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Das Schlechte an der schlechten Laune

 

Zehn Indierock-Songs zum Flüchten: Gut drauf waren Clap Your Hands Say Yeah noch nie. Aber seit das Kollektiv personell zerfallen ist, bleibt bloß ein gut arrangierter, mieser Nachgeschmack.

© Matt Barrick
© Matt Barrick

Mit Understatement hat es Alec Ounsworth nie so richtig gehalten. Bereits vor neun Jahren legte der Sänger, Songwriter, Kopf und Bauch von Clap Your Hands Say Yeah seine Stimme so melodramatisch übers bandbetitelte Debütalbum, dass die wesensverwandten Waterboys dagegen klangen wie lebensbejahender Powerpop. Auch die nächsten zwei Platten hielten sich emotional selten zurück. Stets war da diese leichte Schwermut im Grundton, eine Art optimistischer Larmoyanz im Arrangement. In den besseren Momenten klang das dann wie Radiohead auf milder Partydroge. In den schlechteren wie Radiohead beim Kater danach.

Clap Your Hands Say Yeah, die Band mit einem der großartigsten Namen überhaupt, hat zum höflichen Händeklatschen schon immer weit mehr Anlass gegeben als zum Yeah-Sagen. Jetzt aber fällt auch Ersteres nicht mehr so richtig leicht. Only Run, das vierte Album nämlich, ergeht sich so in aufdringlicher Weinerlichkeit, dass man dem Titel beim Zuhören rasch Folge leisten möchte. Wenn sich Ounsworths Stimme im Auftaktstück As Always über eine jeanmicheljarreske Synthiefläche legt, zersetzt vom Hall einer Plätschergitarre im The-xx-Stil, ist das selbst in depressiver Stimmung nur schwer erträglich. Erinnert sich der Hörer auch nur entfernt an Frühlingserwachen, schütteln ihn die Fluchtimpulse.

Und zwar zehn Lieder lang, fast unentwegt. Vom seltsam U2-haften Blameless über Little Moments im Coldplay-Gedächtnis-Pathos bis hin zum bombastischen Titeltrack, der wie so vieles auf diesem Album versiert durchproduziert ist, aber einen Verdacht erzeugt: Viele Empfindungen, die sie wachrufen soll, sind nur Teil eines groß angelegten Plans zur emotionalen Unterwanderung, Alec Ournsworths ganz persönliche PR mit dem Subtext der Propaganda.

Schließlich ist Clap Your Hands Say Yeah mehr denn je zentralistisch gesteuert. Seit dem jüngsten Wegfall zweier Mitglieder zeigt sich das gleichberechtigte Kollektiv früherer Tage zusehends als Gruppe von Begleitmusikern, die das Werk vom Boss nur erfüllen helfen. Betrachtet man nun die Entwicklung des einst recht dynamischen US-Indierocks von der Westküste unter Britpopeinfluss hin zum orchestralen Emowave voller Choräle und Geigen, aber ohne Tempo, ohne Verve, gibt das Anlass zur nächsten Spekulation: Womöglich waren Robbie Guertin (Gitarre) und Tyler Sargant (Bass) vor ihrem Abgang Reduktionskorrektive der Band, die Ounsworths Gefühligkeit ein wenig geerdet haben.

Auch ohne sie bleibt nun natürlich nicht alles mies auf Only Run. Das Ganze ist wie üblich professionell und stimmig arrangiert. Es hat seine lichten Momente, etwa die Bonusversion von Impossible Request zum Schluss. Dazu mag das Timbre nicht jedermanns Sache sein, ist aber so ungewöhnlich, dass es von Byrne bis Bowie zu Recht prominente Fans hat. Clap Your Hands Say Yeah machen ja keine Musik für jeden Geschmack in jeder Laune. Aber ein bisschen weniger schlechter Geschmack bei schlechter Laune hätte es diesmal ruhig sein dürfen.

„Only Run“ von Clap Your Hands Say Yeah ist erschienen bei Xtra Mile.

2 Kommentare

  1.   Velvia Blue

    Vergleiche sind manchmal das Salz in der Suppe von Rezensionen und liefern dem Leser eine Idee, wie eine Band oder ein Album klingen mag. Von einer Rezension jedoch, die dermassen zugekleistert ist mit Vergleichen, bleibt am Ende überhaupt kein Eindruck von Irgendetwas. Waterboys? Radiohead? The XX? U2? Coldplay? Das ist alles etwas viel.

  2.   Jan Freitag

    @ Velvia Blue: Was vielleicht ja ein bisschen dafür spricht, dass CYHSY etwas genuin Eigenes vermissen lassen; da geht’s dann halt nicht ohne fremde Hilfe. Die Kritik vom Link-Kleister nehme ich dennoch ernst fürs nächste Mal!
    Der Autor

 

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