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Ein Wehr aus Gitarren

 

Zaubertrio aus Berlin: This Love Is Deadly schaffen einen so dichten, umwerfenden Verstärkersound, dass Fans von Dinosaur Jr. oder Sonic Youth beglückt dahinsinken.

© Noisolution

Manchmal, im Idealfall wohl, steht Musik einfach so da. Raumnehmend wie ein Elefant. Unverrückbar wie der sagenhafte Fels in der Brandung. Manchmal, wenn es gut läuft, ist tatsächlich nur die Musik da. Oder sie ist einfach so laut, dass sie ganz selbstverständlich alle Nebengeräusche übertönt, die sonst so wichtig erscheinen.

This Love Is Deadly ist so ein Fall. Eine Rockband aus Berlin, über die sich allerhand erzählen ließe. Man könnte die ehemaligen Bands der Mitglieder aufzählen, berichten, dass der Sänger und Gitarrist Louis mal mit The Amber Light eine nur halbwegs erfolgreiche Erstkarriere hingelegt hat, dass der Schlagzeuger H.D. Mit EL*KE immerhin einen Plattenvertrag bei einem großen Unterhaltungskonzern ergattert hatte, und dass die Sängerin und Bassistin Lisa nebenbei noch ganz andere, vergleichsweise zurückhaltende Musik produziert.

Red Drop von This Love Is Deadly

Man könnte darauf hinweisen, dass alle drei großen Wert darauf legen, nur mit ihren Vornamen aufzutauchen und auch ihr Alter lieber verschweigen würden, weil sie nicht ganz zu Unrecht vermuten, solche Geheimniskrämerei würde die Musik mit einem zusätzlichen Flair ausstatten. Man könnte aber, obwohl niemand der Beteiligten auf einer Mailbox Drohanrufe hinterlassen hat, ausquatschen, was die voll investigativen Recherchen ergeben haben, und wenn nur wegen der schönen Alliteration, nämlich dass Louis und Lisa ein Liebespaar sind.

Wie gesagt: Könnte man. Muss man aber nicht. Schadet andererseits auch nichts. Denn, wir erwähnten es bereits, diese Musik ist viel zu mächtig, um sich auf Nebenkriegsschauplätzen zu verirren. Dazu walzen die breitbeinigen Stromgitarren zu selbstbewusst daher. Früher hätte man gesagt: Gitarrenwände. Heute sollte man in diesem Fall noch mal sagen dürfen: Eine Mauer, ein Wehr, ein Damm aus Gitarren, wie man es lange, sehr lange nicht mehr gehört hat.

Damals hießen die Bands Sonic Youth oder Dinosaur Jr.. This Love Is Deadly sagen selbst: My Bloody Valentine. „Es wiederholt sich doch eh alles“, erklärt der Trommler H.D., „und unsere Musik ist eine Neuauflage eines alten Sounds, der momentan nicht mehr so präsent ist.“

Und wie präsent der ist, wenn ihn This Love Is Deadly auf ihrem Debütalbum spielen. Doch der Trick, den das Trio dieser Tage ziemlich einzigartig vollführt, der Trick, den die Drei so gut beherrschen wie vor ihnen wohl nur Dinosaur Jr. um das Gitarrengenie J. Mascis, dieser Trick besteht darin, diesen Gesamtsound aus bis zum Anschlag E-Gitarren, Effektpedalen und infernalischer Lautstärke so luftig erscheinen zu lassen. Wie das geht? Keine Ahnung. Sonst könnte es ja jeder.

Unter den Texten, die, wie Lisa erzählt, von „Liebe, Tod, Hingabe, der bedingungslosen Selbstaufgabe an den Moment und den lieblichen Tod des Egos, Auflösung und Verschmelzung“ handeln, liegen schwere Riffs, durch die Störgeräusche zischeln, während der Bass sorgsam die Lücken füllt und das Schlagzeug donnernd den Takt schlägt – und trotzdem klingen This Love Is Deadly leicht, ja fast transparent. Oder, wie es Louis ausdrückt: „Unsere Musik wagt und schmeichelt zugleich, ohne sich anzubiedern.“

Es hilft sicherlich, dass der Gesang, mal von Lisa, mal von Louis, mal im Duett, dass dieser Gesang nicht vor berückenden Melodien zurückschreckt. Aber man muss das erstmal hinkriegen, diese diffizile Balance zwischen Brutalität und Zerbrechlichkeit, zwischen Wut und Melancholie, Hass und Harmonie. Man könnte diese Musik, wäre man böse, Kuschelhardrock nennen. Sie ist aber zu gut, zu wundervoll, zu groß, um ihr böse sein zu können. This Love Is Deadly sind ein ungeheurer Glücksfall.


„This Love Is Deadly“ ist erschienen bei Noisolution/Indigo.

16 Kommentare

  1.   xpeten

    Diesen Sound abzuhandeln war auch nur mit Poesie möglich. Daumen hoch.

  2.   cf

    Als Sonic Youth Fan sinke ich nicht unbedingt dahin, schon garnicht beglückt. Mir fällt da auch eher Cure & JoyDivision ein. Trotzdem klasse…

  3.   ikonist

    apokalypselitaneisound

  4.   wilwin

    Schöne Musik, aber Gitarrenwände kann ich da beim besten Willen nicht entdecken.


  5. Sehr nett.
    Danke für die Vorstellung.

  6.   zozarb

    Jetzt mal ehrlich – das ist doch geschrammel!Der Beitrag ist allerdings gut! oder gut gemeint?

  7.   spacko

    Cure? Joy Division?

    My Bloody Valentine sicher, Swervedriver vielleicht, und ein bisschen (frühe!) Dinosaur steckt sicher auch in „Misery“.
    Mit Sonic Youth teilen die sicher nur die Ära, in der dieser Art Sound populär war. Aber dafür gab’s ja schon 18th Dye.
    Ick find’s jedenfalls knorke.
    Auch wenn es mir zu denken gibt mittlerweile so ein alter Sack zu sein, dass meine Jugendhelden zu Revival-Vorbildern werden und ich darüber in der ZEIT lesen muss. Aber egal, wenn das denn so klingt, dann bitte mehr davon…

  8.   brux

    Berlin, eben. Da geht was ab, waehrend in Stuttgart beim doppelten BSP pro Kopf der Juchtenkaefer das Sagen hat.


  9. Ich höre lieber die Originale aus vergangenen Zeiten.
    Die Spätgeborenen können nichts dafür.
    Aber sie sind nun einmal biedere Wohlstandskinder und ihre Musik spaziert über Netz und doppelten Boden. Keine Drogen oder sonstige Abgründe, sondern Bionade-Biedermeier in Berlin Mitte.


  10. Abspielen geht auf meinem Mac nur mit Firefox, nicht aber mit Safari.

 

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