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Furt mit den Klagen

 
Über die Jahre (32): Naked Lunch aus Österreich wollten im Jahr 2007 die Schwermut besiegen. Auf „This Atom Heart Of Ours“ ließen sie das Schöne und das Triste harmonisch klingen – ohne dem Kitsch zu verfallen.
Naked Lunch This Atom Heart Of Ours

Anfang vergangenen Jahres erschien This Atom Heart Of Ours, das fünfte Album der Klagenfurter Band Naked Lunch. Produziert wurde es – wie das düstere Songs For The Exhausted zuvor – von Olaf Opal, er arbeitete auch mit The Notwist zusammen. This Atom Heart Of Ours ist kein Abgesang, sondern ein Neuanfang, die Band klingt nun zuversichtlich. Filigran feilen die drei Musiker an der Verbindung von Gitarren und leiser Elektronik, das brüchige Timbre des Sängers Oliver Welter lässt keinen Kitsch zu.

Welter schreibt die Stücke an der Gitarre. Mittlerweile hat er einen eigenen Ton gefunden. „Wir haben eine Geschmackspolizei in der Band, die immer die Sirenen anwirft, wenn einer von uns auch nur von einem einzigen Klang Bauchweh bekommt“, erklärt er.

Über seine Stücke sagt er: „Zentraler Gedanke ist meist die eigene Hölle“. Gemeinsam mit Herwig Zamernik und Stefan Deisenberger malt er diese Hölle auf This Atom Heart Of Ours in leuchtenden Farben aus. Im Titelstück überraschen Naked Lunch mit versöhnlichen Zeilen: „The bells they were ringing with a beautiful sound. A new day rising, a way that we found.“ Die Stimme klingt weltverloren, die Gitarre traurig. Und dennoch: Schwermut will besiegt werden auf diesem Album.

Sie lässt sich mit Schönheit zwingen, oder besser: durchdringen. Das Schöne und das Triste klingen zusammen. Wie der englischen Band The Good, The Bad & The Queen gelingt es Naked Lunch, ein Gefühl zu musikalisieren – das Traurige im Glück und das Glück in der Traurigkeit. Zerbrechlich klingen sie, verloren. In My Country Girl singt Welter „I don’t like where I live, but I love to live with you“, das ist eine Absage an die Heimat Kärnten und im selben Moment eine rührende Liebeserklärung.

This Atom Heart Of Ours ist ein verspieltes und zugleich staubtrockenes Album. Die Band orientiert sich weniger an The Notwist als zuvor, stattdessen jubilieren Chöre und Orgeln, ganz ohne spirituelles Pathos. Dann und wann wehen Störgeräusche hinein, knackt und kracht die Elektronik. Man fühlt sich erinnert an die frühen Jahre der Rockband. Kurz darauf umfangen einen die Harmonien wieder und man träumt weiter. Ganz am Ende dann, in In The End, heißt es: „My arms will hold you in the end, you will forgive me in the end, my love will find you in the end“. In Zukunft wird Liebe sein, wird Freiheit sein, doch bis dahin, so ahnen wir auch beim Blick auf die Hülle, ist es ein steiniger Weg.

„This Atom Heart Of Ours“ von Naked Lunch ist im Jahr 2007 als CD und LP bei Louisville Records erschienen.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(31) Neil Young: „Dead Man“ (1996)
(30) The Exploited: „Troops Of Tomorrow“ (1982)
(29) Low: „Christmas“ (1999)
(28) Nena: „Nena“ (1983)
(27) Curtis Mayfield: „Back To The World“ (1973)
(26) Codeine: „The White Birch“ (1994)

Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

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