Der kaltsonnige Morgen

Stechend kalte Luft. Sonnenschein. Eisblauer Himmel. Was macht man an so einem Tag? Ab nach Potsdam. Schloss Sanssouci. Stellen Sie sich vor die Orangerie und genießen Sie den Ausblick. Danach ins Holländische Viertel zu einem schönen Mittagessen. Kommen Sie! Nicht so faul! Raus aus dem Haus! Es lohnt sich!

Hier ein paar Appetithappen.

 

Biertrinker(innen) gesucht!

So, die Damen, die Herren. Jetzt wird mitgemacht! Ich möchte hier demnächst einen möglichst vollständigen Biertest für Berlin anbieten. Testen möchte ich dabei alle Biere, die aus Berlin kommen. Es gibt nach meinem Wissen folgende Brauereien:

Schultheiß, Kindl, Berliner Bürgerbräu, Brauhaus Albrecht, Eschenbräu, Georgbräu, Lemkes Spezialitätenbrauerei, Brauhaus Mitte, Lindenbräu, Luisenbräu, Marcusbräu, Rixdorfer Brauhaus, Brauhaus Spandau.

Da es von jeder Brauerei zwei bis acht verschiedene Biere gibt und ich das unmöglich alles in den nächsten Tagen alleine probesaufen kann, suche ich Mitstreiter. Wer immer mir eine Bierrezension schreiben möchte, der maile sie bitte an joreine@gmail.com . Ich sammle die Rezensionen und werde sie mit meinen eigenen Trinkerlebnissen vervollständigen – und mit etwas Glück in 1-2 Wochen hier eine schöne Sammlung für Sie haben.

Wohlan!

P.S.: Die Rezensionen bitte nicht zu knapp. Ein wenig Mühe darf man sich schon geben. Die Idealrezension ist heiter zu lesen, trotzdem aber mit Nutzwert.

 

Vom Nieselregen in die Karibik!

Hier stelle ich in loser Folge Restaurants vor, die mir gefallen. Ich betone ausdrücklich, dass die genannten Restaurants für diese Rezensionen kein Geld bezahlen und ich auch ansonsten weder privat noch dienstlich mit den Besitzern jener Restaurant verbandelt bin. Ich geh einfach gerne da hin. Punkt.

Wenn – wie heute – der Novemberniesel die gesamte Stadt in ein Dutzend verschiedener Grautöne schleiert, dann steht er schon vor der Tür: Der Berlin-Blues. Doch für kleines Geld kann man ihm entfliehen. Das Restaurant Carib in Schöneberg empfängt den Gast mit sachtem Dub-Reggae und farbenfrohem Interieur. Wer das vorschnell als Erlebnisgastronomie aburteilt, ist im Unrecht, denn im Carib wird seit vielen Jahren eine gutgelaunte Küche auf sehr hohem Niveau geboten.

Der Autor dieser Zeilen hat sich in den vergangenen Jahren durch das komplette Menü gefuttert und empfiehlt zunächst aus der kleinen, aber intensiven Cocktailkarte ein wirkungsvolles Getränk zum Vorglühen zu ordern. Man nehme dann als Vorspeise den „Caribbean Sampler“, der mit grandios marinierten Shrimps, Cassava Roots, frischen, hausgemachten Fischfrikadellen und Plantain Sticks aufwartet, dazu gibt es ein Peanut-Chilli-Dip und eine fantastische Aioli mit ganz sachtem Avocado-Einschlag.

Sodann lasse man „Big Daddy“ folgen, das ist eine Riesenportion Großgarnelen mit gut abgehangenem, butterzartem Rinderfiletstreifen vom Grill an Rotweinsauce mit frischen Champignons und weißem Reis. Wer lieber Fisch mag, dem sei der außen kross panierte und ihnen saftig-zarte Red Snapper zu empfehlen.

Allen Speisen gemeinsam ist absolute Frische, perfekte Zubereitung und Liebe zum Detail. Das Personal ist ausgesucht freundlich und humorvoll und empfiehlt nach dem Essen auch gerne schon mal flüsternd einen Kokos-Schnaps, der es in sich hat. In bestimmt 15 Besuchen bin ich hier nicht ein einziges Mal enttäuscht worden. Sehr empfehlenswert. Man lasse sich nicht von der äußerst old school Website täuschen.

Restaurant Carib
Motzstr. 30
10777 Berlin
(030) 2135381

tg. 17-1 Uhr
EC, VISA
www.carib-berlin.de

 

Labern mit Lab.

Im Biosupermarkt. Da stehe ich an der Käsetheke und will meine tägliche Ration Parmeggiano, Pecorino Sardo und blutjungen Gouda abholen. Aber vor dieses Einkaufserlebnis hat der liebe Gott eine Frau Anfang vierzig in zweiter Reihe geparkt. Sie trägt Entenstiefel, langen Kordrock, eine unterarmdicke Strickstrumpfhose, Medienschaffendenbrille (klein, eckig, Hornimitat), einen schwarzen, langen Zopf, sowie eine dieser farbenfrohen Kinder-Indio-Wintermützen, also mit so Klappen an den Ohren, die man unten um den Hals rum festbinden kann. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt gut beschrieben habe.

Jedenfalls hat sie aus der Kühltheke einen vorgeschnittenen, abgepackten Käse geangelt, beugt sich gramumwölkt über das Etikett und schaut nach, was für böse, böse Sachen in dem Käse – außer dem Käse selbst – noch drin sind. Und da hat sie was gefunden, was ihr nicht gefällt.

Obwohl ich also jetzt an der Reihe wäre und schon eingeatmet habe, um gleich den schönen Satz, „ein markiges Stück Parmeggiano bitte“ auszusprechen, schneidet sie mir das Wort ab und ich kucke genau so, wie Loriot in dem einen Sketch, in dem er andauernd versucht, in eine Kartoffel zu beißen, aber immer wenn es tun will kommt ein Kellner und fragt ihn aufmunternd. „Schmeckt’s?“

Sie sagt zu meiner Käseverkäuferin: „WAS BITTESCHÖN IST DENN LAB?“
Käseverkäuferin: „Das ist ein Bestandteil von dem Käse.“
Frau: „Ist das ein Zusatzstoff?“
Käseverkäuferin: „Nein, das kann man so nicht sagen.“
Frau: „Kann ich diesen Käse auch ohne Lab haben?“
Käseverkäuferin: „Nein, den gibt es nur mit Lab“.
Frau: „Und wenn ich aber kein Lab in dem Käse möchte? Ich möchte reinen Käse.“
Käseverkäuferin: „Dann müssen Sie eine andere Käsesorte aussuchen. Zum Beispiel Feta.“
Frau: „Ich will aber keinen Feta“
Käseverkäuferin: „Dann müssen Sie entweder DOCH diesen Käse nehmen oder versuchen in Berlin ein Geschäft zu finden, was diesen Käse OHNE Lab anbietet. Wird aber schwierig.“
Frau: „Was ist denn überhaupt LAB“?
Käseverkäuferin: „Soll ich Ihnen das jetzt wirklich noch erklären“.
Frau: „JA.“
Käseverkäuferin macht Klospülungsgeräusche und will sich gerade aufmachen zu einer Kollegin, um zu fragen, was Lab ist, da beginne ich einen Monolog, schreiend:

„LAB, (AUCH LAAB, KÄLBERLAB, KÄSEMAGEN), IST EIN GEMISCH AUS ENZYMEN (CHYMOSIN UND PEPSIN) UND WIRD ZUM DICKLEGEN DER MILCH BEI DER HERSTELLUNG VON KÄSE VERWENDET. LAB WIRD AUS DEM LABMAGEN JUNGER WIEDERKÄUER IM MILCHTRINKENDEN ALTER GEWONNEN UND HAT DIE EIGENSCHAFT, DAS MILCHEIWEIß KASEIN SO ZU SPALTEN, DASS DIE MILCH EINDICKT, OHNE SAUER ZU WERDEN, DAHER WERDEN MIT LAB ERZEUGTE KÄSE AUCH ALS SÜßMILCHKÄSE BEZEICHNET. DAS LAB WAR SCHON IM ALTERTUM BEKANNT, UND ARISTOTELES RÜHMT DAS LAB VON JUNGEN HIRSCHEN ODER REHEN ALS BESONDERS WIRKSAM.
DAS IM LAB ENTHALTENE FERMENT BRINGT SCHON IN GERINGER DOSIS SEHR GROßE MENGEN (1:6000-600.000 TEILE) MILCH ZUR GERINNUNG. ES ÄUßERT DIE STÄRKSTE WIRKUNG BEI 41-42 °C, BÜßT SEINE KRAFT BEI HÖHERER TEMPERATUR DAGEGEN SEHR SCHNELL EIN. SCHWACH SAURE REAKTION BEGÜNSTIGT DIE LABWIRKUNG, ALKALISCHE DAGEGEN UND GEWISSE SALZE HEBEN SIE AUF. DIE ZUR GERINNUNG FÜHRENDE WIRKUNG DES LABS IST AUF DIE ABSPALTUNG EINES TEILS (GLYCOMAKROPEPTID) DER KASEINMIZELLE (GENAUER DES Κ-KASEIN) DURCH DAS CHYMOSIN ZURÜCKZUFÜHREN. DADURCH VERLIEREN DIE MIZELLEN IHRE ‚SCHUTZHÜLLE‘ UND ES ERFOLGT EINE AGGREGATION DER MIZELLEN, WAS SCHLIEßLICH ZUR GELBILDUNG FÜHRT. DAS GEL BESTEHT NACH SEINER AUSBILDUNG IM WESENTLICHEN AUS EINER FESTEN PHASE, DEM PROTEINNETZWERK, SOWIE DER DARIN EINGESCHLOSSENEN SÜßMOLKE. DAS LABFERMENT WIRKT DABEI NUR ALS KATALYSATOR, WIRD BEI DER SPALTREAKTION ALSO NICHT VERBRAUCHT. DAHER REICHEN SCHON SEHR GERINGE MENGEN ZUM DICKLEGEN DER MILCH AUS. EINE GRÖßERE MENGE AN LAB UND ERHÖHTE TEMPERATUREN VERGRÖßERN DIE REAKTIONSGESCHWINDIGKEIT UND VERÄNDERT SO DIE STRUKTUR DES SICH BILDENDEN GELS. DIE REAKTION KOMMT NACH EINIGER ZEIT ZUM ERLIEGEN, DA DAS SUBSTRAT VERBRAUCHT WIRD (ENZYM-REAKTION). ABGEBROCHEN WERDEN KANN DIE REAKTION NUR DURCH INAKTIVIERUNG DES ENZYMS, Z.B. DURCH HITZE, SÄURE, LAUGE ETC. DIES IST ABER BEI DER KÄSEPRODUKTION NICHT NÖTIG UND WÜRDE ZUDEM ZU BETRÄCHTLICHEN VERÄNDERUNGEN DES DARAUS ENTSTEHENDEN KÄSES FÜHREN. NACH DEM SCHNEIDEN DES GELS IN WÜRFEL (–>KÄSEBRUCH) TRITT WÄHREND DER SYNÄRESE EIN TEIL DER SÜßMOLKE AUS DEM GELNETZWERK AUS. ÜBER DIE TEMPERATUR, GRÖßE DER BRUCHWÜRFEL/BRUCHKÖRNER SOWIE DIE DAUER DER SYNÄRESE LÄßT SICH DIE TROCKENMASSE DES ENTSTEHENDEN KÄSES STEUERN. MIT NIEDRIGER TEMPERATUR UND GROßEN BRUCHKÖRNERN ERZIELT MAN WEICHKÄSE, MIT HOHER TEMPERATUR UND KLEINEN BRUCHKÖRNERN HARTKÄSE. IN DER PRAXIS WIRD DAS LAB BEI DER KÄSEBEREITUNG MEIST IN TEMPERATUREN ZWISCHEN 25 UND 40 °C ANGEWANDT.

REICHT IHNEN DAS????????

Es ist still geworden hinein. In die Stille hinein sage ich vorsichtig: „ein markiges Stück Parmeggiano bitte“

P.S. Danke an die wikipedia.

 

Der knorkeste Restaurantführer wo jibt

Das Problem bei Restaurantführern in Buch- und Heftform ist ja immer: Kann man dem wirklich trauen? Es handelt sich ja bei allen um Printprodukte, die einen redaktionellen und drucktechnischen Vorlauf haben. Manche erscheinen nur jährlich, manche noch seltener. Gibt es das Restaurant, über das berichtet wurde, überhaupt noch? Hat nicht inzwischen vielleicht der Koch gewechselt? Doch es gibt noch mehr Probleme: Hatte der Testesser vielleicht nur einen schlechten Tag? Oder der Koch? Wie maßgeblich ist so eine Restaurantkritik also wirklich?

Die Lösung – zumindest für Berlin – ist da. Unter www.dienstag-abend.de gibt es einen akribisch genauen und aktuellen Restaurantführer für Berlin, und zwar als WIKI. Vereinfacht gesagt kann jeder in diesem Restaurantführer herumkritzeln. Erstaunlicherweise artet das hier aber trotzdem nicht in Quatsch aus, denn dieses Wiki wird von vier Berlinern betreut, die sich seit 2001 regelmäßig Dienstag Abends treffen, um gemeinsam Restaurants zu testen. Daher auch der Name dienstag-abend.de . „Früher“ war dienstag-abend.de eine ganz normale statische Website, die mühsam von Hand gepflegt und ergänzt werden musste. Heute kann jeder in den Rezensionen herumfuhrwerken, sie aktualisieren, überarbeiten, ergänzen.

Es ergibt dies einen Restaurantführer auf der Höhe der Zeit: Aktuell, nett geschrieben, auf eine Art auch demokratisch – und vor allem: Von vielen Menschen für viele Menschen. Bookmarken Sie das ruhig mal!

 

Durchjesessen – Von Berliner U-Bahn-Bänken

Die Menschen machen ja die dollsten Sachen, wenn ihnen langweilig ist. Unter www.berlin-transport.de gibt es Bilder von U-Bahn-Bänken. Ein heiterer Zeitgenosse ist sämtliche (!) Berliner U-Bahn-Stationen abgefahren und hat in jeder ein Foto einer Sitzbank gemacht. Auch Kunst, irgendwie. Fehlen jetzt nur noch die S-Bahn-Stationen. Will einer?

 

Berliner Wirtschaftswunder: Das Geheimnis der Curry-Station

Wenn ich des Abends aus meinem Fenster kucke, sehe ich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite zwei Gaststätten. Die eine heißt „Pilsstübchen“, es handelt sich um eine nicht ungemütliche, quasi archetypische Berliner Schankwirtschaft, sie verfügt über einen kleinen Tresen, an dem mehrere braune Holzhocker stehen. Gereicht wird das stets leicht nach Eigenurin schmeckende Schultheiß Pilsener, ansonsten kann man sich auch an einer Magnumflasche Asbach Uralt eines oder mehrere Stamperl zapfen lassen. Zwei Daddelautomaten und eine Musikbox mit Schlagermusik und Kirmestechno sorgen für Geräuschkulisse. Der Wirt ist Mitte 60, resolut und drahtig.

Direkt nebenan gibt es die sogenannte „Curry Station“. Ein neonbeleuchteter gekachelter Imbiss mit insgesamt fünf bestuhlten Tischen. In der Vitrine der Curry-Station liegt, soweit ich zurückdenken kann, immer genau das gleiche, Tag für Tag: Ein zu einem Viertel gefülltes Töpfchen mit Fleischsalat, ein halbvolles Töpfchen mit an den Rändern leicht beigefarbenem Kartoffelsalat, ein dreiviertelvolles Backblech mit Pizza, sowie mehrere belegte Brötchen, deren Belag (Kochschinken und Gouda) sich schulterzuckend der Neonröhre zuwendet, nur die obenliegende Gewürzgurkenscheibe verhindert wohl, dass der Belag völlig davonfliegt. Nie habe ich in der Curry Station jemanden etwas essen gesehen. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass es sich beim Inhalt der Vitrine um Speisenattrappen handelt.

Man müsste also meinen, in der ungemütlichen leicht verwest wirkenden Curry-Station sei nichts los, und nebenan im Pilsstübchen tobe der Bär. Pustekuchen. Jede Nacht das gleiche Schauspiel, welches mich immer wieder aufs Neue abends an meinem Fenster Platz nehmen und nach gegenüber starren lässt. Gegen 20 Uhr trudeln in der Curry Station die ersten Gäste ein, durch die Bank Schwersttrinker ab vierzig. Die Stimmung muss erregt-aufgepeitscht sein, man hört zwar nichts, aber stets herrscht aktive Gestik, ich sehe Menschen herumfuchteln, der Wirt reicht im Zehnsekundentakt Bierflaschen über den Tresen. Nebenan, im Pilsstübchen gähnende Leere. Ich sehe durchs Fenster, wie der Wirt ein sehr dickes Kreuzworträtselheft durcharbeitet, langsam und gewissenhaft.

Die Curry-Station hingegen ist bis 21 Uhr proppenvoll. Zeit für den Wirt, das Radio (Spreeradio) ein wenig aufzudrehen. Jetzt höre ich es auch ganz leise bis über die Straße in meine Wohnung. Der Wirt hat langsam alle Hände voll zu tun, geschäftig rast er hin und her und verteilt weitere Bierflaschen. Blick nach rechts, ein einziger Gast steuert wankend auf das Pilsstübchen zu und geht hinein. Blick zurück nach links, völlig unfassbar, in der Curry-Station wird getanzt. Getanzt. Es handelt sich hierbei nicht um einen einzelnen volltrunkenen Tänzer, wie man es gerne Nachmittags auf Stadtfesten sieht, nein, hier tanzen sicherlich zehn Leute. Besonders schäumend ist die Stimmung zum Monatsersten, wenn Arbeitslosengeld und Sozialhilfe auf den Postpank-Girokonten der Curry-Station-Gästen eingetrudelt sind.

22 Uhr. Auftritt Else. Else kommt jeden Abend Punkt 22 Uhr. Sie ist knapp sechzig Jahre alt, 150 cm groß und die Gattin eines des Herren, der sich gerade in der Curry-Station bewusstlos säuft. Irgendwann muss sie mal etwas sehr schreckliches in der Curry-Station gemacht haben, jedenfalls hat sie Hausverbot. Einerseits. Andererseits will sie ihren Mann abholen, er soll nach Hause. Und das geschieht immer nach dem gleichen Ritual. Sie schleicht sich in gebeugter Haltung zur Eingangstür der Currystation und versucht unerkannt hineinzugelangen. Geht natürlich schief, denn die gesamte Frontseite der Currystation besteht aus einem großen Schaufenster. Der Wirt sieht sie schon, wenn sie noch 100 Meter entfernt ist. Kaum ist sie drinnen, wird sie gleich wieder rausgeworfen. Nun beginnt sie eine Litanei mit dunkel raunendem, aber gleichzeitig metallisch-scharfem Otto-Sander-Bariton:

||:Doo Schlappschwanz, komm herauès, doo Aaschloch!
Komm sofocht darauès doo blöde Sau.
Biss wieda besoffen doo Aaschloch,
wachte, kannzich uff wát jéfàsst machen doo Arsch doo
wenne da rauèskommen tust. :||

Manchmal tritt sie dabei auch rhythmisch gegen die Scheibe.

Nach einigen Strophen kommt normalerweise einer der Mittrinker ihres Gatten in schlichtender Absicht heraus und versucht Else in versöhnliche Gespräche zu verwickeln. In über 90 Prozent der Fälle entsteht daraus aber ein Handgemenge, das üblicherweise in eine handfeste Schlägerei übergeht, in die sich schnell Unbeteiligte einmischen, sodass sich – wenn das Wetter nicht allzu schlecht ist – defaultmäßig gegen 23 Uhr etwa acht bis zehn Menschen vor der Curry-Station prügeln. Gegen 23.08 Uhr LALÜ LALA! LALÜ LALA! – lautstarker Einmarsch dreier Polizeiwagen, es endet je nach Gemütszustand der Schupos mit Allgemeinversöhnungen oder Festnahmen, um 23.30 ist der Spuk normalerweise vorbei. Nebenan, im Pilsstübchen, immer noch ein einzelner Trinker.

Ab Mitternacht sind in der Curry-Station erste Ausfälle zu verzeichnen, ein Mann wird aus der Eingangstür gestoßen, er schafft es bis zur Straßenlaterne, diese hält er fest und beginnt unverzüglich zu erbrechen. Der aufmerksame Wirt der Curry-Station eilt meist mit einem vollen Wassereimer hinterher, um die Spuren en passant zu verwischen, da kann man sehen, wie viel ihm die Kneipenlizenz wert ist.

Dann gibt es noch den tragischen Haltestellenheld, das ist auch so eine Sache. Umittelbar vor der Curry-Station befindet sich eine Bushaltestelle, es ist dies die Starthaltestelle der Buslinie 174. Eine unbeliebte Haltestelle bei Busfahrern, lädt man sich ab 22 Uhr normalerweise gleich erst mal drei Besoffene in den frisch gewienerten Bus. Na, jedenfalls, unser Held, sieht durch das Schaufenster den Bus kommen, trinkt gierig sein Bier aus, zieht Hut und Jacke über, um den Bus dann um drei Sekunden zu verpassen. Schulterzuckend geht er wieder in die Curry-Station zurück und trinkt weiter. Das Spiel wiederholt sich alle zehn Minuten bis 01:12 Uhr, denn da fährt die Linie zum letzten Mal. Meist kriegt er diesen letzten Bus dann aber; ähnlich wie dem Diener bei Dinner for One, der irgendwann schon Meter VOR dem Tigerkopf in die Höhe hüpft, gelingt auch unserem Helden das, was man Antizipation nennt. Gelingt es ihm jedoch, wie an einigen wenigen Abenden, nicht, dann wackelt die Heide. Ein langgezogenes

„VAFLUCHT! ICK GLAU ICK WER ZUN SCHWEIN!“
und mehrere sehr sehr feste Tritte gegen den Busfahrplan sind die Folge. Im Anschluss Rückzug in die Curry-Station mit finalem Komasuff.

Da! Die Augen rechts! Der Gast aus dem Pilsstübchen wird jetzt auch aus dem Pilsstübchen geworfen wg. Trunkenheit. Er erbricht eine Runde, versucht in das Pilsstübchen zurückzukehren, wird erneut des Hauses verwiesen und wankt dann sehr sehr bedächtig die drei Meter weiter zur Curry-Station, öffnet die Tür – und wird hereingelassen.

Und vielleicht ist ja genau dies das einzige kleine und doch so große Geheimnis der Curry-Station – dass deren Wirt ein klein wenig mehr abkann als der des Pilsstübchen. Vielleicht.