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Girlie hat die Schnauze voll

 

Englands Wundermädchen Kate Nash will nicht mehr Pop sein, deshalb bemüht sie sich auf ihrem dritten Album um Rauheit. Als wäre Punkrock nicht schon längst bei H&M im Angebot.

© Christopher Dadey
© Christopher Dadey

Am vergangenen Wochenende ist die kleine Tochter ausgezogen. An den kahlen Wänden ihres alten Zimmers trocknen nun die plattgedrückten Klebgummis, mit denen sie die Fotos ihrer engsten Freunde und liebsten Popstars angebracht hatte. Früher war die kleine Tochter einmal ein großer Kate-Nash-Fan. Nun ist sie selber groß. Und Kate Nash hat ein Problem.

Dass dieses Problem ziemlich schwer wiegt, das ist deutlich zu hören auf Girl Talk. Das dritte Album der Londonerin bringt Songs, auf denen sie zuerst kiekst, als hätte sie beim Pub-Besuch mit den Freundinnen gerade einen heißen Typen erspäht. Und im nächsten Moment kippt ihre Stimme und sie krächzt wie ein mit Gin abgefüllter Obdachloser. Es klingt nach Wachstumsschmerzen.

Kein Wunder: Erwachsenwerden ist schwer für Wunderkinder. Mit ihrem Debütalbum Made Of Bricks sprach Nash 2007 Millionen von Teenagermädchen aus dem Herzen. Sie sang von Boyfriends und Bulimie, sprachlosen Beziehungen und komasaufenden Idioten – und traf damit so exakt ein Bedürfnis, dass ihre nahezu ausschließlich minderjährigen Anhängerinnen gleich zu Dutzenden eine Funktion des Computerspiels Die Sims bemühten, um eigene Videoclips zu den Songs zu drehen und bei YouTube zu präsentieren (leider in Deutschland gesperrt).

Doch drei Jahre später misslang die Fortsetzung des Blockbusters: Das lag zum einen an den schwächeren Songs ihres zweiten Albums My Best Friend Is You, vor allem aber wohl daran, dass die Teenagermädchen nun keine Teenager mehr waren. Es ist auf jeden Fall der Grund, warum Kate Nash nun, weitere drei Jahre später, im immer noch zarten Alter von 25, bereits an einem Comeback arbeiten musste.

Das soll gelingen mit einer radikalen Neuausrichtung, die sie bereits im vergangenen Sommer mit einem überraschend düsteren, online veröffentlichten Stück ankündigte. Under-Estimate The Girl war so mies gelaunt, dass ein britisches Boulevard-Magazin seine Leser besorgt fragte: „Who wants the old Kate Nash back?

Tatsächlich erinnert die neue Kate Nash, nicht nur wegen einer völlig anderen Frisur, kaum noch an das 18-jährige Mädchen mit dem großen Hit. Zwar besingt sie weiterhin das, was junge Mädchen umzutreiben pflegt, also vor allem die Wirrnisse von Freundschaft und Liebe. Nur geht es nun nicht mehr um den ersten Kuss, sondern den letzten.

Dazu passend bemüht sie statt gepflegter britischer Ironie nun lieber einen zornigen Ausdruck, der sich immer wieder in ungelenken Schreien Bahn bricht. Auch der charmante südostenglische Akzent ist verschwunden, ebenso wie die freundliche Akustik-Gitarre und die dezent pluckernden Computerbeats, die ihr Debüt nicht nur auf die damalige Höhe der Zeit beförderten, sondern sogar leidlich tanzbar machten.

Heute nun sägen E-Gitarren so ungelenk, als wäre Punkrock nicht schon längst bei H&M im Angebot, und das Schlagzeug prügelt monoton. Nein, da kommt niemand auf die Idee, tanzen zu wollen. Statt modischem Indierock gibt es Songs wie Rap For Rejection, das in seiner sperrigen Widerständigkeit an die Deklamationen von The Fall erinnert, demonstrativen Dilettantismus und Ausflüge ins Atonale. Das ruppige Death Proof ist vom gleichnamigem Film inspiriert. Für dessen Regisseur Quentin Tarantino würde Nash, wie sie in einem Interview verkündete, zu gern mal einen badass spielen.

Nicht nur aus dem neuen Album spricht also vor allem das Bemühen, nicht mehr Pop sein zu müssen. Nash hat die Schnauze voll von der süßen Kate, die den großen Jungs keck die Meinung sagen darf, nur um dann zu Hause einsam ins Kissen zu weinen, weil er wieder nicht zurückruft. Was sie stattdessen sein will, das allerdings bleibt offen. Girl Talk klingt nach Übergang, wie die Suche nach einer neuen Identität: also recht spannend, aber halt auch noch nicht schlüssig.

Auch die kleine Tochter hat versprochen, ab und an mal vorbeizuschauen. Aber zurückkommen, das wird sie sicherlich nicht.

„Girl Talk“ von Kate Nash ist erschienen bei Fontana/Universal.

12 Kommentare


  1. Das erste Lied von Kate Nash, das bei mir den Weg in eine Playlist fand, war Death proof.

    Ich finde die Entwicklung zum Punk ganz hoffnungsvoll. Von glattem Pop und auch von glattem Punk hat die Welt schon genug gesehen. Beides gibt’s als Stangenware bei H&M. Pop schon deutlich länger.

    Ich will mehr Musik, die sich mit dem Imperfekten beschäftigt, mit den Grenzen und den Randgebieten. Kaputte Instrumente, raue Stimmen, Off-Studio-Aufnahmen usw. Alles interessanter und erträglicher als der endlose Strom perfekter Musik aus den Bonbon-Studio-Automaten der hyper-professionellen Musikindustrie.

    Gerne darf das Unfertige auch gespielt sein. So lange es nicht als Preset im Yamaha-Keyboard abrufbar ist, bin ich guter Hoffnung, dass meine musikalischen Geschmacksnerven nicht den insulinen Zuckerschock-Tod sterben müssen.

  2.   Derdriu

    Hmm, ich dachte brüllen, wüten, schimpfen und Punk wäre auch so ein Teenagerding. Mit 25 war ich dem schon entwachsen, auch wenn ich noch gerne zu Punkkonzerten gehe. Aber rotzig sein, muss ich wirklich nicht mehr…

  3.   nemo ignorat

    ok, also nun hat sie aufgehört mit My Little Pony zu spielen. Ist doch in Ordnung. Lasst sie doch ein bisschen dreckig sein. Immerhin verändert sie sich und macht nicht die nächsten 100 Jahre immer dasselbe. Der Sound ist sauber und wer sagt, dass Punk tot ist ;o)

  4.   KerstinW

    Zählt das hier als Werbung oder als Artikel? Klingt wie ne 1:1 Kopie einer Pressemitteilung…

    Schade.

  5.   erboster_hartmut

    Nun gut.
    Warum habe ich das eigentlich gelesen.


  6. Also ich war im September auf dem Konzert von Kate Nash in Köln – das war überraschend rockig, aber vielseitig und durchaus nicht so übel, wie dieser Artikel vermuten ließe. Wer genaueres wissen mag, keine meine Rezension auf meinem Blog lesen…

  7.   Matthias

    Also ehrlich gesagt, ich find´s ziemlich cool. Mag aber auch daran liegen, das ich der riot grrrl mukke schon immer was abgewinnen konnte. Und genau das passiert hier meiner Ansicht nach auch: Rosa goes riot.
    Erwachsen werden triffts. Selbstständig werden ebenso. Unangepasst.


  8. Eine kleine „homestory“ als Ersatz für ein Auseinandersetzen damit, warum die Künstlerin das macht…

    Als Fazit bleibt von dieser „Musik“-Kritik vor allem übrig, dass der arme Vater sich wünscht, dass seine Tochter doch bitte lieber nicht so weit vom „Kapital-vermehrt-sich-selbst-Mainstream“ abweichen möge, wie dies das Vorbild für den größten und einzigen Stefan-Raab-Erfolg jetzt getan hat…

    Anders ausgedrückt: Die neue Kate Nash ist großartig!

  9.   V.

    wow…frechheit

  10.   Ira

    das kling toll. bin gespannt.

    (…Gekürzt von der Redaktion. Bitte keine Werbung in den Leserkommentaren.)

 

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