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Europa: Lost in translation?

 

Es ist Wahlkampf in Europa und bereits heute darf vermutet werden, dass der entscheidende Faktor für den Ausgang und die Auswirkungen der Wahl einmal mehr die Wahlbeteiligung sein könnte. Seit der ersten Direktwahl im Jahr 1979, wo 63 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben, ist sie konstant rückläufig und lag im Jahr 2004 noch bei knapp 46 Prozent. Nun hat das Europäische Parlament die Kampagne gestartet, mit der dieser Trend gestoppt werden soll. Das Motto lautet „Deine Entscheidung“ und Mechthild Rothe, Vize-Präsidentin des Parlaments, betont insbesondere die Diversität der EU: „Der Schlüsselfaktor ist es, die Sprache zu sprechen, die von den Menschen gesprochen wird, gerade auch in Bezug auf Gefühle sowie politische und kulturelle Unterschiede der einzelnen Mitgliedstaaten.“

Der Hinweis auf die angemessene Sprache ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Bürgerferne der EU und die nur schwach ausgeprägte europäische Identität werden nicht zuletzt an sprachlichen Barrieren festgemacht. So wirkt die am Dienstag verabschiedete Resolution des Europäischen Parlaments wie ein Weckruf an das europäische Bewusstsein der Bürger: Die Parlamentarier bekennen sich zur Sprachenvielfalt in der EU und fordern einen höheren Stellenwert des Sprachunterrichts an Schulen, jeder Schüler solle zwei Fremdsprachen erlernen.

Es klingt dabei wie ein Treppenwitz, dass am Tag nach der Verabschiedung dieser Resolution ein „Übersetzungsfehler“ (so die offizielle Darstellung) zu einem Eklat im Europäischen Parlament geführt hat. Der geschäftsführende tschechische Ministerpräsident Mirek Topolanek sprach in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament über den Wertpapierhandel der USA mit Bonds (tschechisch: „bondy“), in den Dolmetscherkabinen wurde daraus der Handel mit Waffen (tschechisch: „bomby“). Noch bevor dieses Missverständnis aufgeklärt werden konnte, wurde die auch ansonsten fragwürdige Rede scharf kritisiert. Es zeigt sich, dass Anspruch und Realität in der EU bezüglich der Mehrsprachigkeit noch weit auseinander liegen.

Die Förderung der Mehrsprachigkeit genießt einen hohen Stellenwert in der EU, seit 2007 gibt es einen eigenen EU-Kommissar für dieses Ressort. Der rücksichtsvolle Umgang, gerade mit Minderheiten, gebietet dabei, dass das Thema mit einem großen Maß an kultureller Sensibilität behandelt wird und nicht für Wahlkampfzwecke instrumentalisiert wird. Die jüngste Resolution jedoch war ein solches Politikum: Der Text wurde bei vielen Gegenstimmen letztendlich von einer linken Mehrheit der Parlamentarier angenommen, ein ähnlicher Entwurf aus dem konservativen Lager war kurz zuvor gescheitert. Diese Uneinigkeit über ein an sich unumstrittenes Ziel könnte den Europaskeptikern in die Hände spielen. Für sie ist der Erhalt der nationalen Sprachen eine Kernforderung, der EU stehen sie kritisch gegenüber. Wenn nun gerade diese Gruppierung von den jüngsten Unstimmigkeiten profitieren würde, wäre dies ein Rückschlag für das europäische Projekt.

1 Kommentar

  1.   Kleopatra

    Im Prinzip ist es in Ordnung, wenn überhaupt einmal eine Äußerung des EP umstritten ist und die unterschiedlichen Fraktionen auch unterschiedliche Standpunkte vertreten. Wenn sie nämlich immer umfassende Kompromisse vertreten, kann niemand wissen, warum er eine bestimmte Partei wählen sollte. Euroskeptische Vertreter werden wenig gegen die Resolution oder den anderen Entwurf einzuwenden haben, sie könnten eher fragen, warum das EP sich überhaupt äußern sollte.

    Im konkreten Fall ist die angenommene Entschließung ein Entwurf der linken Fraktionen, der als Gegenantrag zu einem sogenannten Initiativbericht eingereicht wurde. Beide Texte unterscheiden sich nur in wenigen Punkten; offenbar war es aber aus technischen Gründen nicht zulässig, statt einer kompletten anderen Resolution einen Änderungsantrag einzureichen. Eine Diskussion im Plenum fand kaum statt. Die Unterschiede zwischen beiden Fassungen sind zum Teil Änderungsanträge, die im zuständigen Ausschuß diskutiert und verworfen worden waren.

    Der Dolmetschfehler ist ein beeindruckendes Vorkommnis. (Die deutsche Verdolmetschung war übrigens, wie man aus den Videoaufzeichnungen feststellen kann, an dieser Stelle korrekt, aber nicht nur der englische, sondern auch der französische Kanal spricht von „Waffen“, und wahrscheinlich haben sich auch einige andere Sprachen daran angehängt).

 

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