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Die Clinton-Stunde

 

Das könnte der Moment gewesen sein, der Barack Obama die Präsidentschaft rettete. Der den Wechsel von der Verteidigung zum Angriff bedeutete. Der die Demokraten aufrüttelte, ihnen Mut verschaffte und eine politische Vision vermittelte. Mit Witz, Scharfsinn und großem Temperament legte Bill Clinton auf dem Parteitag in Charlotte, North Carolina, dar, warum es wichtig sei, dass Barack Obama wiedergewählt werde.

Ironie der Geschichte: Vor vier Jahren noch setzte Clinton alles daran, dass seine Frau Hillary und bloß nicht Obama Präsident werde. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er von dem jungen, schwarzen Senator aus Illinois wenig hielt: zu unerfahren, zu weich, zu abgehoben.

Doch diesmal lagen sich die Präsidenten 42 und 44 auf der Bühne in den Armen. Wie schon vor vier Jahren, als Ehefrau Michelle sprach, trat Obama auch dieses Mal aus der Kulisse heraus. Das war wieder einmal ganz großes Kino.

Gleichwohl: Eine enge Freundschaft ist an diesem Abend wahrscheinlich nicht entstanden. Dafür sind sie zu unterschiedlich, dafür haben beide ein zu großes Ego und haben sie sich gegenseitig wohl zu oft verletzt.

Unvergessen, wie Clinton Anfang 2008 im Vorwahlkampf gegen Obama stichelte und zwischen den Zeilen zum Ausdruck brachte, ein Schwarzer habe derzeit noch keine Chance, Präsident zu werden. Ebenso unvergessen der Hieb unter die Gürtellinie, als Obama behauptete, der republikanische Präsident Ronald Reagan habe Amerika weit stärker verändert als Clinton.

Republikaner haben einen Saustall hinterlassen

Auf jeden Fall aber haben die beiden einen Beistandspakt geschlossen, eine Art Nato-Vertrag, der den einen verpflichtet, dem anderen mit schwerem Geschütz zur Seite zu stehen, sobald einer von beiden angegriffen wird und in Bedrängnis gerät. Obama braucht jetzt diese Hilfe – und sie kam kraftvoll und uneingeschränkt.

Es war die große Stunde von Bill Clinton. Wie ein Starverteidiger zerlegte er genüsslich und unbarmherzig Punkt für Punkt die Angriffe auf Obama und drehte den Spieß gegen die Ankläger, die Republikaner, um.

Nicht der Präsident sei schwach, sagte er, sondern sein Herausforderer Mitt Romney. Nicht Obama ruiniere das Land, sondern seine Gegner. Die Anschuldigung gegen Obama, so Clintons Schlüsselsatz, gipfele in dem Argument: „Wir haben ihm einen totalen Saustall hinterlassen, er hat es noch nicht geschafft, ihn völlig aufzuräumen, deshalb feuert ihn und lasst uns wieder ran.“

Unter gewaltigem Jubel sagte Clinton, Obama habe große Führungsstärke bewiesen, als er mit Joe Biden und Hillary Clinton zwei seiner ehemaligen Konkurrenten um die Präsidentschaftskandidatur nach der Wahl in seine Regierung holte.

Detailliert legte der Ex-Präsident dar, warum Obama politisch und ökonomisch richtig liege – und Romney daneben. Warum die Rettung der Autoindustrie wichtig gewesen sei und ebenso das rund 700 Milliarden Dollar teure Konjunkturpaket, die Auslösung der klammen Banken und die Gesundheitsreform.

Und dann stellte er die Frage aller Fragen, die viele Demokraten im Angesicht hoher Arbeitslosigkeit und drückender Staatsschulden nicht wirklich zu beantworten wagen: „Geht es euch heute besser als vor vier Jahren beim Amtsantritt Obamas?“ Als hätten sie auf diesen Moment seit ewig gewartet und alle Kraft dafür aufgehoben, brüllten sich die Delegierten mit einem gewaltigen „Ja“ die Seele aus dem Leib.

Plädoyer für Solidarität

Clinton beschrieb die Vorteile einer solidarischen Gesellschaft und wetterte gegen die Romney-Ideologie, wonach angeblich allen geholfen sei, wenn jeder an sich selbst denke. Und er beschuldigte die Republikaner, einen Kahlschlag der Gesundheitssysteme zu planen. Dass sie allerdings dringend der Überholung und Reform bedürfen, sagte er nicht.

Es sei ein Irrglaube, so Clinton weiter, dass die Konservativen mit Geld umgehen könnten. Er sei dafür der beste Zeuge. Denn damals, Anfang der Neunziger, habe ihm der republikanische Präsident George H. Bush einen riesigen Schuldenberg hinterlassen. Nachdem er mühsam abgetragen worden sei, habe ihn der nächste Herr im Weißen Haus, der Republikaner George W. Bush, sofort wieder aufgetürmt.

„Vier weitere Jahre!“

Clinton geißelte die Obstruktionspolitik der Republikaner und plädierte energisch für mehr Kompromissbereitschaft. „Hört gut zu und sagt es überall“, impfte er den Demokraten ein, „kein einziger Präsident, nicht ich und auch keiner meiner Vorgänger, hätte dieses Chaos binnen vier Jahren beseitigen können.“ Obama brauche und verdiene mehr Zeit. „Vier weitere Jahre, vier weitere Jahre!“ skandierten die etwa 22.000 Zuhörer in der Time Warner Basketballhalle minutenlang.

23 Kommentare


  1. Wie so oft, so gilt auch hier:

    Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.


  2. Auch wenn hier viel geschimpft wird, muss ich doch sagen, dass mir der amerikanische Wahlkampf viel besser gefällt. Der ist viel unterhaltsamer als unserer. Und wenn wir mal ehrlich sind: Wesentlich mehr Inhalte gibt es bei uns doch auch nicht. Man lese sich nur mal ein paar Wahlplakate durch.

  3.   lyriost

    Wie so oft, so gilt auch hier:
    … da helfen keine Pillen.

  4.   Melissa

    Schauspielkunst vom Feinsten… und klar doch, die Vorgängerpartei hinterläßt immer „einen Saustall“ da aber auch die Folgepartei nicht aufräumen will sondern nur Profite einfahren für sich selbst und ihre Lobbypartner wissen wir warum es wirtschaftlich, sozial und ökologisch immer mehr bergab geht……wer auf die Wahlkampfpropaganda der einzelnen Parteien noch reinfällt ist echt selbst schuld egal ob in USA oder Europa oder sonstwo.

  5.   Sabines Fan

    Die lächerliche Figur, die die Republikaner sowohl inhaltlich als auch in der Außendarstellung abgeben, bietet nun wirklich genügend Angriffsflächen. Zum Glück hat Clinton diese so meisterhaft genutzt.


  6. Die Clinton-Jahre erscheinen im Rückblick fast schon als Goldene Ära. Darauf baut Clinton und nun auch Obama. Allerdings haben einige der Probleme, die Amerika erschütterten, z.B. die Subprime-Krise eben ihre Wurzeln in jenen Jahren. Dennoch bleibt die gefühlte Bilanz positiv. Es war wohl aich der größte Fehler von Al Gore, dass er glaubte im Wahlkmpf 2000 auf die Hilfe von Clinton verzichten zu können. Clinton ist ein exzellenter Wahlkämpfer, und hätte wohl die wenigen Stimmen, die Gore fehlten noch holen können. Es ist müßig zu spekulieren, wenn es die Bush2-Jahre so nicht gegeben hätte, aber wahrscheinlich stünden die USA heute besser da.
    Clintons Kernaussage stimmt natürlich zu 100%. In vier Jahren (ideologischen Kampfes) lässt sich solch ein „Saustall“ nicht ausmisten.


  7. Der amerikanische Wahlkampf hat schon hohen Unterhaltungswert. Das Problem ist nur, dass inzwischen die Kernkompetenz jedes Kandidaten eben „Wahlkampf“ ist.

  8.   Chaled

    Obama kann Clinton nicht das Wasser reichen.

    Er ist weit weit weg vom Charisma eines Bill Clinton. Zudem hat Obama noch nicht einmal ansatzweise die USA auf einen guten Weg gebracht. Clinton hatte nach vier Jahren den Staat im Griff. Jeder wusste wo der Zug hingeht, die Reformen haben damals gegriffen und es ging bergauf. Heute haben wir viele leere Versprechungen von Obama’s erstem Wahlkampf vor vier Jahren und eine Gesundheitsreform mit der viele Amerikaner nicht einverstanden sind. Kein Vergleich mit Bill Clinton, einem der wohl besten Präsidenten die die USA in unseren Zeiten hatte.

    Und noch was zum Amerika-Bashing.

    Die USA haben viele Fehler aber wenn ich bedenke, dass die Pensionen dort sicher sind (sie hier für das EEG verwendet werden sollen) , ich für den Betrag an Krankenversicherung den ich hier zahle in den Staaten super aufgehoben (und nicht 2. Klasse), ich weniger Steuern zahle (hier ab €53000 über 50%), nicht dauernd irgendwelchen Bundesstaaten Gelder im dreistelligen Milliardenbereich überwiesen werden muss (Griechenland) , der Dollar nicht vor der Kapitulation steht, dann können die Amerikaner nicht alles falsch machen.


  9. Netter artikel,
    aber seit wann ist es denn in mode, Videos und irgendwelche unkommentierten Twitter texte in den Text zu stellen. Meiner Meinung nach tragen die Texte in keiner Weise dazu bei, besser informiert zu sein, da sie scheinbar wahhlos herausgegriffene Meinung irgendwelcher Leute representieren.

    Nach welchen Kriterien werden die Texte herausgewählt? Die positivsten? Die negativsten? Die am häufig angeschauten? Ich zweifle an einer Relevanz. Besser wäre da ein zusammenfassender Artikel über diese Meinung zu präsentieren, positive und negative Positionen darzustellen.

    So wie sie jetzt an den Text angehängt sind, scheinen sie mir wie diese unsäglichen Pressestimmen auf dem Buchrücken amerikanischer Bücher, die den inhalt derselben in den Himmel loben.

  10.   Carsten Luther

    Lieber Fabiankt,

    die Videos sollten Sie als Service verstehen – vielleicht mag ja der eine oder andere die Rede selbst ansehen.

    Was die Tweets angeht: Sie haben entweder einen informativen, illustrativen oder sogar unterhaltsamen Charakter. In diesem Fall von jedem etwas. Die Bilder vermitteln einen Eindruck von der Rede, sie erfahren außerdem, dass sie hoch gelobt wird, dass Obama deshalb ein Problem haben dürfte, sie zu übertreffen, dass sie besonders lang war und Clinton viel improvisiert und sich nicht an sein Skript gehalten hat. Die entsprechenden Tweets sind nur eine Auswahl aus unzähligen ähnlichen Einschätzungen und ergänzen den Textbeitrag.

    Beste Grüße, Carsten Luther

 

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