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Europa On Air

 

Die Sitzordnung entwickelt sich zum Leitmotiv: Sowohl beim TV-Duell zur Europawahl (ausgestrahlt am Sonntagmittag auf ARD) als auch im europapolitischen Townhall-Meeting „Jetzt reden wir“ (Montagabend, ebenfalls ARD) saßen die jeweils sechs Kandidaten dicht gedrängt in einer Reihe nebeneinander. Konfrontative Anordnungen, in denen die Politiker einander anschauen und direkte Gespräche führen, waren nicht angesagt.

Und tatsächlich konnte man bisweilen den Eindruck bekommen, dass die anwesenden Vertreter der Parteien in beiden Sendungen eher gemeinsam das europäische Projekt verteidigten, anstatt über konkrete Inhalte zu streiten. Echte Kontroversen entstanden zudem meist bei jenen Themen, die auch in der nationalen Politik auf der Agenda stehen: Die Bewältigung der Wirtschaftskrise, die Arbeitsmarktpolitik, die Bildungspolitik und auch grüne Themen haben natürlich große europäische Bezüge und kein einziges dieser Politikfelder kann rein national bearbeitet werden. Die Argumente der anwesenden Politiker hierzu waren jedoch annähernd identisch mit denen, die wir auch im Bundestagswahlkampf hören werden; explizit europäische Lösungsansätze waren häufig nicht erkennbar.

Allerdings fanden auch einige originär europäische Themen in den beiden Sendungen Platz. Die Spitzenkandidaten diskutierten beispielsweise im TV-Duell die Frage des EU-Beitritts der Türkei (freilich ohne neue Argumente zu bringen) und im Townhall-Meeting waren mit der Agrarpolitik und dem Verbraucherschutz zwei Themen ganz oben auf der Tagesordnung, die mittlerweile zu den europäischen Kernkompetenzen zählen dürfen. Alles in allem hat die ARD den Zuschauern also in kurzer Folge zwei moderne TV-Formate zur Europawahl geboten und so der Forderung nach mehr Medienpräsenz für europapolitische Themen Rechnung getragen, die auch Autoren und Leser dieses Blogs schon geäußert hatten.

Wie viele Zuschauer haben sich nun tatsächlich für diese Sendungen interessiert? Bezüglich des TV-Duells fällt eine faire Einschätzung schwer, da als Vergleichsgrößen nur die Debatten anlässlich der Bundestagswahlen in Frage kommen (Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber 2002 und Angela Merkel gegen Gerhard Schröder 2005). Denn die Zielgruppe der anderen TV-Duelle (beispielsweise anlässlich der Landtagswahlen in Bayern, Brandenburg, Hessen und Niedersachsen) war nicht die Gesamtbevölkerung. Die erwähnten Duelle zu den Bundestagswahlen hatten andererseits durch prominentere Sendeplätze und größere Medienpräsenz im Vorfeld der Sendungen gewichtige Startvorteile gegenüber dem am Sonntag ausgestrahlten Streitgespräch. Die Einschaltquoten sprechen trotz all dieser Einschränkungen eine deutliche Sprache: Gerade einmal 0,57 Mio. Zuschauer verfolgten die Debatte am Sonntag, ein Marktanteil von 5,5 Prozent. Das TV-Duell zur Bundestagswahl 2005 verfolgten 21 Mio. Menschen bzw. 59,8 Prozent.

Für das Zuschauerinteresse an der Sendung „Jetzt reden wir“ ist das Townhall-Meeting mit Angela Merkel eine Woche zuvor auf RTL ein guter, aktueller Maßstab; das Format war ähnlich. Während die Sendung mit Angela Merkel 1,55 Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockte (Marktanteil: 5,9 Prozent) und schon damit für RTL als Quotenflop gelten musste, sahen „Jetzt reden wir“ nur 0,97 Mio. (Marktanteil: 3,5 Prozent). Besonders enttäuschend war dabei der Anteil unter den jungen Zuschauern: Nur 1,3 Prozent schalteten ein. Vielleicht ist dies auch eine Folge der Tatsache, dass Kulisse und Rahmenprogramm der Sendung einen gewissen „Musikantenstadl“-Charakter aufwiesen. Dessen ungeachtet bleibt aber festzuhalten, dass eine europapolitische Sendung scheinbar kein breites Publikum anziehen kann und sehr weit davon entfernt ist, etwa mit dem zeitgleich ausgestrahlten Quotenbringer „Wer wird Millionär?“ konkurrieren zu können.

Dies ist schade, weil beide Formate – das TV-Duell und „Jetzt reden wir“ – durchaus die europäische Idee transportiert haben. Wer sich auf die Sendungen eingelassen hat, konnte ein echtes europäisches Wir-Gefühl entwickeln. Berichte aus Grenzregionen, in denen längst keine Grenzen mehr existieren, und eigens komponierte Europahymnen haben ein bleibendes europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt. Diese etwas abstrakte Frage der gemeinsamen europäischen Identität wird leider meist nur am Rande diskutiert, obwohl es zumindest in wissenschaftlichen Kontexten, auf spezifisch europapolitischen Portalen oder mitunter auch in der „Blogosphäre“ entsprechende Impulse gibt. Dieser Befund ist jedoch auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es an Foren für einen solchen Austausch – die eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit bilden könnten – auf allen Ebenen mangelt.

Formate wie das TV-Duell und das Townhall-Meeting zur Europawahl könnten dazu beitragen, diese Gedanken auf die Straße zu bringen. Vielleicht muss man solche Sendungen schlicht und ergreifend noch viel öfter anbieten…

3 Kommentare

  1.   _felenso

    Das Town-Hall-Meeting mit Angela Merkel lief keineswegs zur Primetime um 20.15 Uhr, sondern begann erst um 21.45 Uhr.

  2.   Henrik Schober

    Vielen Dank für den Hinweis, ich habe die Passage entsprechend geändert.

  3.   Boccanegra

    Danke für den Tipp! Da ich keinen Fernseher habe und die Medienpräsenz im Vorfeld nun wirklich nahe null lag, hatte ich von den Sendungen bisher tatsächlich noch nicht gehört – aber glücklicherweise kann man sich ja die Debatte auf der ARD-Homepage noch als Video ansehen (http://www.tagesschau.de/ausland/europawahl170.html).

    Mir fiel dabei zunächst einmal das angenehm zivile und (für eine so große Ansammlung von wahlkämpfenden Politikern) auch ziemlich rationale Diskussionsklima auf; vielleicht schlägt da ein wenig von dem typisch Brüsseler Deliberations- und Konsensdenken durch. Gleichzeitig stimme ich aber zu, dass man die meisten der vorgebrachten Argumente auch schon aus nationalen Debatten kennt – eine positive Ausnahme ist in meinen Augen Martin Schulz, dem man (unabhängig davon, was man von seinen Ansichten halten mag) anmerkt, dass er in europapolitischen Kategorien denkt. Bei ihm ist jedenfalls erkennbar, dass er seine Politikvorschläge innerhalb der institutionellen Strukturen der EU umsetzen will – und dass es ihn nicht nur zufällig aus der Bundespolitik nach Brüssel verschlagen hat. (Hans-Gert Pöttering, für den das ja sicher ebenso zutrifft, wirkt dagegen manchmal schon sehr präsidentiell: als hätte er in den letzten zweieinhalb Jahren ein paar hundert Schulklassen zu viel die Vorzüge der EU vorerzählen müssen…)

    Stellt sich die Frage, warum sich so wenig Leute für die Sendung interessiert haben. Zunächst einmal vielleicht, weil sie, so wie ich, schlicht nichts davon mitbekommen haben oder (wenigstens was die Debatte betrifft) am Sonntagmittag nicht unbedingt Politiksendungen sehen wollen. Aber das kann sicher nicht der Hauptgrund sein. Nach meinem Eindruck liegt es eher daran, dass allzu viele Wähler davon ausgehen, dass sie selbst zu wenig von Europapolitik verstehen, als dass sich eine nähere Beschäftigung mit den verschiedenen Wahlalternativen lohnen würde: Die Unkenntnis bewirkt Desinteresse und eine latente Abneigung. Das mag auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen, da unwissende Wähler rationalerweise ja wohl besonders interessiert an Informationen sein sollten. Es wird aber plausibel, wenn man sich bewusst macht, dass schon die Namen der Spitzenkandidaten in der Bevölkerung weitgehend unbekannt sind: Und wenn ich als Wähler in den letzten fünf Jahren niemals etwas von Schulz, Pöttering & Co. gehört habe, wieso sollte ich mich dann jetzt plötzlich mit ihnen auseinander setzen? Lieber bleibe ich dann doch ganz den Wahlen fern, denn so wichtig können sie ja wohl nicht sein.

    Um wirklich das Interesse an Europapolitik und Europawahlen zu erhöhen (was letztlich auch mit einem politischen Zugehörigkeitsgefühl verbunden wäre), müsste also das Informationsniveau allgemein höher liegen – und das geht nur durch eine intensivere kontinuierliche Berichterstattung aus Brüssel, auch außerhalb der Wahlkampfperioden. Wenn man sich ansieht, mit wie wenig Personal für wie viele Politikbereiche selbst renommierte Qualitätszeitungen ihre Brüsseler Korrespondentenbüros besetzen, erkennt man schon einen der Schwachpunkte der europäischen Öffentlichkeit. Mein Eindruck ist, dass die Situation sich hier in den letzten fünf bis zehn Jahren – sicher auch im Zuge der Verfassungsdebatte – etwas gebessert hat. Aber bis die Bedeutung der europäischen Politikebene in der Öffentlichkeit einmal so selbstverständlich wird wie die der bundesdeutschen, wird es sicher noch viele TV-Duelle brauchen.

    In diesem Sinne fände ich übrigens auch einmal eine öffentliche Debatte zwischen Europapolitikern und nationalen Politikern spannend – über Themen, zu denen es Konflikte zwischen Europaparlament und Rat gibt. Denn es ist ja tatsächlich oft so, dass die Mehrheit im Parlament sich auf einen Gesetzesentwurf einigt, der dann hinterher von den nationalen Regierungen im Rat weich gespült und mit hundert Ausnahmeregelungen versehen wird – nur damit sich hinterher alle hinter der Brüsseler Bürokratie verstecken können. Wenn hier die nationalen Politiker öfters gezwungen wären, in der Auseinandersetzung mit den Europaparlamentariern öffentlich Farbe zu bekennen, würde das der europapolitischen Transparenz nur gut tun.

 

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