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Der U2-Mann

 

Ich fahre eigentlich nicht gerne U-Bahn. In der U-Bahn scheint es nur schlecht gelaunte Menschen zu geben, die es ganz schlimm finden, dass sie mit den anderen zusammen in einem Wagon sitzen müssen. Das muss wohl daran liegen, dass der gefühlte Sicherheitsabstand zu seinen Mitmenschen im Bus oder in der U-Bahn – ähnlich wie im Fahrstuhl – ständig überschritten wird. Die Folge: stocksteif herumsitzende Fahrgäste, die nicht wissen, wo sie hingucken sollen.
Ein bisschen Abwechslung kann da nicht schaden. Die tritt meist in Form von Verkäufern von Obdachlosenzeitschriften oder Straßenmusikern auf, die zwischen zwei Stationen schnell ein Liedchen trällern und danach mit dem Hut rum gehen. All das vermag die Stimmung jedoch nicht zu heben.
Nur mit ein bisschen Glück bekommt man eine besondere Art der Performance. Dafür muss man mit der U2 fahren. Heute Morgen war es wieder so weit: Der U2-Mann war in meinem Wagon! Wie immer stand er in Türnähe, von wo aus er mit todernster Miene und im nüchternen Tonfall der Bahnhofsdurchsagen Dinge wie: „Wegen Bauarbeiten gibt es zwischen Gleisdreieck und Zoologischer Garten Schienenersatzverkehr!“ und „Nächste Station Alexanderplatz. Übergang zu U8, U5, zur S-Bahn und zur Tram“ zum Besten gibt. Manchmal wandelt er die Durchsagen auch ab und sagt „Verliebt“ oder „Verrückt bleiben, bitte“ anstelle von „Zurückbleiben, bitte.“ Die meisten Leute ignorieren das einfach.
Mir fiel das heut früh besonders schwer. Ein junges Mädchen versuchte, Klimmzüge an den Haltestangen zu machen. Der U2-Mann fixierte sie und ging auf sie zu: „Aus Sicherheitsgründen ist das Turnen im Wagon strengstens untersagt!“, ermahnte er sie. Sie bekam einen Strafzettel, auf dem sie diesen Satz unterschreiben und Namen und Geburtsdatum angeben sollte. Ich stand genau daneben und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Daraufhin kam er zu mir: „Das Lachen über das Bahnpersonal ist strengstens untersagt!“. Auch ich bekam einen Strafzettel. Beim Aussteigen zwinkerte mir die Turnerin zu. Ich bin mir sicher, dass sie beim Namen und beim Geburtsdatum auch geschummelt hat.

Rana Göroglu

1 Kommentar

  1.   Peter Hannemann

    Hi Rana, Deine Beobachtungen kann ich echt bestaetigen. Die Leute in der U-Bahn schauen aus als haetten sie die boese Zukunft verschluckt. Wenn sie wuesten, dass die Hamburger Angst vor Berlin haben, wie es Falko geschrieben hat, dann wuerden sie lauthals lachen. Niemand hat Angst vor Berlin. Peter

 

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