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Heulen mit Hund und Wolf

 

Die New Model Army zieht nicht mehr selbst in den Kampf, aber sie singt der jungen Generation ins Gewissen. Manchmal knüppelt sogar die alte Wut aus den Lautsprechern.

© Jochen Melchior
© Jochen Melchior

Was haben wir gegrölt. „51st State of Americaaaaaaaa„, gemünzt auf Großbritannien unter Thatcher, aber verstanden als Bundesrepublik unter Kohl. Politische Partypunkfolklore, frustgerecht hinter imaginäre Barrikaden gehämmert. Historisch informierte Militanz schon im Bandnamen: Die New Model Army, das waren Oliver Cromwells antiroyalistische Kampftruppen im Englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts.

Die in den frühen Achtzigern gegründete Band aus dem britischen Bradford spielte den Soundtrack zu antiimperialistischen Friedensdemos und Tanzpartys in besetzten Häusern. Noch vor ein paar Jahren rotzte Today Is A Good Day den gerade gecrashten Börsianern die Ungerechtigkeit der Welt um die Ohren und legte sich mit Terrorschergen jeder Couleur an.

Aber die Musiker um den Sänger Justin Sullivan sind nicht mehr die Allerjüngsten, und in das Vorwärts-und-auf-sie-Kampfgeschrei mischten sich zuletzt immer mehr altersweise, selbstreflektive Töne. Jetzt haben sie auch noch eine Pechsträhne hinter sich, ihr Studio brannte 2011 aus, der Rest ihrer Instrumente wurde geklaut, der Manager Tommy Tee starb.

Das neue Album Between Dog And Wolf haben sie selbst produziert, am Mischpult saß Joe Barresi, der auch schon für Tool, Soundgarden oder Queens Of The Stone Age die akustischen Räume öffnete. Dumpfe Tom-Toms dominieren die Platte wie die Trommeln des Stammesschamanen, der seinen Helden am Abend vor der Schlacht Kampfesmut in die Knochen prügelt.

Der Titel, sagt Sullivan, verweise auf einen französischen Ausdruck, mit dem im Mittelalter die Abenddämmerung bezeichnet wurde. In der Seelenlage zwischen Hund und Wolf schweben viele der Songs, mit Titeln wie March in September, Storm Clouds oder Summer Moors. Wie Nebel überm Sumpf verhallen effektive E-Gitarren, ein breiter, dunkel gefärbter Klang stützt einen Gesang, der oft ins Gesprochene, oder besser: magisch Gechantete rutscht.

Dieses Fähnlein zieht nicht mehr selbst in den Kampf, aber es spricht der aktiven Generation ins Gewissen und beschwört mythische Stimmungen. Eine politische Platte sei das neue Album nicht, sagte Sullivan der Musikplattform laut.de, sonst hätten sie ja Today Is A Good Day noch einmal aufnehmen müssen. Als Ausnahme zählt er den „Ägyptensong“: Qasr El Nil Bridge, ein Lied über die Brücke, auf der die Protestierer der unvollendeten Rebellion von 2011 über den Nil zum Tahrir-Platz zogen. Er mischt arabeske Instrumentaltöne und Sprechchöre über die allgegenwärtigen Trommeln.

Sullivan, der piratenmähnige Punkpoet, lebt seit Jahrzehnten mit der Künstlerin und Dichterin Joolz Denby in Bradford, Yorkshire. Der Sohn einer Quäker-Familie mag gereift sein, unpolitisch ist er deswegen nicht geworden. „Die NSA-Sache“ zum Beispiel: „Oh, Schock und Horror, die US-Regierung liest meine E-Mails. Ich war da überhaupt nicht überrascht.“

Und manchmal, wie eine Erinnerung an die grölenden Zeiten, klöppelt plötzlich ein paar Takte lang die alte Wut aus dem Lautsprecher, mit Dreschdrum und Schweinegitarre. Cromwells Kämpfer mögen in Ehren ergraut sein, aber sie haben das Schlachtfeld nicht verlassen.

„Between Dog And Wolf“ von New Model Army ist erschienen bei Edel Records. Im Oktober ist die Band auf Deutschlandtour.

4 Kommentare


  1. Stars meiner Jungen Jahre.
    Großartige Musik, nette Leute, astreine Konzerte.


  2. NMA gehören zu den ganz Großen.


  3. > „Großbritannien unter Thatcher, aber verstanden als Bundesrepublik unter Kohl.“

    Schön, dass die ZEIT der Band einen Artikel widmet. Doch wehe, wehe, jemand wagt es, im Forum mal aus „51st State“ zu zitieren… Da ist heißt es dann ganz fix irgendwas mit „… Danke, die Redaktion.“ 🙂

  4.   wurstblinker

    Der Artikel ist so langweilig wie das neue NMA-Album. Schade …

 

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