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Klavierpop für die Generation Instagram

 

Erst ein BRIT-Award, jetzt ein maues Debütalbum: Das offenkundige Talent des 22-jährigen Tom Odell steht noch auf wackeligen Beinen. Da hört man besser die frühen Songs von Coldplay.

© Andrew Whitton/Sony Music
© Andrew Whitton/Sony Music

Ein armer, irregeleiteter Möchtegern, dessen Musik man leider nicht ungehört machen kann. So lautete kürzlich das Urteil der englischen Popzeitschrift NME über Tom Odell. Das seltene Urteil: null von zehn Punkten. Noch mehr Aufsehen erregte der Vater des Geschmähten, der empört bei der Redaktion anrief, um sich über die Rezension zu beschweren. Nur wenige Monate zuvor hatte Odell immerhin den Kritikerpreis der BRIT Awards gewonnen.

Wer ist dieser Mann, an dem sich die Geister scheiden? Der Sänger und Pianist mit Kurt Cobains Frisur ist 22 Jahre alt und wuchs an der englischen Südküste auf. Jahrelang hat er Pubs und Bahnhofshallen mit seinem folkigen Indiepop beschallt, bis ihn Lily Allen entdeckt. Viele feiern ihn als zweiten Chris Martin, demnächst spielt er im Vorprogramm der Rolling Stones. Besonders die Belgier und Niederländer sind verrückt nach ihm.

Weshalb, erschließt sich nicht wirklich. Man mag den Verriss des NME für verstiegen halten, doch auch die Lobeshymnen erscheinen fehlgeleitet. Ein junger Mann, hörbar beeinflusst von Elton John und Billy Joel, der Klavier spielen kann und leidlich über die Liebe singt: nicht mehr und nicht weniger. Über weite Strecken erinnert sein Debüt an die frühen Songs von Coldplay, bloß ohne deren Qualität und Tiefe.

Stücke wie Another Love beginnen vielversprechend, arten dann aber aus in belanglosen Pianorock mit Backgroundchor und Gitarren. Talent ist vorhanden, aber es steht auf wackeligen Beinen. Für einen Singer-Songwriter ist seine Stimme nur passabel, sie vermag höchstens im brüchigen Falsett zu berühren. Positiv fällt auf, dass das Album nicht glatt produziert ist, sondern sympathisch roh und unperfekt wirkt. Da darf sogar mal ein schiefer Ton stehen bleiben.

Viele Songs wirken gefühlig und aufgesetzt, so als beobachte Odell sich stets beim Singen im Spiegel und kalibriere den gebotenen Grad an Emotionalität. Die Hauptquelle seiner Inspiration sei seine Unfähigkeit, länger als ein halbes Jahr mit einer Frau zusammen sein zu können, sagt Odell. „She got a new boyfriend / A little too soon if you’re asking me„, singt er einmal. Klingt mehr nach Chatschwärmerei als nach echtem Herzschmerz.

Neben dem wirklich schönen Sense und dem dynamischen Titelstück zählt das lässig-schleppende Supposed To Be mit Surfgitarre im Hintergrund zu den Glanzlichtern. Doch auch hier gibt es einen Haken, ähnelt Letzteres doch fast unverschämt Bob Dylans Lay Lady Lay. Und die gefühlt Hundertste Coverversion von Randy Newmans I Think It’s Going to Rain Today ist schlichtweg überflüssig.

Jede Generation von Popmusikern lässt sich von ihren Vorgängern inspirieren und hält doch gerade ihre Ausdrucksform für besonders neu und einzigartig. Seinem Alter gemäß sinniert Odell über die Liebe, fühlt sich unsicher und unverstanden. Ein junger Mann, der während der Finanzkrise volljährig wurde. Daraus hätte große Kunst entstehen können. Doch bei ihm wirkt es oft oberflächlich, schablonenartig, nach Copy-and-paste: Klavierpop für die Generation Instagram. Nicht unbedingt null Punkte, aber auch kaum Likes.

„Long Way Down“ von Tom Odell ist erschienen bei Sony Music.

11 Kommentare

  1.   Nyuto

    Die Verkaufszahlen und Hörerbewertungen werden jedem Verriß den Boden entziehen.

  2.   Panic

    Aber das kennen wir doch schon seit Jahren. Menschen mit mittelmäßiger Stimme, mit mittelmäßiger Instrumentenbeherrschung, die ganz gut aussehen haben Erfolg. Warum ist das so? Na, weil es der Mainstream so hören möchte. Der Song taucht dann in einem Telekom-Spot?, Vodafone-Spot? auf, so wie es sich gehört. Diese Art von Musik hat keine, wie Hr. Grinsted schon richtig sagte, Tiefe. Da fehlt eben immer diese eine „Haut“, die man durchdringen kann, um tiefer einzusteigen. Ich vergleiche diese Tracks und ihre Interpreten immer mit Orgelpfeifen: Haben zwar unterschiedliche Größen, aber die Hebel fehlen, um Klangfarbe und Tonhöhen zu verändern. Klingt eben alles gleich.

    Salut

  3.   Frederik H.

    Reden wir über den gleichen Tom Odell?

    Es ist nicht das erste Mal, dass man den hetzerischen „Pressetext“ eines Singer-Songwriters über einen erfolgreichen Kollegen liest, doch an dieser Stelle muss wirklich eine Lanze für den jungen Odell gebrochen werden:

    Ein derart ohrwurmträchtiges Debüt-Album im Alter von 22 Jahren spricht für sich. „Long Way Down“ gibt einen Vorgeschmack davon, was man in Zukunft noch von dem jungen Künstler erwarten darf: Eine nahezu perfekte Mischung aus eigenem sowie wiedererkennbarem Stil ohne jedoch in Richtung Langeweile oder Monotonie zu entgleiten.

    Spätestens nach einem Live-Konzert weiß jeder Freund guter Musik, dass der Trubel um den Wunderknaben von der Insel keine heiße Luft ist. Inspirationen wie Billy Joel und Chris Martin sind in der Tat herauszuhören, doch braucht Tom den Vergleich mit seinen Vorbildern keineswegs zu scheuen, denn auch er bringt alles mit, was es für den Weg nach ganz oben braucht:
    Dort am Klavier sitzt ein sympathischer junger Mann, der vor allem anderen Folgendes zu bieten hat: Authentizität und Songwriter-Talent – und wer ihm das abzusprechen versucht, begeht einen großen Fehler.

    Daher der Aufruf an alle neugierig gewordenen, sich das Album so bald wie möglich selbst anzuhören, um sich ein eigenes Bild machen zu können!
    Zur Frage nach der Authentizität ist außerdem auf den Album-Kommentar zu verweisen – unter Anderem auf Spotify.

  4.   Anni

    Es ist anscheinend einfach „in“, Tom Odell blöd zu finden, anders kann ich mir diese ganze Häme nicht erklären. Er hat mit seiner Musik nicht das Rad neu erfunden, aber seine Songs sind alles andere als schlecht. Außerdem schreibt und produziert er alle seine Songs allein, im Gegensatz zu dem ach so tollen Jake Bugg, der mit Co-Writern schreibt und die Unterstützung von Star-Produzenten hat. Dieses NME-Magazin verreißt doch eh jeden, der nicht „indie“ genug ist. Die finden nur arrogante, drogenabhängige Asis toll. Es ist einfach unfair, dass Tom Odell überall nur fertig gemacht wird. Man muss ihn ja nicht toll finden, aber man sollte Respekt davor haben, dass er mit nur 22 Jahren seine Songs komplett allein gemacht hat und im Gegensatz zu Justin Bieber und Co. keinen Autotune-Plastikschrott produziert. Naja, es ist laut aktuellsten Berichten so gut wie sicher, dass Odells Album in Großbritannien auf Platz eins einsteigen wird. Es kann ihm also sch… egal sein, was irgendwelche Musik-„Experten“ über ihn denken.

  5.   Emma Herkes

    Hat der Kritiker überhaupt Ahnung von Musik? Beherrscht er die englische Sprache? Hören Sie sich bitte die Texte von Titel wie „Grow Old With Me“ an und sagen Sie mir dann, dass dieser Sänger keine Tiefe hat und nicht weiss, was wahre Liebe ist? Ich bin selber in der Musikbranche seit 26 Jahre in der Musikindustrie tätig und habe selten so offensichtlich starkes neues Talent gehört. Ich war hin und weg, als ich ihn zuerst hörte. Ich behaupte, dass Tom Odell eine Karriere wie Elton John noch vor sich hat und ich denke, dass jede, die neulich ihn in Köln live gesehen hat, wird genau das Gleiche sagen.

    (es tut mir leid, wenn mein Deutsch nicht perfekt ist, aber als Schottin darf ich mir mal ein paar Fehler erlauben!)

  6.   Ulrich Beckmann

    @Frederik H.
    … Ihrer Kritik kann ich nur zustimmen! Ich finde es ohnehin sehr sonderbar, wenn Kritiker bei Newcomern immer verzweifelt in der Plattenkiste suchen „der klingt wie Elton John oder Billy Joel, Chris Martin, Coldplay …“. – Also ein Sammelsurium der Pop-Enzyklopädie. Aber hier wird noch Eines draufgesetzt: „Frisur wie Kurt Cobain“ heisst es da in der Kritik des Schreiberlings Daniel Grinsteds. Nur einen wesentliches Teil der Menschwerdung scheint er dabei völlig vergessen zu haben: Jeder Mensch auf diesem Planeten ist einzigartig und so wird es auch wohl bleiben …

  7.   Angela Huber

    Alle, die hier so einen Blödsinn über Tom und seine Musik schreiben, sind sicherlich nur neidisch auf seinen Erfolg. Es gibt Musiker, die sich nicht eingestehen können, daß es für sie keine erfolgreiche Zukunft als Musiker mehr gibt. Tom’s Musikkarriere hat erst begonnen und ich wünsche ihm, daß er noch viele Menschen mit seiner Musik begeistern wird.

  8.   Imke R.

    Wie Tom in diesem Blog zerrissen wird, tut mir ein bisschen in der Seele weh. Er ist mein Lieblingsmusiker, und ich höre seine Musik 1-3 mal am Tag. Wer behauptet, seine Songs hätten keine Tiefe, der geht wahrscheinlich davon aus, Tiefe ensteht nur im absoluten Drogenrausch, so wie es bei vielen großen Bands der Vergangenheit der Fall war. Seine Songs lassen mich ernsthaft weinen, und ehrlich gesagt kann ich auch kaum einen Zusammenhang zwischen Dylans „Lay Lady Lay“ und „Supposed to be“ herstellen. Von einer „mittelmäßigen Stimme“ würde ich ebenfalls nicht reden, sein Gesang klingt sehr besonders und emotionsstark, und seine Interpretation von „I think it’s going to rain today“ ist wunderschön. Das ist natürlich nur meine Meinung, wer eine negative hat, darf sie auch äußern; aber bitte nicht auf eine so verletzende Art.

  9.   Edgar Barowski

    Edgar meint:

    Was ist Pop? Eingängig, weil musikalisch nicht zu anspruchsvoll, massentauglich, die Faust aufs Zeitgeistohr. Ja, das tut manchmal weh, aber Pop gefällt. So war Pop, so ist Pop, in Person des Tom Odell, und so wird Pop auch in Zukunft sein. Elton John ist Pop, Bob Dylan ist Pop, die Beatles sind Pop. Warum findet man es plötzlich allgemein doof, wenn junge, aufstrebende Künstler billigen Elektroschrott mit ihrer leisen Romantik aus den Charts verdrängen wollen? In einem unabhängigen Musikmagazin, dass sich abseits jeden Massengeschmacks bewegt, mag ich solch eine Meinung noch akzeptieren, aber bitte nicht im NME, auf dessen Homepage uns Eminem begrüßt, und schon gar nicht in der ZEIT. Authentischer Pop, warum denn nicht? Was er live hinlegt, offenbart jedenfalls seinen ungebügelten Spaß an der Musik. Ich freue mich auf das, was wir noch von ihm hören werden!

    Anzuerkennen ist Herrn Grinsted, dass er aus seinem eigenen Copy-and-Paste-Dasein wenigstens keinen Hehl macht, und die Quelle für seine unkreative und meinungsbequeme Rezension gleich zu Beginn zitiert.

  10.   Claude B.

    Einspruch:
    Tom Odell….klingt einfach göttlich !!!
    „Keine Tiefe“ ? – da kann ich nur lachen…seit langem hat mich kein Künstler mehr so berührt wie Odell. Er vermittelt Gefühl und Power zugleich.
    Die Vergleiche mit Chris Martin und Billy Joel sind sehr treffend. Erinnern tut’s mich vom Klavierklang her zum Teil auch an Supertramp.
    Endlich besinnt sich ein Künstler wieder der Wurzeln der Musik, wohlverstanden der handgemachten Musik – sehr erfreulich im Kontrast zu all den gegenwärtigen „Casting-Helden“.
    Ich kann Herrn Grinsted’s harsche Kritik in keinster Weise nachvollziehen…aber schwamm drüber:
    „Gut ist eben, was gefällt“ – „Schlecht ist, was nicht gefällt“
    Herrn Grinsted hat’s offenbar nicht gefallen….sei’s drum.
    Viel Glück Tom Odell !
    Claude Braun aus Luxemburg

 

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