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Held der verpassten Chancen

 

Einst war Grant Hart Schlagzeuger der so einflussreichen wie erfolglosen Punk-Band Hüsker Dü. Dann ging’s mit ihm bergab. Nun will er mit „Oeuvrevue“ erneut sein Glück versuchen.

© Hazelwood

Die Geschichte von Grant Hart ist von tragischer Schönheit. Oder von schöner Tragik. Eine Geschichte jedenfalls, wie sie nur die Popmusik schreibt. Früher öfter, heute immer seltener. Die Geschichte eines liebenswerten Verlierers. Einer, der sein Talent verschleudert und den man deswegen ständig schütteln möchte. Was man dann aber doch lieber sein lässt, weil man sich freut, dass er überhaupt noch am Leben ist.

Das neueste, hoffentlich nicht das letzte Lebenszeichen von Grant Hart hat er Oeuvrevue genannt. Eine Sammlung seltener Aufnahmen, alter Songs und einiger unbekannter Kompositionen. Zeug halt, das sich so angesammelt hat. In diesem Fall, wie Hart in den Liner-Notes der CD verrät, in den Jahren zwischen 1988 und 1995.

Es war die Zeit des Aufräumens. Harts erste Band, die so einflussreichen wie letztlich erfolglosen Hüsker Dü aus Minneapolis, hatten sich aufgelöst. Die Schlammschlacht mit Bob Mould, dem Gitarristen und anderen Songwriter der Band, war unappetitlich geworden. Der Schlagzeuger Grant Hart war auf Drogen und wusste nicht, wohin musikalisch. Er nahm die Gitarre in die Hand und wurde immer dicker, er gründete Bands, wechselte die Besetzung oder löste sie gleich wieder auf. Er unterschrieb Plattenverträge bei Labels, die prompt Pleite gingen, er benahm sich daneben und fuhr Tourneen gegen die Wand. Kurz: Er gab sich alle Mühe, seine Gabe zu verschwenden.

So hört sich Oeuvrevue denn auch an. Wie der Karton, in dem man all den Kram verstaut, den man nicht wegwerfen will, wenn man den Dachboden aufräumt: Ziemlich durcheinander, ganz schön staubig, aber voller großartiger Erinnerungen. Es tut gut, solche Songs wie Evergreen Memorial Drive mit all ihrer epischen Grandezza noch einmal zu hören. Oder The Main in einer spartanischen Akustik-Version. Oder No Promise Have I Made: Im Hüsker-Dü-Original mit einem langatmigen Spannungsaufbau versehen, wird der Song hier zum unverblümten Gitarrenpop, der demnächst die Welt erobern dürfte, wenn es auf dieser Welt denn gerecht zuginge. Waren Harts Songs – nicht nur im Kontrast zu den bisweilen grimmigen Kompositionen Moulds – doch immer die heimlichen Hits von Hüsker Dü. Hier ist, trotz einer bisweilen sehr bescheidenen Soundqualität, noch einmal zu hören, welch begnadeter Songschreiber der Mann sein kann.

Musikalische Revolutionen sind von dem mittlerweile 49-Jährigen aber natürlich nicht zu erwarten: So systematisch sich Hart zugrunde richtete, so stur hielt er stets fest an klassischen Songstrukturen und traditionellen Besetzungen. Nur einmal, kurz nach der Auflösung von Hüsker Dü, hatte er anders gearbeitet, ein wenig moderner, unterstützt von einer Rhythmusmaschine. Dieses Experiment hat er schnell wieder beendet.

Was folgte, war eine Karriere mit manchen Aufs und vielen Abs, wenigen grandiosen Platten und vielen verpassten Chancen. War doch Harts 2009 erschienenes, bislang letztes Studioalbum Hot Wax eine große Enttäuschung. Trotz, oder gerade wegen der Mitarbeit von Godspeed You! Black Emperor, die Hart – gewohnt erratisch und menschlich problematisch – vorzeitig abbrach.

Bis dahin hatte man zehn Jahre kaum etwas gehört von Grant Hart, und wenn, dann kaum Gutes. Er strich wie ein Penner durch seine Heimatstadt Minneapolis, hetzte gegen den erfolgreicheren Mould, nährte die Gerüchte um eine Hüsker-Dü-Reunion und dementierte sie wieder, tauchte dort mal in einem Club auf, sprang hier mal auf die Bühne und bekam generell nicht viel auf die Reihe. Oeuvrevue ist vor allem eins: Eine Erinnerung daran, was alles hätte sein können. Es ist eine sehr schmerzhafte Erinnerung.

„Oeuvrevue“ von Grant Hart ist erschienen bei Hazelwood/Rough Trade.

Konzerttermine: 30.11. Hamburg, 1.12. Münster, 2.12. Frankfurt, 3.12. Schorndorf

 

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