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Melodien vom Lagerfeuercomputer

 

Schon wieder eine singende Skandinavierin? Ja, aber Nina Kinert muss man zuhören. Ihr Popalbum „Red Leader Dream“ rührt nicht nur sie zu Tränen.

© Ninkina Records

Sie heißen Ane Brun, Lena Malmborg, Maria Solheim, Stina Nordenstam, Anna Ternheim, Hanne Hukkelberg, Agnes Obel oder Tina Dickow. Sie kommen aus Skandinavien, sie sind im weitesten Sinne Singer/Songwriterinnen, alle ein bisschen spinnert wie Björk, aber dann auch wieder nicht zu sehr, und alle sind sie ziemlich großartig. Irgendwas müssen die da oben ins Trinkwasser geben.

Nina Kinert jedenfalls hat, während sie in Stockholm aufwuchs, auch einen kräftigen Schluck genommen. Nachzuhören ist das auf ihrem neuen Album Red Leader Dream. Darauf singt die 27-Jährige wie eine Elfe, allerdings wie eine dem Leben recht zugewandte. Vorstellen kann man sich das vielleicht so: Wäre Dolly Parton, das Idol der jugendlichen Kinert, nicht auf einer Pferdekoppel aufgewachsen, sondern in einem moosigen Wald mit Trollen, dann würde sie vielleicht klingen wie Nina Kinert.

Die wurde als Kind zum klassischen Gesangsunterricht geschickt und hat später ihr Abitur an einem auf Popmusik spezialisierten Gymnasium gemacht. Danach war sie so genervt von Musik, dass sie ein Jahr lang in einem Kindergarten arbeiten musste. Dort lernte sie wieder Ja zu sagen, offen zu sein, sagt sie, dort lernte sie Musik wieder zu mögen.

Einen unverstellten, kindlichen Zugang kann man ihrer Musik ruhig unterstellen. Den hat sie auch nicht verloren, als vor zwei Jahren für das Album Pets & Friends aus der Singer/Songwriterin eine Popsängerin wurde. Der Folk und der Blues, die rauhe, eher unbehauene Umsetzung wichen ungemein eleganten elektronischen Arrangements. Seitdem gelingt der erklärten Katzenliebhaberin Kinert etwas Erstaunliches: Sie versöhnt den Computer mit der Lagerfeuergitarre, sie hat Joan Baez das Chillen beigebracht und lässt den Dancefloor ein Kinderlied summen.

Diese musikalische Entwicklung führt Kinert mit Red Leader Dream fort, allerdings hat sich nun auch die Stimmung gewandelt. Das neue Album klingt längst nicht so optimistisch wie sein Vorgänger, sondern beginnt mit einer Reihe dunklerer Songs. Nina Kinert hat einmal gesagt, mitunter rührten ihre eigenen Lieder sie bereits beim Schreiben zu Tränen. Die Seuche Melancholie, auf Pets & Friends noch ein süßer kleiner Virus, ist nun ernsthaft ausgebrochen, und wird erst in der zweiten Albumhälfte wieder eingedämmt.

Diese Zweiteilung ist allerdings kein Zufall, sondern Konzept. Wie in „Konzeptalbum“. Das feiert, womöglich ja als letztes Zucken des Niedergangs der Popkultur, momentan ein nicht zu übersehendes Comeback: Kaum ein Popmusikant mehr, der auf seinem Album nicht eine Geschichte erzählen müsste.

Diesem Trend folgt auch Kinert: Red Leader Dream ist aufgeteilt in zwei Akte und verfolgt die Wanderung einer namenlosen Frau, die den titelgebenden „red leader of her heart“ sucht. Die Szenerie ist ein trockener Wüstenplanet, die Stimmung romantisch und die Idee ausdrücklich, eine siebte Episode der Star-Wars-Saga zu schreiben.

Man darf das getrost als intellektuell schmückendes Beiwerk verstehen. In erster Linie bleibt festzustellen: Red Leader Dream ist ein Popalbum mit einigen wundervollen Songs, die imstande sind, nicht nur ihre Verfasserin zum Weinen zu bringen. Diese Traurigkeit, das ist das Unglaubliche, ist zwar durchaus ansteckend, aber hat jederzeit etwas Aufbauendes. Was ist das bloß, was die da im Wasser haben?

„Red Leader Dream“ von Nina Kinert ist erschienen bei Ninkina/Cargo.
Nina Kinert auf Tour: 22. 11. Köln, 23. 11. Hamburg, 24. 11. Berlin, 25. 11. München

5 Kommentare

  1.   manfred

    Die scheinen da tatsächlich mehr wasser zu haben, das gut schmeckt. ist wahrscheinlich zufall oder kulturell bedingt oder hat mit dem stand der sonne zu tun. ich glaube wirklich: es muß eine erklärung geben, sonst könnten die das ja nicht so einfach machen, die von skandinavien..

  2.   arvo

    Nina Kinert is simple copy of more original Swedish artist Karin Dreijer Andersson.

  3.   Julian

    Wieso jetzt Ane Brun, Anna Ternheim oder Lena Malmborg „spinnert“ wie Bjork sein sollen, würde ich gerne mal wissen.
    Gerade mit Fr. Malmborg habe ich schon ein paar Worte gewechselt, spinnert war die ganz sicher nicht!

  4.   chrissu

    Habe ich mir auch gedacht. Schon am Anfang des Artikels: Warum fehlt in der Aufzählung skandinavischer Künstlerinnen Fever Ray (Karin Dreijer Andersson)? Kennt der Autor anscheinend nicht !

  5.   peter*

    Jede Sängerin aus dem Norden mit Björk zu vergleichen,
    ist dumm und mittlerweile auch schon längst überholt.
    Dieses Klischee sollte doch längst abgeschafft sein.

 

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