‹ Alle Einträge

So viel zum Pathos

 

Das neue Album von Antony And The Johnsons flüchtet vor der Welt: „Swanlight“ benebelt den Hörer und entlässt ihn erholt in die Gegenwart.

© Beggars

That’s about pathos. So kommentierte es das Spaßkollektiv Monty Python einst, wenn es wieder mal ein gänzlich absurdes Intermezzo gemäldeartiger Schlachten oder unvermittelt schmetternder Operndiven unter den Alltagswahnsinn seiner Sketche gerührt hatte.

So viel zum Pathos – ähnlich scheinen auch Antony And The Johnsons die Gegenwart zu kommentieren, wenn sie ihre Musik gewordenen Gefühlswallungen hineintropfen lassen wie Öl ins Wasser. Von Humor kann beim Avantgardisten-Kollektiv aus New York zwar keine Rede sein, nirgends. Aber den Hang zum hingebungsvollen, aus der Zeit gefallenen und kontextfernen Pathos ist ihm zueigen wie den britischen Komödianten vergangener Tage.

Schon auf den ersten drei Alben haben die New Yorker diese Bereitschaft zur bedingungslosen Inbrunst kultiviert und damit weltweit Anerkennung erfahren. Mit dem vierten nun treiben sie es zu neuen Höhen. Swanlights klanglich reduzierte Kammermusikalität erinnert nur noch in den entlegensten Ecken an die Gesetzmäßigkeiten der Musik von heute. Es ist eine komplett entrückte Platte, verloren in der eigenen Tiefe, eher Klassik als Pop, dem das Pathos ja nun auch nicht grad wesensfremd ist.

Wie Antony Hegarty, der Poet am Piano, seine elf zutiefst analogen Stücke mit operettenhafter Stimme in die digitale Welt entlässt, wirken sie wie kleine Fluchten. Man kann ihnen eine Dreiviertelstunde lang in merkwürdige Zwischenwelten folgen, um völlig entspannt zurückzukehren in die Hektik des Hier und Jetzt.

Schon Everything Is New ist mehr eine Reise als ein Auftaktsong. Wie bei Smetanas grandioser Naturwanderung Die Moldau wird man ergriffen vom Auf- und Abschwellen dieser hymnisch fließenden Neoklassik. Das plätschernde Ghost zieht einen flussaufwärts zur vollen Breite des Stroms. Im Titellied verläuft sich der Flusslauf in unzähligen Nebenarmen, bis kaum noch Ufer erkennbar sind, die im anschließenden The Spirit Was Gone erst schemenhaft auftauchen, um sodann im fast elvisartigen Thank You For Your Love ein kleines Strandbad zu eröffnen. Bläsersamples, pointiertes Schlagzeug, echte Refrains und erkennbare Strophen – so etwas sucht man ansonsten vergeblich auf dieser wohl versonnensten aller hitparadentauglichen Platten dieses Herbstes.

Da verwundert es auch wenig, dass Björk bereits zum zweiten Mal einen Gastauftritt bei den Johnsons hat. Und wenn Feenwesen wie die Isländerin kaum auffallen, wenn ihre Verschrobenheit bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt in Antonys flächigen Arrangements – dann wird deutlich: Hier geht es keineswegs um ein Album, das sich in der Download-Ära beliebig zerstückeln ließe. Hier erklingt naturalistischer Pop, der seine Entsprechung bestenfalls in Platten von Philip Glass oder Tom Waits fände, in Filmen von David Lynch und Lars von Trier. Werke, die Geschichte und Wirkung so lange verrühren, bis unklar wird, was vorher da war. It’s all about pathos.

„Swanlight“ von Antony And The Johnsons ist erschienen bei Beggars/Rough Trade

3 Kommentare

  1.   Skarbnik

    Schade, dass man sich immer erst durch die Kulurseiten wühlen muss, um einmal etwas positives zu lesen… Vielen Dank für den Hinweis auf das neue Album!

  2.   matthew63

    Danke für diese sehr treffende Rezension! Antony sagt in einem Interview, es sei eine sehr irdische Aufnahme, wie er auch finde, wir seien als Menschen auf diese Erde verwiesen, dass sie lebenswert und vor allem auch -freundlich und durch Umweltzerstörung und Klimawandel nicht unversehens lebensfeindlich werde …
    Nun, mit seiner großartigen CD singt er den Himmel auf Erden herab. Das können, wie ich finde, nur Engel und Herr Hegarty ist ganz zweifellos einer, uns aus einer anderen Welt geschickt!

  3.   FraktionAugenZu

    Kleiner Hinweis hinsichtlich des Duetts mit Björk. Der erste Berührungspunkt stammt aus der Zeit als Björk ihr Album „Volta“ aufnahm, ohne die Mithilfe der „Johnsons“. Die beiden betreffenden Lieder sind „the dull flame of desire“, und „my juvenile“. Im Zuge dieser Aufnahmen entstand, zumindest in der Rohfassung, das nun veröffentlichte „Fletta“. Demnach eher ein- bis kein Auftritt bei den „Johnsons“, anstelle von geschriebenen zwei.
    Wie dem auch sei, ein gelungener Artikel, ein wunderschönes Album das mir den Herbst und wahrlich auch den Winter versüßen wird.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren