Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene

Chinas Bankenkrise ist vom Staat gewollt

Von 28. Juni 2013 um 15:15 Uhr

Jetzt schrillen auch in China die Alarmglocken. In der vergangenen Woche geriet eine Reihe von Banken in Finanzierungsschwierigkeiten. Aus gegenseitigem Misstrauen liehen sich die Institute einige Tage lang so gut wie gar kein Geld. Jetzt wächst die Angst, auch China könnte nun in eine gefährliche Finanzkrise schlittern. Das hätte auch globale Konsequenzen: Immerhin ist das Land inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Auf den ersten Blick scheint die Sorge berechtigt: Viele chinesische Banken haben zu viele Kredite vergeben und können nun ihre eigenen Darlehen nicht mehr begleichen. Die Schulden der Kommunen sind auf ein Rekordniveau gestiegen. Am grauen Kapitalmarkt lauern zusätzliche Risiken: Privatleute haben auf eigene Faust umgerechnet bis zu drei Billionen Euro verliehen. Ihre Darlehen sind weder von einer Einlagensicherung geschützt noch mit Eigenkapital unterlegt. Das birgt große Gefahren.

Schon werden Erinnerungen an die Lehman-Pleite wach, die damals die gesamte Weltwirtschaft in die Tiefe gezogen hatte. Und tatsächlich spielen derzeit auch die Börsen in der Volksrepublik verrückt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der sich das Wachstum von Chinas bislang so dynamischer Wirtschaft ohnehin abschwächt.

Dennoch gibt es bislang noch wenig Grund zur Angst. Denn was Chinas aktuelle Liquiditätskrise von denen in den USA und Europa vor allem unterscheidet: Sie ist vom Staat gewollt.

Regierungsnahe Ökonomen haben bereits Ende des vergangenen Jahres mehrfach darauf hingewiesen, dass Chinas Wirtschaft 2013 eine Korrektur durchlaufen werde. Zuvor hatte der Staat massiv in dringend benötigte Straßen, Hochgeschwindigkeitsstrecken, U-Bahn-Systeme und öffentliche Kultureinrichtungen investiert. Das war nötig und gab der chinesischen Wirtschaft nach dem Lehman-Crash Kraft. Doch die lockere Geldpolitik der Zentralbank und die großzügige Kreditvergabe führten auch zu einer Reihe von Fehlinvestitionen. Zudem sorgten sie für Spekulationsblasen, etwa auf dem Immobilienmarkt.

Solche Blasen will die chinesische Führung schon seit einiger Zeit stoppen. Chinesische Ökonomen hatten bereits im vergangenen Jahr vermutet, bis zum Führungswechsel im Frühjar 2013 werde Peking an der lockeren Geld- und Ausgabenpolitik festhalten. Dann aber sei wohl Schluss.

Ihre Erwartungen bewahrheiten sich gerade. Kurz nach seiner Amtsübernahme im April kündigte Chinas neuer Premierminister Li Keqiang eine deutliche Straffung der Kreditvergabe an. Er will die Banken bändigen. Zudem räumt er mit einer Reihe von weiteren Fehlentwicklungen im chinesischen Finanzsystem auf.

Ganz aktuell haben Lücken im Währungssystem den Engpass an Liquidität ausgelöst. Die chinesische Währung, der Yuan, ist international nicht frei konvertierbar. Stattdessen streicht die Zentralbank sämtliche Exporteinnahmen in Dollar oder anderen ausländischen Devisen ein. Im Gegenzug gibt sie den chinesischen Unternehmen zu einem von ihr festgelegten Kurs Yuan.

Die chinesischen Unternehmen aber haben in den vergangenen Jahren mehr Exporteinnahmen angegeben als sie tatsächlich hatten. Die Zentralbank glaubte ihnen und gab bedenkenlos Yuan aus. So trugen die gefälschten Handelseinnahmen zu einer Ausweitung der Geldmenge bei. Li setzt dem nun ein Ende – und die Banken klagen, ihnen fehle es an Geld.

Lis Manöver ist nicht nur unerfreulich für die chinesischen Banken. Ein Kreditengpass könnte auch die chinesische Realwirtschaft hart treffen. Dennoch sind die Korrekturen dringend notwendig. Letztlich setzt Chinas Führung nur um, was den USA und Europa mit ihrer ebenfalls extrem lockeren Geldpolitik noch bevorsteht.

Selbst wenn einiges schiefgehen sollte – anders als Lehman wird China den Rest der Welt nicht so leicht infizieren. Der Staat hat keine Auslandsschulden und ist damit niemandem Rechenschaft schuldig. Hinzu kommt, dass die chinesische Finanzwirtschaft nach wie vor nur gering mit dem Rest der Welt verflochten ist. Angesichts der aktuellen Probleme ist das auch ganz gut so.

Kategorien: Roter Kapitalismus
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Danke für diese (viel zu seltenen) Hinweise! Denn es stimmt: Das ist alles Teil der Planwirtschaft (die man natürlich gut oder schlecht finden kann). Ich verstehe nicht, dass jedes Mal die Panikmache losgeht wenn ein Bankautomat kurz nicht funktioniert. Und eigentlich sollte China als Vorbild dienen, wo doch ausnahmsweise jemand eingreift, bevor es zu spät ist… Was das mit dem Kreditengpass noch im chinesischen Inland geben wird, finde ich trotzdem spannend, zumal auch deutsche Unternehmen in China davon betroffen sind… Siehe hierzu auch: http://interculturecapital.de/deutsche-marken-china-quiz

  2. 2.

    >>Hinzu kommt, dass die chinesische Finanzwirtschaft nach wie vor nur gering mit dem Rest der Welt verflochten ist. Angesichts der aktuellen Probleme ist das auch ganz gut so.<<

    Nun, das mag ja durchaus so sein. Das die chinesische Führung ihr überhitztes Wachstum selbst bremst, ist ja auch keine ganz neue Erkenntnis.

    Aber wenn wirklich etwas schiefgeht, ist es nicht die direkte Auswirkung, die mir Sorgen macht. Was passiert, wenn China durch eigene Probleme als Handelspartner für die EU und die USA ausfällt?

    Dann sehe ich die USA aus ihrer gerade beginnenden Erholung – oder sollte man sagen, Stagnation auf kleinem Niveau? – wieder direkt in die Rezession kippen.
    Und in Europa würde eine sterbende chinesische Nachfrage besonders Deutschland treffen. Und damit den einzigen Staat der EU, der überhaupt noch für die ganzen Rettungsschirme und Euro-Stabilitätsschwüre geradestehen kann derzeit. Denn Italien schwankt und Frankreich taumelt ebenfalls.

    Es wäre also mehr ein indirekter Effekt, den ich sehe, aber nichtsdestotrotz ein verheerender.

  3. 3.

    China schrumpft seine Banken gesund. Sollten wir auch mal versuchen sollen. Stattdessen retten wir jede noch so kleine Bank wegen angeblicher Systemrelevanz. China wirtschaftet nachhaltiger, als wir es tun. Aber China kann sich das auch leisten. Weil es nicht so hoch verschuldet und nicht erpressbar ist. Ausserdem muss es nicht ständig neue Wahl- und Klientelgeschenke finanzieren, für die neue Schulden aufgenommen werden.

  4. 4.

    Die Verknappung der Geldmenge – oder auch Begrenzung des Geldmengenzuwachses – ist eines der klassischen Mittel zur Begrenzung des Wirtschaftswachstums im Falle unerwünschter Nebenwirkungen. Warum in Panik verfallen, nur weil hier richtig gehandelt wird. Billiges Geld verführt zur Kreditaufnahme, zu Risikoinvestments und leider auch oftmals zu solchen Anlagenformen, welche bei höherem Kreditzins nicht in Frage kämen und allein aus der Billigkeit der Geldaufnahme resultieren. Also, nicht alles was anders ist als anderswo, ist falsch – falsch ist aber, aus jeder Aktion immer eine Krise ableiten zu wollen. Man meint, ohne Krise fehle uns was. MIr nicht.

    • 28. Juni 2013 um 22:20 Uhr
    • Volkswirt
  5. 5.

    @ Spinndoktor – wo genau ist die Wirtschaft in China nachhaltiger? Haben sie sich dieses Land mal genau angeschaut? Ziehen Sie mal ein paar Monate da rüber, dann wird vielleicht mal diese rosa Brille die viel zu viele in Europa und den USA gegenüber China tragen, etwas getrübt. Und zu “Ausserdem muss es nicht ständig neue Wahl- und Klientelgeschenke finanzieren, für die neue Schulden aufgenommen werden” sollte man gar nichts sagen müssen, aber die Demokratie ist das größte Geschenk das wir haben und wir sollten stolz drauf sein…

    • 28. Juni 2013 um 22:58 Uhr
    • Jolo
  6. 6.

    ” bloggt Felix Lee.”

    Wer ist Felix Lee, dass er glaubt zu wissen, was die Manager in den Führungsetagen der chinesischen Banken denken und wie sie handeln. Der kommt doch noch nicht einmal den Weg zum Bank-Schalter und wenn, dann nur, weil seine Bankcard eingezogen wurde.

    Ich erspare mir die Lektüre solcher Phantasten.

    • 28. Juni 2013 um 23:05 Uhr
    • Yasuno
  7. 7.

    Dass Peking gegensteuert ist spätestens seit Verkündung des 12. Fünfjahresplans im Mai 2011 mehr als deutlich. Damit einhergehend versucht man natürlich denn auch nach Aufdeckung der Dimensionen der Immobilienblase in westlichen Medien das Thema offensiv anzugehen. Nichtsdestoweniger – die “Chinesische urbane Revolution” hat nun einmal die größte Immobilienblase aller Zeiten hervorgebracht und – das Ausbremsen der sinkenden Haus- und Grundstückspreise ohne dabei eine gewaltige Inflationssteigerung – bis hin zur Hyperinflation im Lande selbst zu bewirken kommt einem Hochseilakt gleich.
    Die Kernfrage dabei ist, ob das “Reich der Mitte” fähig sein wird, seine Bankenkrise trotz bedrohlichem Gini-Koeffizienten oder anderer Armutsindikatoren oder – ob Chinas Führung klug genug ist, ihre Menschen statt die Banken zu retten – sprich – die überall aufflammenden Proteste der verarmten Wanderarbeiter und anderer riesiger Bevölkerungsgruppen zu befrieden – wie also Peking dies bewerkstelligen wird und weiterhin – welche Auswirkungen dies auf uns hat hier im “alten Europa” und den US genauso wie sonst wo auf der Welt.
    Denn – trotz scheinbarer “Abkoppelung der chinesischen Finanzmärkte von den Weltmärkten” und “Nicht-Konvertibilität des Renminbi – des Yuan” gibt es da reichlich Verflechtungen und – die Konzentration der Produktivkräfte in China. Insofern müsste denn auch ein Signal im Westen bewirken, dass man der fatalen Illusion der “freien Märkte” wirklich abschwört und somit auch das “Primat des Ökonomischen” endlich beendet.
    Darauf weist jedoch in diesen Tagen weder in Europa noch in den US allzu viel drauf hin. Zuviel “Business as Usual”. China indes ist nicht so leicht erpressbar – eben aufgrund dieser “Abkoppelung der Finanzmärkte” und der “Konzentration der Produktivkräfte”. Insofern wird hier nur wenig von dem deutlich, was die “chinesische Bankenkrise” wirklich für uns bedeuten kann. Regierungen, die dies sträflich ignorieren indes werden ihre Völker in sehr unsichere Fahrwasser hineinmanövrieren. Und – da überall protektionistisch agierende schlecht kommunizierende nationale oder regionale Systeme aneinander vorbei agieren zeichnet sich da schon sehr deutlich ab, dass diese schlecht vernetzten Systeme von verantwortungs- und überblicklosen Regierungen gelenkt massivst beeinträchtigt werden – bis hin zu ihrer Zerstörung. Und – cui bono? Wer wird die Zeche dann bezahlen müssen?

    • 29. Juni 2013 um 00:42 Uhr
    • Aflaton
  8. 8.

    @3 Zustimmung, Spinndoktor, allerdings sehe ich das weniger als Gesundschrumpfung..

    Das sind erforderliche Korrekturen, Reaktion auf nicht vorhergesehene Fehlentwicklungen.

    Und das ist etwas, woran es bei uns fehlt.

    Die Probleme mit der aus dem Ruder laufenden Vergabe von Hypotheken für wertlose Objekte an ungeeignete Kreditnehmer in den US waren lange vorhersehbar, die Aufseher hofften aber auf die Selbstregulierung des Marktes.

    Nun könnte man sagen, die Aufseher in China hätte nur von den Fehlern ihrer westlichen Kollegen gelernt – was ja an sich schon etwas wäre, weil lernen aus den Fehlers anderer bei uns ja völlig aus der Mode gekommen ist,,,

    Aber nein, die chinesische Aufseher greifen seit Jahren korrigierend ein, wenn etwas in eine unerwünschte Richtung läuft.

    Sonst wär China nicht da, wo es heute ist.

  9. Kommentar zum Thema

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