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Die Welt ist eine Scheibe

 

Und der Globus passt ins Ohr: Das Album-Projekt Ten Cities bringt 50 Produzenten, Sänger, Tüftler aus aller Welt auf den Dancefloor. Erstaunlich, wie sich die Stile mischen.

© Soundway Records
© Soundway Records

Zwischen den Boxentürmen angesagter Tanzflächen ist die Welt noch eine Scheibe. Gut, seit orthopädisch betreute DJs ihren Sound vor Ort generieren statt Plattentaschen ans Pult zu wuchten, rotieren dort zwar kaum noch echte Turntables; anders als auf dem kugelförmigen Globus lässt die dancefloorflache Clubkultur den Blick ans andere Ende der Erde allerdings frei.

Wenigstens musikalisch ist der Erdball längst so entgrenzt, dass darin alles überall sichtbar wird: Schaltkreise im Handwerk, Samples in Sinfonien, Folk im Techno, nördliche Hemisphäre in der südlichen, Afrika in Europa, besonders dies.

Es ist eine spielerische, verspielte Liaison diverser Stile, die das Mash-up der globalen Partyszene seit Langem eingeht. Nichts ist vorm Einfluss aller gefeit. Und wie diese Art tonaler Völkerverständigung funktioniert, zeigt ein Projekt, das Grenzen nicht bloß sprengt, sondern zerstäubt. Es heißt Ten Cities. 50 Produzenten, Soundtüftler, Instrumentalkünstler und Sänger aus zehn Städten zweier Kontinente wuseln darin durcheinander, als sei Utopia doch möglich. Aus zehn Städten – Nairobi, Lissabon, Luanda, Neapel, Bristol, Johannesburg, Kairo, Kiew, Lagos und natürlich Berlin – schwirren die Einflüsse durcheinander wie Elektronen im Atom – alles ist überall zugleich und nichts mehr örtlich festzulegen.

Das Ergebnis dieser Ménage-à-dix ist – vulgär gewendet – wohl so etwas wie weltmusikalische EDM. Um dem populistischen Kürzel die Mainstreamschärfe zu nehmen, passt jedoch Ethnoelectronica besser, Digitalität gewissermaßen zum Analogen gekrempelt. Und umgekehrt. Zum Auftakt etwa überlagert Isaac Anyangas erdiger Dancwahili den unterkühlten House der Bass-Brüder Octa Push aus Lissabon und wirft somit die Frage auf, wer da wen beeinflusst: Portugal Kenia? Keiner niemanden? Alle alles? Beantworten will sie auch der Brite Pinch nicht, dessen elaborierter Bristol-Dubstep im Anschluss famos mit Temi Oyedele aus Lagos kontrastiert, deren jazzige Stimmfärbung aber eben kein afrikanisches Element ins europäische Klanggerüst webt, sondern Pinchs verschwitztem Eklektizismus eher das Strenge, Nüchterne, Urbane zurückgibt.

Und so geht es immer weiter: Wer hier wen auf wessen Wurzeln zurückführt, wem dabei welche Lokalität ausgetrieben wird, was mithin zuerst da war: die Industrie oder das Herz, der Gesang oder eine Batterie Sequencer – all dies bleibt 17 fabelhaft verschiedenartige Stücke lang mindestens interpretierbar, meistens völlig egal. Wenn die Regensburger Gebrüder Teichmann ihren Berliner Electroclash unter das Johannesburger Popduo Dirty Paraffin oder die nigerianische Percussionband Wura Samba rühren, geht es weder um Deutungshoheiten noch Meinungsführerschaft. Es geht um Emulsionen, zuweilen arg fokussiert auf afrikanische Bauchrhythmik, aber auch immer wieder angereichert um Cumbia, Freejazz, Dub, gar Tango und klar: Pop. Nichts ist darin gewiss, selbst die Erkenntnis, welche Form die Erde hat, gerät ins Wanken. Bei Ten Cities sind alle auf Augenhöhe.

„Ten Cities“ von Various Artists ist erschienen bei Soundway Records. Am 7.11. wird das Album mit allen Künstlern im Berliner Ritter Butzke vorgestellt.


2 Kommentare

  1.   stefan niggemeier

    Ohne sehr viel Bier kaum zu ertragen.

  2.   janfreitag

    Dann zisch doch mal drei, vier davon, lieber Stefan, und es wirkt!

 

Kommentare sind geschlossen.