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Auf ins Brackwasser, Puppe!

 
Über die Jahre (33): Bill Callahan alias Smog schreibt ergreifend deprimierende Lieder. Sein “The Doctor Came At Dawn” aus dem Jahr 1996 ist die schönste aller traurigen Platten.
Smog The Doctor Came At Dawn

Bill Callahan hält sich für den Größten. Er könne nicht anders, sagte er einmal in einem Interview. Lange habe er sich angehört, was musikalisch um ihn herum passiere. So sei er zu der Erkenntnis gekommen, ein brillanter Musiker zu sein, vermutlich sogar der brillanteste.

Solche Kraftmeierei hört man nicht gern aus dem Mund eines megalomanen Rappers wie 50 Cent oder eines notorischen Nörglers wie Lou Reed. Aber wer so deprimierende Platten aufnimmt wie Bill Callahan, dem gesteht man ein bisschen Angeberei gerne zu. Seine Lieder veröffentlicht er unter dem Namen Smog, sein The Doctor Came At Dawn aus dem Jahr 1996 ist die schönste aller traurigen Platten.

Ich kaufte mir das Album mit dem abgetakelten Dreimaster auf der Hülle, überspielte es auf Kassette, und fuhr mitten im Winter mit zwei Freunden an eine See in Norditalien. Während wir durch frostbedeckte Landschaften fuhren, sang Bill Callahan mit seiner tiefen Stimme zur gezupften Gitarre: „Four hearts in a can speeding through the countryside”. Dass wir nur drei Herzen in einer rollenden Blechdose waren, störte uns nicht. Kein anderes Lied hätte besser gepasst.

Seitdem hat mich The Doctor Came At Dawn durch viele Winter begleitet. Diese eigenartige Mixtur aus experimentellem Folk und leisem Rock legt man nicht an einem strahlenden Hochsommertag auf den Plattenteller. Das dunkle Kratzen des Cellos, die immer etwas verstimmt klingende Akustikgitarre, hin und wieder ein paar verhallte Effekte und Pianosprenkel – das erfordert kahle Bäume, keine blühenden Zweige.

Zu dieser finsteren musikalischen Kulisse watet Bill Callahan knöcheltief durch das Brackwasser verpasster Gelegenheiten, singt galgenhumorig von den Schattenseiten seiner Liebesbeziehungen. Einsamer Höhepunkt ist All Your Women Things, da ist die Angebetete schon lange fort. Viele ihrer Habseligkeiten hat sie zurückgelassen, Unterwäsche, Riemen, Rüschen und falsche Nägel. Schmerzhaft sind dem Einsamen diese Erinnerungen. Er trägt sie zusammen und bastelt eine Puppe daraus, die zum Fetisch wird.

Mittlerweile hat er sein Pseudonym abgelegt, das Album Woke On A Whaleheart erschien im vergangenen Jahr unter seinem richtigen Namen. Und ob der 42-jährige Callahan nun wirklich so „really, really fucking good“ ist, wie er behauptet: geschenkt! Zweifellos aber hat er mit The Doctor Came At Dawn bewiesen, dass Schönheit und Unbehagen sich nicht ausschließen müssen.

„The Doctor Came At Dawn“ von Smog ist im Jahr 1996 als CD und LP bei Drag City erschienen.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(32) Naked Lunch: „This Atom Heart Of Ours“ (2007)
(31) Neil Young: „Dead Man“ (1996)
(30) The Exploited: „Troops Of Tomorrow“ (1982)
(29) Low: „Christmas“ (1999)
(28) Nena: „Nena“ (1983)

Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

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1 Kommentar

  1.   Cascando

    Abgetakelter Dreimaster? Sieht für mich eher wie ein voll betakelter Viermaster aus.

    Ansonster aber mal wieder vielen Dank für den Hinweis auf ein großes Stück Musik!

 

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