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Wie ein Rätselheft des Soul

 

Seit 15 Jahren sind die R’n’B-Platten von Kelis zu eigenwillig für den großen Durchbruch. Auf ihrem neuen Album „Food“ ist die New Yorkerin erstmals zu langweilig dafür.

© PR/Ninja Tune
© PR/Ninja Tune

Ein großer Popstar ist immer auch ein kleines Rätsel. Kelis allerdings ist ein ganzes Rätselheft, und wahrscheinlich hat sie es deshalb nie zum ganz großen Popstar gebracht. Ihre wutentbrannte Debütsingle Caught Out There platzte 1999 in eine sturzbiedere R’n’B-Landschaft hinein, die Gefühlsausbrüche von Frauen nur als effekthascherisch inszenierte Hilferufe kannte. Kelis aber klang, als käme jede Hilfe zu spät. Sie war aufgekratzt und aufgewühlt, der Refrain von Caught Out There versprach echte Gefahr. Er lautete „I hate you so much right now“, die Sängerin schrie ihn heraus wie am Spieß.

In den 15 Jahren danach hat Kelis Rogers eine kommerziell lukrative, künstlerisch unkalkulierbare Karriere durchlebt. Zunächst im Schulterschluss mit dem Produzententeam The Neptunes und New Yorker Straßenrap-Schwergewichten wie Ol’ Dirty Bastard und ihrem späteren Ehemann Nas. Zuletzt mit der Disco-Pop-Kehrtwende des Albums Flesh Tone. Den Schwung ihrer gelegentlichen Hits konnte Kelis nur selten mitnehmen. Ihre besten Alben malten sich R’n’B als nervös flirrende Musik der Zukunft aus; an die Gegenwart ließ sich das nicht immer vermitteln. Auf Flesh Tone folgte eine fast vierjährige Pause. Kelis konzentrierte sich auf die Kochkunst.

Das Album nach der Pause heißt Food und ist das bisher größte Rätsel von Kelis. Die 34-Jährige steht jetzt bei einem Londoner Indie-Label unter Vertrag, dessen Schwerpunkte auf experimenteller Elektronik und Rapmusik liegen. Ihre sechste Platte hat sie mit David Sitek aufgenommen, bekannt als Mitglied der Art-Rockband TV On The Radio und durch Produktionen für die Yeah Yeah Yeahs und Scarlett Johansson. Die Ausgangslage versprach eine weitere Kehrtwende, und Kelis erfüllt diese Erwartung ausgerechnet mit dem risikoscheusten Album ihrer Karriere.

Food ist eine Retro-Soul-Platte, wie sie vielleicht auch Amy Winehouse im Jahr 2014 aufgenommen hätte. Der Bass klingt bauchig und funkverliebt, das Klavier kreiselt engagiert, den Bläsern hört man an, dass sie nicht aus einem Computer kommen. Kelis liefert sich kehlige Duelle mit ihrer Expertenband. Food klingt in solchen Momenten nach einer teuer erkämpften Leistungsschau. Der Breitwand-Stil des Beatles- und Motown-Produzenten Phil Spector war vorher zum Leitbild der Aufnahmen erklärt worden. An die überwältigende Kraft seiner besten Arbeiten kann Food jedoch nicht anknüpfen.

Kelis scheint das selbst zu ahnen; nie wird sie ganz warm mit der Ausrichtung des Albums. Sie hat die falsche Stimme für den sauberen Soul von Food, nicht kräftig und variabel genug, um großformatige Hymnen zu tragen. Die fantasielosen Arrangements räumen kaum Möglichkeiten für Überraschungen und I hate you so much-Momente ein. Ob solche Wutausbrüche überhaupt noch in Kelis stecken, ist jedoch ohnehin zu bezweifeln. Auf Food entsprechen ihre liebestrunkenen Zweisamkeits-Texte meist dem kreuzbraven Songwriting.

Nicht nur Kelis hatte auf früheren Alben spannendere Konstellationen im Auge. Der R’n’B insgesamt hat sich abgesetzt von trauter Empfindsamkeit und reiner Bettenmusik. Beyoncé sang auf ihrem vergangenen Album komplexe Lieder über die Erfüllungen und Herausforderungen eines glücklichen Ehelebens. Bands wie The xx und The Weeknd erforschen die dunklen und hässlichen Seiten des traditionell sexuell aufgeladenen R’n’B. Auch Kelis hat früher in die Abgründe des Genres geblickt. Food aber ist genügsam. Es sieht sich allein an seinen Oberflächen satt.

„Food“ erscheint am 18.04. bei Ninja Tune/Rough Trade.

2 Kommentare

  1.   exchp

    Kelis + The Neptunes = Unantastbar

    Ach, waren das noch Zeiten.


  2. was hier als „langweilig“ bezeichnet wird, finde ich vielmehr wunderbar unaufgeregt, entspannt. Das Album klingt befreit, fröhlich und leicht und damit zeigt Kelis wieder einmal, was sie alles kann. Im Gegenteil hätte ich wieder etwas Schrilles oder Wütendes eher als langweilig emfpunden.
    Zunächst war ich skeptisch, da sie keine Soul-Stimme hat (eigentlich hat sie überhaupt keine besondere Singstimme), aber hier passt alles zusammen und macht viel Spaß. Dass das Album weniger abwechslungsreich ist als die Vorgänger, finde ich sehr angenehm. Zum ersten Mal zieht sich ein roter Faden (musikalisch und textlich – Essen und Lust, wobei dass wohl das Gleiche ist) hindurch.
    Man hört deutlich, dass die Musik wirklich handgemacht ist. Das hat einen besonderen Charme und hebt sie damit aus der Masse hervor. Kommerziell erfolgreich wird es aber wohl leider nicht.

 

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