliche nummer auf dem markt.
    die gruppe ‚the sonics‘ war einfach nur schlecht.

  2.   Schneider

    Es lohnt sich in jedem Fall, sich The Sonics einmal genauer anzuhören. Sie waren meines Erachtens zwar keine Wegbereiter des Punk, aber auf ihre Art eigenwillig, charmant und für die damalige Zeit angenehm ungeschliffen.

    PS: Rondo, Ihre Schreibweise der „Tremeloes“ ist „einfach nur schlecht“.

  3.   Lang

    Rondo, Mann, ist das dein ernst? Roslie hat die Punk- röhre schlechthin, Hör dir mal an was zu der Zeit sonst gemacht wurde.
    Musikalisch vielleicht nicht so verspielt wie z.B. Music Machine, sind die Sonics bis heute wirklich tough.
    Habe sie in NYC gesehen und kann nur sagen ….wow.
    Immer noch eine der besten Bands auf dem Planeten.

 

Kommentare sind geschlossen.