‹ Alle Einträge

Kandinsky im Klub

 

Der Herbst dräut, und hier ist die passende Musik zur Jahreszeit: Auf seinem dritten Album verdrahtet Trentemøller düstere Elektronika, mit Minimal und Rock.

© Alastair Philip Wiper
© Alastair Philip Wiper

Der Däne Anders Trentemøller ist der Wassily Kandinsky der Klubmusik. Wie abstrakte Gemälde komponiert er seine Stücke. Gezielt und behutsam trägt er die Farbschichten auf, setzt hier ein blaues Pünktchen, dort eine dicke rote Linie. Schraubt behänd an den Strukturen und Texturen, immer auf das innere Gleichgewicht des großen Ganzen bedacht.

Trentemøllers neues Album heißt Lost, es ist sein drittes. Und da karrt er einiges an: Schaufelweise düstere Elektronika, durchzogen von Minimal, fein abgestimmt mit Pop und Techno. Und nun auch so etwas wie Rock, bald Krautrock, Traumpop, schließlich wird es gar jazzig. So wie bei Kandinsky noch der unauffälligste Farbtupfer unentbehrlich ist, so fehlte Trentemøllers Stück The Dream ohne dieses unartikulierte Rauschen im Hintergrund der innere Zusammenhalt. Ohne den metallisch knarrenden Hall wäre Still On Fire ein öder Tanzflurfüller – und das trockene Schlagzeug und Marie Fiskers sinistre Stimme retten Candy Tongue davor, sich im Kitsch zu verfangen.

Dieses Prinzip der Ausgewogenheit charakterisiert schon Trentemøllers bisherige Werke, konsequent hält er es auch auf Lost durch. In seinen musikalischen Mitteln zeigt er sich dabei – wiederum – höchst wandelbar: Von seinem ersten Album The Last Resort über das Zweitwerk Into The Great White Yonder bis zu Lost ist er weite Wege gegangen, vom hinter dem Laptop dopsenden Solokünstler im Klub hin zum Bandleader, von reiner Elektronik hin zu immer deutlicher hevorragenden Liveinstrumenten. Trentemøller klingt im Jahr 2013 mehr denn je wie eine Band.

Die Leute wollten, dass er sich wiederhole, sagte er in einem Interview. Aber sich an Erwartungen zu orientieren, nein, das sei seine Sache nicht. Und so wurde Lost im Gegensatz zur letzten Platte offenbar vollständig als Bandalbum erdacht und erschaffen. Die Kompositionen sind stark, die Band nicht etwa Beiwerk, sondern Kern der Veranstaltung. In den meisten der zwölf Stücke sind Gastsängerinnen zu hören, Mimi Parker von der Folkband Low und Sune Rose Wagner von den Raveonettes sind die Namhafteren darunter. All diese Stimmen wirken nicht etwa als Garnitur, sondern bilden Kontrapunkte zu den oft kühlen Klanglandschaften.

Trentemøller ist nun nicht der erste Elektroniker, der der Erotik akustischer Instrumente erliegt. Depeche Mode etwa renovierten ihren Sound Anfang der neunziger Jahre und flankierten ihre Keyboards mit echten Gitarren und echten Trommeln, erst auf der Bühne und schließlich auch auf Platte. Nicht ganz zufällig also ging Trentemøller im Sommer mit eben jenen Depeche Mode auf Reisen. Noch etwas ungeübt verschanzte er sich hinter dicken Keyboardbänken und zwischen Gitarrist, Schlagzeuger und Sängerin und setzte immer mal wieder verschämt zur Rockergeste an.

Und so ist einerseits zu erwarten, dass sich mancher an diesen drolligen dänischen Möchtegernrocker aus dem Stadion erinnert und Lost eine ganze Menge Ohren erreichen wird. Gleichzeitig sollte man sich an Trentemøllers aktuelles Klanggewand natürlich nicht zu sehr gewöhnen. Denn wer weiß schon, wohin der nächste große Schritt führt.

„Lost“ von Trentemøller ist erschienen bei In My Room.

6 Kommentare

  1.   Peter

    Artikel ist zum fremdschämen.

  2.   Rabea Weihser

    @Peter: Wir freuen uns sehr über konstruktive Kritik. Mit dieser können wir leider nichts anfangen. Beste Grüße aus der Redaktion!

  3.   barfly

    sehr geehrte frau weiser,
    vielleicht meint kommentator „peter“ damit, das diese kritik als solche nicht gut ist.
    der autor nimmt eine aufdringlich onkelhafte haltung an:
    -„…ungeübt verschanzte er sich hinter dicken Keyboardbänken…“
    „…setzte immer mal wieder verschämt zur Rockergeste an…“
    „…diesen drolligen dänischen Möchtegernrocker…“.
    er vergleicht trentemöller mit kandinsky, was ein äusserst hinkender vergleich ist, da kandinsky nach musikeindrücken gemalt hat und nicht nach bildern musik gemacht hat.
    durch die beschreibung -„Schaufelweise düstere Elektronika, durchzogen von Minimal, fein abgestimmt mit Pop und Techno. …auch so etwas wie Rock, bald Krautrock, Traumpop, schließlich wird es gar jazzig.“ wird der eindruck von beliebigkeit erweckt.
    die aussage -„Dieses Prinzip der Ausgewogenheit charakterisiert schon Trentemøllers bisherige Werke, konsequent hält er es auch auf Lost durch.“ ist inhaltlich leer und phrasenhaft usw usf.
    kommt doch in euren musikredaktionen ein bisschen runter von dieser gönnerhaften draufsicht (das „fact magazine“ oder „the wire“ wären eine referenz).
    ach so, das album. trentemöller weiß nicht, wohin. und so klingt’s auch.
    beste grüße
    barfly

  4.   Jan Kühnemund

    @Peter & Barfly,

    wie schade, dass Ihnen weder meine Rezension noch Trentemöllers neue Platte gefallen. Onkelhaft, nun denn, das schlucke ich erstmal.

    Wer Trentemöller im Stadion gesehen hat, der mag meinen Eindruck vielleicht teilen. Er schien sich stellenweise sehr unwohl zu fühlen, deplaziert, und gab dann wieder den Rockstar, streckte die Faust in die Höhe und zappelte.

    Und der Kandinsky… Das Faszinierende an seinen Bildern ist meines Erachtens ihre Ausgeglichenheit, die Relevanz jedes winzigen Details. Höre ich „Lost“ und die beiden Platten zuvor, so habe ich den Eindruck, dass es hier ähnlich ist.

    Und ob das jetzt gönnerhaft und phrasenhaft formuliert ist, ist hoffentlich Geschmackssache.

    Herzlichen Gruß,
    Jan Kühnemund

  5.   wolf

    „von der Folkband Low“.

    da weiss man dann schon bescheid.
    es reicht halt nicht, sich auf den den waschzettel des labels zu verlassen…

    ansonsten bin ich ganz bei barfly.

    grüsse

  6.   pekkas sockenpuppe

    So, normalerweise mache ich zuerst die Musik an, höre in die Lieder rein und lese dann den Text.
    Hier bin ich aber gar nicht so weit gekommen, weil es nur kastrierte Teile aus den Songs gibt, oder fangen die ganzen Lieder mittendrin an, hören abrupt auf und sind alle 45 Sekunden lang?

    Mal ehrlich: Was soll der Scheiß?ß (JA! Ich meine es so und zwar wörtlich!)
    In einer Rezension erwarte ich schon das komplette Lied. Googlen kann ich selber: https://www.youtube.com/watch?v=HcJCYxyphLc und dann finde ich auch was. Aber wieso muss ich das? Was ist der Grund für diesen Mist mit halben Liedern in einer Rezension? Das ist jetzt nicht das erste Mal. Es nervt aber einfach nur und ich hab dann keine Lust mehr mich weiter mit der Musik zu beschäftigen.
    @Jan Kühnemund: Dies ist keine Kritik am Text, sondern an der Technik. Was spricht dagegen einfach ein Video zu verlinken? Bei anderen Künstlern scheint das ja auch zu klappen…

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren