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Und dann war Moskau nicht mehr so kalt

 

Erinnerung an Monsieur 100.000 Volt: Vor zehn Jahren starb der große Gilbert Bécaud. Ein neuer Sampler versammelt seine schönsten Chansons.

© Reg Lancaster/Express/Getty Images

Moskau war kalt aber schön, ich glaube, ich sah nur sie,
Auf dem Roten Platz blieb sie stehen, Nathalie.
Sprach in gelerntem Ton von der Oktoberrevolution,
Ich hörte: Komm her! Sah nebenbei mir Lenin an,
Und dachte vielleicht geh ich dann mit ihr ins Café Puschkin.

La place Rouge était blanche, La neige faisait un tapis
Et je suivais par ce froid dimanche, Nathalie…
Elle parlait en phrases sobres de la révolution d’octobre
Je pensais déjà qu’après le tombeau de Lénine
On irait au café Pouchkine boire un chocolat…

Nathalie, das Lied über die schöne sowjetische Fremdenführerin, war in Deutschland Gilbert Bécauds größter Hit. Man schrieb das Jahr 1965, die Nuklearmächte tauten den Kalten Krieg mit einem Atomteststopvertrag ein wenig auf, aber es war Bécauds Nathalie, die dem Kommunismus sein menschliches Antlitz gab. „Und dann war Moskau nicht mehr so kalt“, sang Bécaud.

Im französischen Original klang das alles noch lakonischer als in der deutschen Fassung, aber dafür fehlte der gallische Akzent. In Deutschland hatte der Mann mit den blauen Anzügen und der gepunkteten Krawatte seine zweitgrößte Fangemeinde nach der französischen Heimat: auch das ein Beitrag zur Entspannungspolitik, hier zwischen den ewig verfeindeten Nachbarn, die noch 20 Jahre zuvor Krieg gegeneinander geführt hatten.

Bécaud hieß eigentlich Francois Silly und lernte schon als Junge Klavier spielen. In der Nachkriegszeit, mit Anfang 20, tingelte er durch die Nachtlokale der Rive Droite in Paris. Er schrieb Chansons für Edith Piaf, Marlene Dietrich (Marie-Marie), und Elvis Presley (Let It Be Me). Sein Le Jour Où La Pluie Viendra wurde in Großbritannien als The Day The Rains Came von Jane Morgan ein Erfolg und in Deutschland als Am Tag, als der Regen kam von Dalida. Sein Et maintenant sangen als What Now My Love Frank Sinatra und Shirley Bassey, Sonny & Cher und Agnetha Fältskog.

1953 gelang dem unverschämt hübschen Kerl mit der Fönwelle wie seinem großen Vorbild Jacques Brel im Pariser Olympia auch als Interpret der Durchbruch. Täglich drei Schachteln Zigaretten und etliche Whiskys auf der Bühne rauten Stimme und Charme angenehm auf. Bis zu 250 Konzerte gab der temperamentvolle Sänger jährlich. Seine Energie brachte ihm den Spitznamen Monsieur 100.000 Volt ein.

Bécaud ließ sich zu seinen mal schlagerhaften-eingängigen, mal seltsam zerklüfteten und oft jazzinspirierten Melodien von den besten Textdichtern Frankreichs die Verse verfassen. Sie handelten von Liebe, den Märkten in der Provence und von der Bedeutung von Rosen, aber eben auch von Nathalie, von der Einsamkeit, die es nicht gibt, oder vom großen Nichts.

Rund 400 Lieder komponierte Bécaud. Seine letzten Konzerte gab der Chansonnier im Sommer 2001 in Lille und Freiburg, bevor er am 18. Dezember 2001 auf seinem Hausboot Aran auf der Seine an Lungenkrebs starb. Er wurde auf dem Friedhof Père Lachaise beerdigt. Frankreichs Präsident Jacques Chirac ehrte ihn mit einer Zeile aus seinem eigenen Lied Quand il est mort, le poète: „Wenn der Poet tot ist, dann nistet sich Schweigen und Traurigkeit ein.“

Zum zehnten Todestag vereint das Doppelalbum Unsterblich. Seine größten Chansons auf einer CD 21 französische Klassiker wie Et maintenant, L’orange, Le jour où la pluie viendra und L’important c’est la rose. Auf der anderen sind 19 deutschsprachige Lieder von Was wird aus mir bis Ich gehör dir. Auf beiden finden sich Chansons, die wiederzuentdecken sich lohnt – wegen der Musik, wegen der Texte, wegen der Stimme und wegen der Arrangements von streicher- und flötensüßem Schlager bis blubberbassigem Big-Band-Swing.

„Unsterblich. Seine größten Chansons“ von Gilbert Bécaud ist erschienen bei EMI.
Ein Buchtipp zum Jahrestag: Kitty Bécaud, „Gilbert Bécaud: la première idole“, Editions Didier Carpentier.

2 Kommentare


  1. Diser neue Sampler ist großartig und Bécaud meiner Meinung nach oft in Deutschland sehr unterschätzt.

    Er war musikalisch und im Leben ein großer Europäer und sollte auch in Deuschland wesentlich mehr Anerkennung genießen.

  2.   Rienzi

    Das war eine glänzende Epoche des französischen Chancons, die Zeit zwischen 1960 und 1970 und davor, kein Vergleich zu heute. Wer erinnert sich noch an die „Troubadours“ oder an Georges Moustaki? Tempi passati.
    Es ist gut, hin und wieder an dieses schöne Genre zu erinnern.

 

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