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Rebellion im Club

 

Live ein Erlebnis: Mit ihrer neuen Band The Chaenge wecken der Berliner DJ Mijk van Dijk und der Labelmacher Florian Schirmacher die kollektive Freude am Tanzen.

© FormResonance

Als sich auf den Baumwollplantagen der Südstaaten zum ersten Mal die Stimme zum Blues erhob, ging es um Selbstermächtigung. Als die Stimme später elektrifiziert durch Lautsprecher drang, sprach sie bald von der Revolution: Die Subkultur wandte sich gegen den Status Quo.

Was bedeutet es nun, wenn das neue Bandprojekt des Produzenten Mijk van Dijk und des Sängers und Labelbetreibers Florian Schirmacher The Chaenge, der Wandel, heißt, und das gerade erschienene Album Rebellion?

Schirmacher, der sich neuerdings The Voice nennt, singt über van Dijks minimale Tracks mit einer Energie, die an Prince erinnert. Zwar fehlen ihm dessen Technik, Volumen, Umfang, aber doch: Seine Stimme schwingt sich aus den Tiefen des Blues und Soul in jene Gipfelregionen des Pop, wo die Luft schnell dünn wird.

Der Track Colour Clash kann exemplarisch für das ganze Album stehen. In ihm verbinden sich modulierte Synthie-Akkorde mit Drum Machines, er bewegt sich elegant auf der Schnittstelle zwischen analog und digital, Band und Laptop. Wenn der Rechner den musikalischen Rahmen vorgibt, greift van Dijk zum Bass, Schirmacher zum Keyboard. Im Konzert spielt Catharina Behr ein unterstützendes Schlagzeug.

Rebellion ist für den Club-Kontext eingekochter Stadion-Funk im Sinne von Prince oder Michael Jackson. Erstaunlich, dass sich Opulenz und Selbstbeschränkung zum Tanzen treffen.

Wer aber rebelliert hier gegen wen oder was? Florian Schirmachers Texte zielen zunächst einmal auf die Affirmation im Zustand der Erregung. In Colour Clash heißt es: „Come together / Make love with your friends / Be a part„. In Out of Paradise, also kurz nachdem die Erkenntnis eingeschlagen hat, fragt er so naiv wie charmant: „Is this the famous paradise? / Is this the famous love in our eyes?„.

Das ist nicht gerade die hohe Schule des Diskurs-Pop. Doch schwadronieren sollen halt die anderen. Ganz uneitel und begeistert stellen Van Dijk und Schirmacher ihre musikalischen Referenzen aus, von Motown über Disco bis zu Chicago-House. Sie schieben den individuellen Clubbing-Hedonismus beiseite und rücken die Freude am (kollektiven) Tanzen ins Zentrum ihrer Performances.

Rebellion ist auf dem Label FormResonance erschienen, das Florian Schirmacher und Freunde inmitten der Krise der Musikindustrie gegründet haben. Sich unabhängig zu machen und der Mittel der (Re-)Produktion zu bemächtigen gehört nicht nur zum Kern der Subkultur. Es ist der Beginn einer jeden Revolte.

Hier also nicht das zugedröhnte Bewusstsein das Sein. Vielmehr standen am Beginn von The Chaenge zwei Entscheidungen: Herr im eigenen Hause zu sein und live zu spielen. Aber Marx beiseite – Rebellion ist vor allem ein gutes, herrlich unpolitisches Tanzmusikalbum. Und wenn man eines sicher über die Revolution weiß, dann, dass sie nicht im Fernsehen übertragen werden wird, sondern live stattfindet.

„Rebellion“ von The Chaenge ist erschienen bei FormResonance.

3 Kommentare

  1.   Lars

    Dem Sänger fehlen nicht nur „Technik, Volumen und Umfang“ der Stimme von Prince. Sie hat weder Seele noch eine in irgendeiner Weise gerne auch aufgesetzte Authentizität oder Coolness. Selbst für „eingekochten Stadion-Funk“ klingt das ganze zu belanglos!

  2.   Simon Gärtner

    Es gehört schon sehr viel Mut dazu in dieser Zeit das zu machen worauf man Lust hat. Gegen den Strom zu schwimmen, besser gesagt, gegen den Strom zu singen.

    Florian beweist das! Und der Vergleich mit Prince oder Michael Jackson ist nahezu lächerlich, waren diese zum größten Teil, zumindest in meinen Augen, Marionetten der Plattenindustrie, die perfekt funktionierten, aber bestimmt nicht ein Label und Album, sowie wie Florian Schirmacher, aus dem Boden gestampft haben.

    Cheers,
    Vivaa

 

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