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Ein letzter tönender Gruß

 

Sollte dies wirklich das letzte Album der Bright Eyes sein, wäre es nicht weiter schlimm: „The People’s Key“ ist so gut, dass es jeden Abschied versüßt.

© Universal Music

Man weiß es nicht. Vielleicht war es ja nur ein Werbetrick. Auf jeden Fall hat Conor Oberst vor fast zwei Jahren angekündigt, dass er plane, nur noch ein einziges Album mit seiner Stammband Bright Eyes aufzunehmen und herauszubringen. Nun ist es soweit, The People’s Key erscheint, die der Mathematik mächtigen Fans zählen Eins und Eins zusammen und stellen fest: Dann ist es wohl vorbei.

Die Erschütterung hält sich allerdings in Grenzen. Das liegt zum einen daran, dass Oberst, der einstige Teeniestar der Americana, in den vier Jahren, die seit dem letzten Lebenszeichen von Bright Eyes vergangen sind, nicht untätig war, sondern mit seiner neuen Begleitband The Mystic Valley Band zwei Alben heraus gebracht hat und außerdem fleißig weitere Nebenprojekten und Kollaborationen betreibt.

Zum anderen ist das zehnte und vermeintlich letzte Album seiner Stammformation so gut geworden, dass es den möglichen Abschied versüßt. Die so schlichte wie herzzerreißende Klavierballade Ladder Song und das ungewohnt aufgeräumte, von einer ansteckenden Sommerlichkeit geprägte Jejune Stars sind nur zwei der Songs auf The People’s Key, die zu den schönsten gehören, die der mittlerweile 30-Jährige Oberst je geschrieben hat. Soll er sich doch, mag der Anhänger denken, nun ruhig in neuen Zusammenhängen hingebungsvoll der Verfeinerung seines Klangentwurfs widmen.

Es ist wohl auch so, dass Bright Eyes ihre Aufgabe erfüllt haben: Mit Platten wie Lifted or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground (2002) oder Im Wide Awake, It’s Morning (2005) setzte die Band nicht nur Omaha auf die Musiklandkarte und zudem neue Maßstäbe, was die Länge von Albumtiteln anging. Vor allem gelang es dem kaum dem Teenageralter entwachsenem, nicht allzu hässlichen Oberst und seinen beständig wechselnden Mitstreitern eine neue, sehr viel jüngere Zielgruppe für Americana und Folk zu erschließen: Die Roots Music war plötzlich schick geworden, und nur eine Bartwuchsperiode später erntete der Freak Folk, was Bright Eyes gesät hatten.

Nun, da das Ende naht, haben Bright Eyes mit dem Multinstrumentalisten Mike Mogis und Nathaniel Walcott an Trompete und Piano endlich eine halbwegs feste, überschaubare Besetzung gefunden. Für den letzten Tanz wurde allerdings eine solche Horde an Gästen von Bands wie Cursive, The Faint, The Mynabirds, Now It’s Overhead, Autolux oder The Berg Sans Nipple geladen, als hätte Oberst Angst gehabt, irgendjemandem keine Einladung zur Abschiedsparty zu schicken.

Mit dieser Unterstützung sucht Oberst nun nach neuen Klangmöglichkeiten für seine einst wegweisende Band. Deren retrospektiv betrachtet nahezu zwangsläufige Entwicklung vom demonstrativ dünnen Lo-Fi-Sound der Anfangstage zum üppigen Cinesmascope-Folk, mit dem Oberst letztlich zum mainstreamrelevanten Musiker aufstieg, war bereits vor vier Jahren mit dem letzten, mit einem Grammy ausgezeichneten Album Cassadaga endgültig abgeschlossen.

The People’s Key versucht nun einerseits, das Erreichte nicht zu verleugnen, andererseits aber auch Auswege aus der Sackgasse zu finden. Stücken, die das Erfolgsrezept wiederholen, folgen andere mit ganz neuen Klangideen. Immer wieder surft der lässige Gesang von Oberst, wie man es kennt, durch eine aus Western-Gitarren und Bar-Piano, entspannten Elektro-Beats und geisterhaften Halleffekten gebaute Stimmung zwischen Lagerfeuer und Saloon.

Dann aber toben durch Shell Games so unverschämt breite Keyboard-Flächen, als würden Arcade Fire die guten alten Foreigner wieder zu Leben erwecken wollen. Triple Spiral wiederum erinnert mit seinen scharfkantigen Gitarren und schluffig eingestreuten Breaks an die großen Tage des amerikanischen Indierock, vor allem an Pavement. So disparat das mitunter wirkt, so großartig klingt es auch. Sollte es denn tatsächlich vorbei sein: Schade, dass es vorbei ist.

„The People’s Key“ von Bright Eyes ist erschienen Saddle Creek/Polydor/Universal.

1 Kommentar

  1.   Govinda

    Sehr schöne Rezension, die richtig Lust aufs neue Album macht. Nach einer exzessiven Hörphase 2004/2005 waren Bright Eyes in meiner persönlichen Emo angehauchten Schublade gelandet. Zeit, sie da mal wieder rauszukramen!

 

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