Deutsch und Moslem sein – geht das?

Von 6. Oktober 2010 um 16:44 Uhr

Liebe Leser,

meine letzten Artikel zu Geert Wilders haben ungewöhnliche viele Kommentare ausgelöst. Allein 148 Reaktionen folgten dem Text “Ich, Retter des Abendlands“.

Selten habe ich es erlebt, dass die Meinung der Leser so einhellig war. Der Islam, hieß es in fast allen Kommentaren, sei unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, er sei eine aggressiv-expansionistische Ideologie, die Intoleranz statt Verständigung predige. Der Westen sei naiv, wenn er dieser Bewegung mit den Maßstäben der Religionsfreiheit begegne.

Natürlich gibt es eine radikale Auslegung des Koran, und natürlich lässt sich der Islam als Anleitung zur Tötung “Ungläubiger” lesen. Wer das bestreiten wollte, muss in den vergangenen zehn Jahren blind gewesen sein.

Aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit.

Unter den vielen Mails, die auf die Artikel folgten, war eine von einer jungen Muslima, die mich beeindruckt hat. Ich möchte sie deshalb hier wiedergeben; in der Hoffnung, dass sie eine vielleicht etwas genauere Diskussion anstößt. Der Name der Autorin wird auf ihrer eigenen Wunsch hin nicht komplett genannt.   

Wo bleibt das Wir?

Mein Name ist Zohra M., ich bin 19 Jahre jung, Tochter eines Algeriers und einer Deutschen – und gläubige Muslimin. Vor wenigen Monaten habe ich das Abitur mit einem Durchschnitt von 1,7 abgeschlossen, im Oktober werde ich, so Gott will, anfangen zu studieren.

In den Augen Thilo Sarrazins und Freunde gelte ich sicherlich als „Ausnahme unter den Jugendlichen mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund“. Dem muss ich widersprechen. Oder kann sich ein Islamischer STUDENTENverein, wie wir ihn hier in Darmstadt haben, allein durch Ausnahmen bilden und entwickeln?

Seit einigen Wochen verfolge ich nun die neu aufgeflammte Debatte um „die Muslime“, „die arabischen und türkischen Einwanderer“in Deutschland. Ich will gar nicht bestreiten, dass es tatsächlich Migranten gibt, die kein Interesse an der deutschen Sprache und Kultur haben. Aber ich wehre mich dagegen, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden. Ich wehre mich dagegen, dass aufgrund einer Minderheit eine ganze Religionsgemeinschaft den Kopf hinhalten muss.

„Die Muslime“, dass sind nicht nur die Türken und die Araber. Der Islam ist keine Nationalität, er ist eine Religion, die auf der ganzen Welt verbreitet ist. Es ist also hirnrissig, einen Unterschied zwischen „dem Deutschen“ und „dem Moslem“ zu machen, denn beide Aspekte schließen sich nicht zwangsläufig aus. 

Ich bin selbst Halb-Deutsche, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich spreche fließend deutsch und habe in der Schule den Deutsch-Leistungskurs belegt. Gleichzeitig praktiziere ich meine Religion, indem ich bete, faste, den Koran lese. Wo, bitte, befindet sich hier ein Widerspruch?

Obwohl ich mich selbst als liberale Muslima einschätze und offen auf andere Menschen zugehe, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion, musste auch ich in Zeiten der Islam-Debatte leider feststellen, wie ich mich gezwungenermaßen in ein gewisses Schema gedrängt fühle. Ich kann nicht mehr über meine Religion informieren, nein, ich muss sie rechtfertigen und beschützen.

Die Fragen lauten heutzutage nicht mehr „Warum muss eine muslimische Frau ein Kopftuch tragen?“ oder „Was ist der genaue Sinn, im Ramadan zu fasten?“. Genau genommen sind es auch keine Fragen mehr, sondern Vorwürfe wie „Der Islam ist eine Religion, die die Frau unterdrückt!“ und „Einen Monat lang zu fasten kann ja nur ungesund sein!“

Wie ist es dazu gekommen, dass uns Muslimen statt Interesse und Neugier plötzlich Ablehnung und Misstrauen entgegenschlagen? Ist es nicht gerade diese Ablehnung und dieses Misstrauen, dass uns zum Rückzug in die eigenen Reihen zwingt, es uns so schwer macht, die Stimme zu erheben und zu sagen „Wir haben mit Terrorismus, Gewalt und Intoleranz nichts zu tun!“, sodass wir gar keine andere Wahl haben, als unter uns zu bleiben, wo man uns akzeptiert?

Mit „uns“ meine ich die Muslime, die sich gerne mit Andersgläubigen austauschen, die die deutsche Gesellschaft nicht als Feindbild betrachten und sich gerne integrieren und sozial einbringen möchten.

Ich hoffe, dass man als Muslim bald (wieder) die Chance dazu bekommt. Dass man Muslimen wie mir Gehör verschafft und uns auch ernst nimmt. Dass man zu geistreichen Diskussionen mit uns bereit ist, ohne uns in eine Ecke mit Kriminellen und Fundamentalisten zu drängen. Dass eines Tages aus „uns“ und „euch“ wieder ein „wir“ wird.

Zohra M.

Kategorien: Europa
Leser-Kommentare
  1. 89.

    Wie beschränkt und verbohrt muß man eigentlich sein, um einer Religion wegen angeblich unreformierbarer Rückständigkeit und Gewaltätigkeit zu fürchten und zu hassen, und auf den BEWEIS daß es auch moderne, tolerante und gewahlt-ablehnende Anhänger dieser Religion gibt damit zu reagieren, daß man diesen Menschen erklärt, sie seien keine “echten” Anhänger dieser Religion, daß sie gar nicht tolerant und modern sein *düfen*…

    Das heißt also, daß ihr die fundamentalistische Auslegung der militanten Islamisten für richtig haltet? Die sind Euch geistig näher, als die toleranten, modernen Muslime?

    Naja, eigentlich keine echte Überraschung.

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:19 Uhr
    • brazzy
  2. 90.

    Das Tolle an der Sache ist, ihr werdet es alle noch erleben… Krumschwert an der Kehle ;)

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:21 Uhr
    • Stolz auf 1099
  3. 91.

    sorry bruxo, aber dein messervergleich hinkt…der islam passt nur in unsere brd, wenn du die hälfte davon weglässt…und das sagt wilders…
    und der islam ist explizit politisch, er ist von der anlage festgeschrieben als politisches system…das ist seine KERNAUSSAGE…alles andere, was leute schreiben, ist unwissende folklore. der glaube an allah als gott an sich, losgelöst von allem politischen, WAS ABER DAS WESEN DES ISLAM AUSMACHT, ist selbstverständlich zu achten und integrierbar…nur kannst du dann diese religion nicht mehr islam nennen

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:22 Uhr
    • Sohar
  4. 92.

    Liebe Mete,

    ich lese keine Bildzeitung und auch keine sonstigen Produkte aus dem Hause Springer. Es gibt so viele Informationsquellen über den Islam und so viele Länder, in denen der Islam vorherrschend ist, dass man sich ein sehr gutes Meinungsfundament bilden kann. Ausserdem kann ich den edlen Quran auch lesen. Es ist höllische Angelegenheit.

    Aber es gibt wirklich viele Frauen, die keine Ahnung vom Koran und insbesondere der Scharia haben. Deshalb empfehle ich den Einsteigerinnen das Buch von

    Christine Schirrmacher
    Ursula Spuler-Stegemann

    “Frauen und die Scharia. Die Menschenrechte im Islam”

    Die Wochenzeitung Die Zeit schreibt dazu:
    “Die beiden hochkompetenten Autorinnen warnen vor falscher Toleranz und empfehlen eine reflektierte Politik der Integration … historisch, kritisch, hochinformativ.

    Liebe Mete, habe Verständnis, dass sich bald die im Sinne vom Koran “Nicht-Gläubigen” zusammenschließen werden und sich Euch entgegenstellen werden. Eine kleine Maßnahme, damit unser Land nicht aus dem Gleichgewicht kommt und wir Frauen nicht wieder in die letzte Reihe versetzt werden. Dort wo Du schon sitzt.

    Viele Grüße

    Franka

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:23 Uhr
    • Franka
  5. 93.

    @ Stolz auf 1099

    Du bist also stolz auf 1099, wo unter dem Vorwand Jesus Botschaft zu verbreiten, aber in Wirklichkeit hauptsaechlich aus Habgier und Beutelust, nach eigenen Angaben zehntausende Muslime, Christen und Juden in Antiochia und Jerusalem umgebracht wurden, und dann stellst Du mir diese Frage?:

    “Drehen wir das Beispiel um: Die abertausende Menschen(Christen) die gegenwärtig von den Moslems abgeschlachtet werden . . . in Aethiopien und ganz AFRIKA !”

    Ist das nicht ein bisschen dreist?
    Kleiner Karl Martellchen?

    Mal eine Gegenfrage, warum haben 14 Jahrhunderte Christen und Muslime friedlich miteinander gelebt, um dann jetzt zT. aufeinander los zugehen?

    Wer macht diese Provokationen und wer hat wohl einen Vorteil davon? Aber soweit denken Sie ja gar net, stimmts?

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:25 Uhr
    • Mete
  6. 94.

    Liebe Zohra,

    ich kann ihre Wut verstehen. Leider ist unser Schulsystem offenbar noch schlechter als ich dachte. Insbesondere der Geschichtsunterricht scheint gelitten zu haben.

    Verzweifeln sie bitte nicht an den Kommentaren, denn selig sind die geistig Armen.

    Lieber Max
    sie unterstützen eine totalitäre Ideologie, die geschaffen wurde mit Mord und Unterdrückung systematisch auf der Welt verbreitet zu werden. Nur weil sie diese Punkte ausblenden, brauchen sie nicht glauben, dass sie das Christentum besser kennen als die Gelehrten aus dem Land / den Ländern, wo das Christentum entstand und später kriegerisch verbreitet wurde. Hören sie sich deren geistige Führer an und erklären sie mir bitte nochmal, warum deren geistige Führer Kindesmissbrauch als weniger schlimm ansehen als den möglichen Schaden den dessen Aufklärung der Kirche zufügt.

    MFG Jenss

    Kreuzzüge, Unterdrückung und Zwangchristianisierung vor allem in Südamerika, Tolerierung des Sklavenhandels und des 3.Reiches, Hexenverbrennung, Ermordung der gesamten Bevölkerung in Jerusalem.

    Dies sind nur die Highlights aus der Geschichte des Abendlandes. Neuzeitliche Kreuzzüge im Irak (nicht meine Worte), vergaß ich beinahe zu erwähnen.

    Schluss für heute!

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:31 Uhr
    • jenss
  7. 95.

    Religion ist für viele Menschen eine Notwendigkeit.
    Die Kälte des allgemeinen sozialen Umfelds sorgt oft für das Aufkeimen eines Spiritualismus in Resonanz zu bisher erlebten Leitbildern.
    Eine Integration in eine bestehende Kultur/Religion erleichtert die Selbstdefinierung.
    Suche nach Sinn und Zweck der eigenen Existenz wird jedoch oft durch eben diese Kultur/Religion verhindert, da ja nicht mehr gesucht wird, sondern schon durch Propheten gefunden wurde.
    Andererseits kann praktisch jede Religion eine Hilfe bei dieser Suche sein.
    Es ist also ein Unterschied festzustellen zwischen dem inspirativen und dem konspirativen Teil einer Religion, dieser wird in dieser Diskussion immer wieder übergangen und zum Teil absichtlich ignoriert.
    Und dies sowohl von Kritikern, die nur von Gruppen und historischen Vorgängen sprechen, sowie von Befürwortern, die von individuellen Vorgängen sprechen.
    Am Ende wird da doch nur aneinander vorbei geredet.
    Meiner Ansicht nach gibt es eine Religion/Kultur die undefiniert die Gegenposition zu Christentum/Judentum/Islam/sonstige Religion bildet.
    Sei sie mal Mammonismus genannt, der Glaube an den Profit, sowohl des Eigenen als auch des Gesellschaftlichen.
    Viele Menschen versuchen dieser nicht nur im Abendland herrschenden Kultur/Religion zu entfliehen um zu einem anderem Wertesystem zu gelangen.
    In Konfrontation zu einer solchen Grossmacht ist die Flucht in eine bestehende religiöse Gesellschaft leicht nachvollziehbar, aber eben diese Notwendigkeit hat eine Schattenseite, die Religion wird wenig kritisch wahrgenommen und diese ist meist schon von ganz anderen Interessen als spiritueller Transzendenz geprägt.
    Aber manche Menschen können trotzdem grosse Dinge für ihren Geist gewinnen, daher sollte anerkannt werden das welche Religion auch immer, für wen auch immer, eine Notwendigkeit darstellen kann.
    MfG ein transzendentaler Idealist

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:33 Uhr
    • abghoul
  8. 96.

    Eine Kommentatorin hat eine gute Antwort gegeben auf Deine Frage:

    (Mal eine Gegenfrage, warum haben 14 Jahrhunderte Christen und Muslime friedlich miteinander gelebt, um dann jetzt zT. aufeinander los zugehen?)

    Ein Sadist hat es zugelassen, dass zwei grundverschiedene Wertesysteme auf engen Raum zusammenleben müssen. Unser Lebensrhythmus passt nicht. Sei doch bitte so fair und wandere aus Deutschland aus. Wir haben leider keinen Raum mehr, da der Islam schon eine zu große Fläche blegt.

    Ich frage mich immer wieder, warum ihr IslamistInnen den Vergleich mit dem Christentum sucht. Die sind “Allah sei Dank” unter Kontrolle. Nur Euch müssen wir noch bändigen, damit ihr mit dem Unterdrücken und Euren Gewalttätigkeiten im Namen Allahs aufhört. Religionen, die sich in rechtliche Fragen des irdischen Daseins einmischen, sind immer eine Katastrophe für die Menschen.

    Antworten

    • 6. Oktober 2010 um 22:35 Uhr
    • Franka
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)