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Drei Frauen zum Rock’n’Roll

 

Jack White ist Blues-Bewahrer, Gitarrengott und menschliches Fragezeichen. Auf seinem zweiten Soloalbum „Lazaretto“ verschwindet die Musik hinter dem Mythos.

© Mary Ellen Matthews
© Mary Ellen Matthews

Jack White ist nicht das letzte Rätsel der Rockmusik. Er ist nicht einmal das größte Rätsel in seiner eigenen Ex-Band. White aber genießt die Selbstinszenierung und -verklärung wie kein anderer Rockmusiker. Doch obwohl er sein Leben unter Beobachtung der Öffentlichkeit verbringt, weiß man wenig Konkretes über ihn. Die angeblich gesicherten Informationen klingen oft weniger glaubwürdig als die unbestätigten Gerüchte, die sich um seine Person ranken.

Mit seinem Label Third Man und dem angeschlossenen Tonstudio, Vinyl-Presswerk und Plattenladen hat White in Nashville ein multimediales Graceland für Plattensammler aus dem Boden gestampft. Pausenlos produziert die Firma neue Musik und Fanartikel. Schallplatten erscheinen häufig in ausgefallenen Editionen, die dem Medium nach 130 Jahren noch immer neue Aspekte abgewinnen.


Auch von Whites zweitem Soloalbum Lazaretto gibt es eine Sonderedition, die man in drei Geschwindigkeiten und von innen nach außen abspielen kann. Je nachdem, wo man die Nadel aufsetzt, erklingt der Song Just One Drink mit akustischem oder elektrischem Intro. Der Künstler Tristan Duke hat die A-Seite der Schallplatte so behandelt, dass beim Abspielen das Hologramm eines Engels erscheint. All das ist wesentlich spannender als die Musik auf Lazaretto.

Wie schon die zweiten Alben seiner Bands The Raconteurs und The Dead Weather zeugt Lazaretto von einem Dilemma, von dem nur die White Stripes verschont blieben: Das zweite Album eines Jack-White-Projekts ist in der Regel weit weniger aufregend als das erste. Während sich White jedoch bei den Gruppen in selbst gewählten Nebenrollen unterforderte, verliert er diesmal den Überblick in seiner Inszenierung als Rock’n’Roll-Mysterium. Er kann sich das erlauben, weil er das Publikum mit seiner Exzentrik bei Laune hält. Früher waren es seine Songs, die es ihm erlaubten, exzentrisch zu sein.

Auf Lazaretto sind diese Songs weiterhin unverkennbar: Garagen-, Blues- und Folkrock, gut informiert in den jeweiligen Genres, aufgenommen mit einer Luxusbesetzung, die sich heute kaum noch eine Band leisten kann. Die hoch dekorierten Musiker hetzen durch ein entsprechendes Hochleistungsalbum, aber sie spielen mehr gegen- als miteinander. Lazaretto ist voller Soli, Licks und sonstiger Fingerübungen, scheitert aber an einer sinnvollen Verbindung der Einzelteile. Es ist viel Musik und sehr wenig Song.

Erschwerend kommt hinzu, dass White die weniger einladenden Eigenschaften seiner Rockstar-Persona hervorhebt. Lazaretto beginnt mit einem Loblied auf seinen im 40. Lebensjahr weiterhin ungebrochenen Sexualtrieb. Three Women gibt Auskunft über die Haarfarben der Protagonistinnen, beruft sich anschließend auf die Schweigepflicht eines Gentleman und ist auch sonst ziemlich beknackt. Während Whites Solodebüt Blunderbuss noch mit klugen Gedanken zu Frauen, Männern und ihrer Vereinbarkeit überraschte, packt Lazaretto das Thema mit eher höhlenmenschlichem Eifer an.

Skeptiker bezeichnen White seit jeher als charakterlosen Led-Zeppelin-Epigonen. Obwohl Lazaretto zu seinen schwächeren Alben gehört, räumt es mit dieser Annahme auf: Die Unnahbarkeit der Selbstdarstellung, die Dekadenz, der Frauenverschleiß und die pompöse Kostümierung – all das erinnert viel mehr an Elvis Presleys Zeit in Las Vegas. Whites Graceland steht in einer anderen Ecke von Tennessee und bedient eine andere Art von Nerd. Ausmalen kann man sich trotzdem, wie in 100 Jahren die Doppelgänger von Jack White um die Welt tingeln und unseren Urenkeln auf die Nerven gehen werden.

„Lazaretto“ von Jack White erscheint am 6. Juni bei XL Recordings/Beggars/Indigo.

10 Kommentare


  1. elegant…

    Lieber Herr Gerhardt,
    ein wirklich eleganter Verriss, vielen Dank, ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert

  2.   Jacky

    Einen Verriss schreiben macht sicher spass, das lesen auch.
    Aber – seit langem, hat mir mal wieder ein Gitarrensound eine Gänsehaut erzeugt und ein Grinsen ins Gesicht verpasst.
    Jack hat es mal wieder geschafft. Danke Jack.

    Hammer Sound – Tolles Album

  3.   Reno67

    Wahrlich ein klassischer Verriss durch die Hintertür.
    Nur, nachdem was der Autor so an Hirn Flatulenzen los lässt scheint er wenig Ahnung von echter Rockmusik zu haben. Jack White ging es schon zu White Stripes Zeiten nie darum das Mainstream und Event Publikum für seine Musik zu begeistern. Im Gegenteil.
    Der Typ ist schräg, nicht Katalogisieren . Seine Musik mal Weltklasse. Mal absolut verzichtbar. Aber genau das macht sein Schaffen so spannend für mich !
    Das was ich bisher an Soundfiles und 2 kompletten Songs zum neuen Album gehört habe lässt auf ein Album schließen, mit dem man sich auch diesmal wirklich auseinander setzen muss. Und darauf freue ich mich


  4. Machophob…

    … würde ich die Herangehensweise des gar nicht mal so gut informierten Autors nennen. Ist hier aber wohl gern gesehen….

  5.   Joelle Gerber

    Über den Inhalt kann dieses Artikels kann man streiten, aber der Stil ist einfach super. Allein der erste Satz: „Jack White ist Blues-Bewahrer, Gitarrengott und menschliches Fragezeichen.“ Der macht neugierig.

    Die Bild-Zeitung hat zwar in Deutschland die besten Überschriften, aber meist ist man nachher enttäuscht, weil es sich nur einen Reißer handelt, und der Artikel ist stink langweilig und wenig informativ.

    Weiter so, Zeit!


  6. „Ausmalen kann man sich trotzdem, wie in 100 Jahren die Doppelgänger von Jack White um die Welt tingeln und unseren Urenkeln auf die Nerven gehen werden.“

    An Jack White wird man sich vielleicht noch nach Jahren erinnern, an einen Daniel G. und seine Zeilen ganz sicher nicht!! Warum immer die Germanisten in Deutschland über Rockmusik schreiben dürfen…

  7.   Rabea Weihser

    @southcross.frynd: Wenn niemand, der in 100 Jahren vergessen ist, seine Meinung kundtun dürfte, könnte man alle Onlineforen schließen. Beste Grüße aus der Redaktion.

  8.   Lovely Rita

    Ja wirklich schlecht informiert, der Herr Gerhardt. Und diese Interpretationen der Songs über Jack Whites Persönlichkeit bzw.Privatleben ist auch äußerst merkwürdig. Da sieht man mal wieder, wie schade es ist, wenn jemand über Music schreibt, der selbst kein Musiker ist! Wen interessiert schon die Gerüchteküche. Jack White hat übrigens ein persönliches statement zu dem ganzen Tabloidpress-Thema auf seine webseite gesetzt. Das hat der Herr Kritiker wahrscheinlich auch nicht gelesen…
    Die neue Platte bzw. die Songs, die ich bisher gehört habe sind einfach nur awesome! Lazaretto, High Ball Stepper und das Elvis Cover Power Of My Love sind der Knaller. Just One Drink ist ebenfalls ein göttliches Stück mit Lillie Mae Rische (Gesang und Fidel) und purer Americana Sound. Scheint sehr abwechsungsreich zu sein, die ganze Platte. Und zwar nicht nur die Songs , sondern auch die hardware (vinyl), die ja einige features zu bieten hat (siehe video) Jack White ist nicht exzentrisch, er weiß nur genau, was er will und ist dabei ziemlich genial!

  9.   Rabea Weihser

    @Lovely Rita: Ihre Argumentation ist vielleicht etwas zu kurz gegriffen. Wenn nur Schriftsteller Literaturkritik üben, nur Banker die Wirtschaft kritisieren und nur Politiker Politikjournalismus machen dürften, gäbe es überhaupt keine freie Kritik mehr. Vetternwirtschaft und Schleichwerbung wäre das Ergebnis. Wenn Ihnen das lieber ist als eine Musikkritik, die sich das Berichtobjekt zurecht auf Distanz hält, sollten Sie sich vielleicht bei einem anderen Medium umschauen. Beste Grüße aus der Redaktion.

  10.   Lovely Rita

    Liebe Redaktion, ich habe Ihnen die Kritik ja nicht verboten, ich habe nur gesagt, daß es schade ist… Vielleicht sollten sie mal versuchen, nicht immer was zwischen den Zeilen lesen zu wollen! Und ich bleibe dabei, Ihr Redakteur war einfach schlecht informiert. Sowas bin ich eigentlich nicht von Die Zeit gewöhnt. Kaufe mir öfters mal die gedruckte Ausgabe. Aber vielleicht sollte ich das mal einstellen… in letzter Zeit sind die Aufmacher sowie andere Rubriken sowie eher langweilig.

 

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