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Die Sommerplatte dieses Frühjahrs

 

Zwischen New Wave, Glam und Indierock: Auf seinem neuen Album „Kaputt“ erinnert Destroyer aus Kanada an die Achtziger. Stilvoll, raffiniert, weichgezeichnet und verblüffend.

© Merge Records

Wandlungsfähig war er ja immer schon. Aber für etliche seiner Anhänger dürfte das neue Album des Songwriters Destroyer eine Zumutung sein. Auf Kaputt verbindet der Kanadier Dan Bejar seine Lieder mit Anklängen an Brian Ferry, David Bowie und Brian Eno, New Wave, Soul, Ambient, Disko und Smooth Jazz zu einem verblüffend kohärenten Klangbild – so kohärent, dass manche Lieder beim ersten Hören allzu ähnlich klingen mögen.

Da ist viel Hall, gedämpfte Gitarren- und Klavierakkorde, weiche Synthieflächen und sanft groovende Rockbeats; Bejars Stimme bleibt stets im Vordergrund, oft ein wenig herausgehoben aus den soundscapes, manchmal schweigt er aber auch für etliche Minuten. Und dann ist da noch dieses ganz und gar unmögliche Weichzeichner-Saxofon, dazu luftige, fast liebliche Flöten. Und Trompete. Immer wieder Trompete.

Die Zutaten wandern durchs Klangbild, als hätten sie ein Eigenleben; bei unsachgemäßer Handhabung wäre schlimmster Klangzucker daraus geworden. Unter den Händen der Produzenten John Collins und David Carswell aber findet alles seinen Platz. Das Ergebnis ist eine Platte ganz weit weg vom sonstigen Achtziger-Revival, so sicher und eigenständig, als sei es ihr egal, ob überhaupt jemand zuhört. Mit Kaputt, seinem neunten Album als Destroyer, veröffentlicht Dan Bejar, sonst auch Mitglied der New Pornographers, erstmals mood music par excellence – delikat, großzügig, raffiniert.

Der Reiz liegt darin, dass seine nach wie vor eher dem Folk verpflichtete Lyrik mit ihren meist weiblichen Figuren, den eigenwilligen Bildern und der apokalyptischen Sehnsucht eingehüllt ist in ein Gewand der Achtziger – eine Musik, die sich allmählich entfaltet, von Klangraum zu Klangraum, ganz besonders in den beiden Acht- und Elfminütern Suicide Demo For Kara Walker und Bay Of Pigs.

Dazu offeriert Bejar seinen charakteristischen, nasal erzählenden croon, als flögen ihm die Worte gerade erst zu. Ein hübscher, fast anarchischer Kontrast zu all der Perfektion um ihn herum. „A kindly figure of feminine grace and wit passes for love these days„, singt er. „Oh world! You fucking explosion that turns us around„, oder „Her heart’s made of wood. As apocalypses go, that’s pretty good, sha la la, wouldn’t you say?„.

Die Einsamkeit, die aus dieser Musik spricht, gibt sich nicht ironisch und dekadent wie ehemals, sondern sanft, vieldeutig, beseelt von einer eigentümlich verhangenen Leidenschaft. Es ist eine Aneignung von Glam, wie sie 2011 erst möglich ist: mit all den Einflüssen aus New Folk und Indierock.

Als europäischen Blues hat Dan Bejar seine Musik einmal bezeichnet, und kaum je passte das so gut wie zu Kaputt mit seiner hellen, aber von trauriger Glut erfüllten Musik – ausgesprochen dandyhaft in ihrer Feier der Schönheit: „I write poetry for myself.

Eines allerdings müssen Bejar und seine Plattenfirma Merge Records sich fragen lassen: Warum schon jetzt? Eine bessere Sommerplatte wird es nicht mehr geben in diesem Jahr.

„Kaputt“ von Destroyer ist erschienen bei Merge Records.

3 Kommentare


  1. New Pornographers – die Indie-Supergroup aus Kanada – von denen kommt nur Gutes, z.B. einer der besten Songs of all time: „Letter From An Occupant“

  2.   Felix v. Beckerath

    Klingt für mich wie Pet Shop Boys, also nix neues.
    Ob man mit so einer Stimme heute noch bei der Zielgruppe verfängt
    wage ich zu bezweifeln.
    Eine Sommerplatte ? ganz gewiss nicht.

  3.   Tobias Werner

    Weltuntergangs-Sound…?

    Ich meine hier nun erstmal die Musik der Gruppe The Pornographers, die mir, in der Tat, nachdem ich diese gerade hörte, noch zeittypischer, noch zerstörerischer, erscheint.
    Gut, es gibt auch noch ganz abgefuckte Musik – dann noch pseudoschöne.

    Ich weiß nicht genau warum, kann dies auch nicht wirklich begründen, all diese moderne Musik – die auch ich durchaus gern höre – scheint mir nicht wirklich positiv aufgeladen zu sein. Die Namen der Bands zeigen dies oftmals ja auch, manchmal in Kombination mit dem Titel (wie ja bei Kaputt von Destroyer).

    Wenn man dies mal mit der Musik von Frühgesellschaften vergleicht, wo alle oder viele auch mitmachten und, unverstärkt, mitsingen, oder auch der von Bach oder Händel, so scheint es hier doch sehr tiefe Brüche gegeben zu haben.
    Sind wir – auch musikalisch – am Ende?

 

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