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Die Grünen machen es richtig – und du?

 

Als ich mich heute früh noch aus dem Bett quälte, hatte Priska Hinz offensichtlich schon einen anstrengenden, aber erfüllenden Morgen hinter sich. „Nach zwei Stunden Bahnhofsaktion bin ich richtig wach #UndDu?“ twitterte die wahlkämpfende Grünen-Abgeordnete um 8.14 Uhr. Ich hingegen war noch nicht annähernd wach, hatte noch nicht mal den ersten Kaffee intus, und in diesem Moment ging mir endgültig auf, warum mir die „und du?“-Wahlkampagne der Grünen seit Wochen so übel aufstößt. Die Grünen sind ausgeschlafen, voll dabei, immer im Dienst der guten Sache, und von mir erwarten sie das gleiche. „Und du?“ fragen sie halb fordernd, halb tadelnd, bist du auch schon so weit wie wir?

Der Spruch, mit dem sie das Land plakatieren, bringt unfreiwillig all das auf den Punkt, was der Partei seit langem, teils zu Recht, teils zu Unrecht vorgeworfen wird: Dass sie den Wählern das richtige Leben vorschreiben wollten, sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen, und überhaupt schrecklich überheblich seien.

Auf einem steht: „Mit Essen spekulier ich nicht – und du?“ und man hat dann sofort ein schlechtes Gewissen, ob man nicht über die unübersichtlichen Verzweigungen des Finanzmarkts doch mal ein paar Cent an steigenden Getreidepreisen verdient hat. Auf dem weg zur Arbeit komme ich an einem Plakat vorbei: „Was der Bauer nicht kennt, fress ich nicht – und du?“ Und eigentlich müsste ich jetzt umdrehen und nachsehen, ob nicht in meinem Kühlschrank oder den Regalen irgend etwas steht, was Spuren von Gentechnik enthalten könnte. So funktioniert die ganze Plakatkampagne. Die Grünen machen ihren Wählern keine Vorschläge, sie stellen Ansprüche.

Das ist fatal, weil es ja eigentlich nicht stimmt. Das Problem ist die Werbekampagne, nicht die Politik der Partei. Die Grünen haben ziemlich ausgefeilte Konzepte zu Finanzpolitik und Sozialpolitik zu bieten, zur Energie- und Umweltpolitik sowieso. Sie sind nicht die Zeigefinger-Partei, zu der vor allem die FDP sie machen will. Doof nur, dass ihre „Und du?“ Plakate davon so wenig erzählen und so viel vom moralischen Anspruch dieser Partei an ihre Wähler.

So stellen sich die Grünen als Partei der Selbstoptimierung dar. Die englische Band Radiohead hat dazu ein Lied geschrieben, „fitter, happier, more productive“ heißt es, es handelt von den vielen unerfüllbaren Ansprüchen an sich selbst. Kein Mikrowellenessen mehr, regelmäßig zum Sport, immer nett zu den Kollegen sein, und bloß nicht in der Öffentlichkeit weinen. Es ist natürlich ein ziemlich trauriges Lied.

45 Kommentare

  1.   Thorsten Haupts

    Danke. Dann bin ich ja nicht der einzige. Das erste „Und du?“ hatte mich sofort an die Ermahnungen der Lehrer in der Schule erinnert, sich gefälligst ein Beispiel an besonders vorbildlichen Schulkameraden in der causa X zu nehmen. Diese spontane Erinnerung war wirklich nicht dazu angetan, mir die GRÜNEN sympathischer zu machen.

    Wenn der Blogautor und ich nicht eine kleine Minderheit darstellen, ist diese Plakatkampagne für eine Plakatkampagne schlicht dämlich. Sie mobilisiert dann vorwiegend die ohnehin schon Bekehrten und stösst alle anderen vor den Kopf, auch mögliche Wechselwähler.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2.   Thomas

    Sehe ich anders, es verlangt von dem Leser, sich zu einem Thema so oder so zu positionieren. Wir sind dieser Meinung, wenn du diese Ansicht teilst, dann wähle uns. Selten haben Plakate eine bekehrende Funktion oder locken anderswählende rüber. Sie dienen nur dazu, die bereits bekehrten auch wirklich zu mobilisieren. Ob das mit dieser Kampagne funz ist eine andere Frage.

  3.   edgar

    Thomas schreibt:
    “ … es verlangt von dem Leser, sich zu einem Thema so oder so zu positionieren.“
    Ja, es könnte zum Nachdenken anregen (das Plakat). Es fragt uns, als mündige Bürger (wie es eigentlich die FDP immer postuliert aber nie tut).
    Der Großteil wird sich den Fragen jedoch nicht stellen wollen, wird nicht wirklich nachdenken wollen.
    „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldenten Unmündigkeit.“
    Das beginnt mit schlauen Fragen und der Suche nach Antworten auf schlaue Fragen.

    Diese Fragen nach dem Denken zu verneinen ist eine andere Sache.


  4. Um entspannt durch den Tag zu kommen, sehen Sie sich am besten nur noch die Plakate der CDU an, die ihr gesamtes Wahlprogramm in drei Worte zusammenfasst („Kanzlerin für Deutschland“) – das erspart Ihrem Gewissen jedes Bauchweh und wirkt wie Valium.

  5.   Kelhim

    Ich wähle die Grünen nicht, bin ihnen aber im Allgemeinen eher freundlich gesinnt, wünsche mir auch eine gewisse Regierungskoalition mit ihnen. Das grüne Programm ist schon ganz okay.

    Trotzdem war auch mein erster Gedanke beim Anblick der Plakate in der Fußgängerzone: „Mein Gott, wie überheblich!“ Zumal sie nicht nur etwas moralinsauer, sondern auch noch auf eine verschachtelte Weise intellektuell-lustig herüberkommen sollen. Zum Beispiel das Motiv mit dem jungen Mann, der auf einer Bank sitzt, dazu der Spruch: „Mensch vor Bank“. Vielleicht bin ich begriffsstutzig, aber ich brauchte einen Moment für den Wortwitz, und so charmant fand ich den Witz jetzt auch nicht.

    Ich sage ganz ohne Schadenfreude, dass die Grünen sich mit dieser „Und du?“-Kampagne keinen Gefallen tun, weil sie genau die auch unter Wechselwählern verbreiteten Klischées von den oberlehrerhaften, selbst ziemlich gutsituierten Moralaposteln bedient.

    Nichtsdestoweniger: Wer einen Politikwechsel will, muss rot oder grün wählen, so ist das nun einmal.

  6.   Ron777

    Herr Jacobsen hat in seinem Artikel sicherlich Recht, dass die Intention der Inhalte richtig ist, die Umsetzung mit dem moralischen Zeigefinger aber das Bild der Grünen als Zwangsbeglückungspartei zementiert.

    Aber auch inhaltlich finde ich manche Headline fragwürdig: Besonders „Mit Essen spekulier ich nicht – und du?“, löst bei mir sofort die Erinnerung aus, dass es doch die Grünen waren, die durch den massiven Ausbau der Bio-Gasanlagen Nahrungsmittel zu Spekulationsobjekten gemacht haben und letztendlich dadurch enorme Preisanstiege und Nahrungsmittelknappheit in den armen Ländern provoziert haben.


  7. Auf der anderen Seite ist die Werbung nicht so abgehoben, sondern orientiert sich lebensnah am Bürger.

  8.   Tobias Herrmann

    Natürlich ist ganz klar die neue Zeit der Mitmach-Politik gemeint. Die Grünen gehen davon aus, dass Bürgerinnen und Bürger mitgestalten. Und daher auch ein Mitspracherecht haben. Wir haben doch alle Meinungen zu den Themen, die auf den Plakaten stehen. Hier werden wir nicht übergangen sondern beteiligt. Jeder ist aufgefordert sich zu positionieren. Und du?

  9.   Stephan

    Guter Artikel! Danke.
    Auf dem Schulweg meiner Kinder hängt an der Fußgängerampel das Plakat „“Meine Mudda wird Chef und Du?“. Da sie nun mehrere Minuten am Tag (immer auf dem Weg zur Schule) das Plakat sehen, war es auch irgendwann bei uns Thema am Mittagstisch. Das spricht eigentlich für die Werbung, immerhin spricht man über sie.
    Was meine Kinder (12, 10, 7) aber dazu sagten, gab mir zu denken. Die Diskussion ging in die Richtung „Kinder werden abgeschoben, niemand kümmert sich um sie, sie sprechen nicht mehr richtig und alles weil sich die Mudda im Job selbst verwirklicht? Wollen das die Grünen? Selbstverwiklichung auf Kosten der nächsten Generation? DAS sagen Kinder!
    Ich war sehr verblüfft, weil ich mir nicht so viele Gedanken über diese Plakate gemacht hatte.
    Ich finde die Kampagne mutig, aber schlecht.

  10.   Amuthon

    Ich finde, die Plakate regen zum Nachdenken an, wie man denn künftig leben will. Natürlich ist es anstrengender, sich (moralisch) richtig zu verhalten oder überhaupt mal anzufangen, über sein Verhalten nachzudenken als der Suggestion von „Mutti macht das schon“ (=von mir wird nix erwartet) zu folgen. Aber in diesem Sinne „anstrengend“ waren die Grünen schon immer, das kennt der geneigte Wähler nicht anders.

    Letzten Endes glaube ich allerdings nicht, daß Wahlplakate ernsthaft die Wahlentscheidung beeinflussen.

 

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