Felix Lee über Roten Kapitalismus und chinesische Online-Phänomene
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McDonald’s in Peking ist fleischlos

Von 29. Juli 2014 um 12:06 Uhr

Wütend stampft der Fünfjährige mit dem rechten Fuß auf den Boden. “Ihr hattet mir die kleinen Hühner-Stücke versprochen”, schreit er. “Was es nicht gibt, gibt es halt nicht”, antwortet die Mutter genervt und zerrt ihren Sohn aus dem Laden.

Normalerweise ist die McDonald’s-Filiale in Pekings beliebtem Ausgehviertel Sanlitun schon am frühen Morgen überlaufen. Vor allem Schüler und Studenten treffen sich gerne hier zum Frühstück, bevor sie in der schul- und semesterfreien Zeit zu ihrem Ferienjob eilen. Doch an diesem Morgen ist der Laden leer. Auch der Geruch ist anders als sonst üblich: Statt nach heißem Frittierfett duftet es an diesem Morgen dezent nach frisch gebrühtem Kaffee. Der Grund: McDonald’s hat sein gesamtes Fleisch-Angebot gestrichen.

Seitdem vergangene Woche bekannt geworden ist, dass der Shanghaier Fleischlieferant Husi Food Gammelfleisch verpackt und ausliefert, zieht der Skandal in China immer weitere Kreise. “Wir bedauern, dass wir derzeit nur ein eingeschränktes Menü in unseren Restaurant anbieten können”, steht auf Hinweisschildern geschrieben, die in der McDonald’s-Filiale an der Kasse hängen. Nicht anders sieht es in den meisten anderen Filialen in Peking aus. Husi Food beliefert in China unter anderem auch Kentucky Fried Chicken (KFC), Pizza Hut und Starbucks. Auch KFC musste sein Angebot reduzieren.

Mit versteckter Kamera hatte ein Fernsehsender gefilmt, wie Mitarbeiter grün angelaufenes Fleisch untermischen und selbst heruntergefallene Stücke weiter verwenden. Der Sender berichtete, abgelaufene Produkte seien neu verpackt und mit neuem Haltbarkeitsdatum versehen worden. Die Tochterfirma des US-Konzerns OSI musste auf Anweisung der Firmenzentrale sein gesamtes Sortiment in China zurückziehen. Die chinesischen Behörden hatten zuvor mehr als 1.000 Tonnen Fleisch von Husi Food beschlagnahmt.

“Nein, das Veterinäramt war nicht bei uns”, sagt die Verkäuferin hinter dem Tresen der McDonald’s-Filiale. Am Montag habe sie lediglich erfahren, dass kein Fleisch mehr geliefert werde. Was vom Vortag noch im Tiefkühlraum war, sollte weggeschmissen werden. Das sei alles, was sie wüsste, sagt sie.

Auch Filialen in Japan und Hongkong betroffen

Freundlich, aber bestimmt leiert die Verkäuferin mit dem dunklen Häubchen auf dem Kopf an diesem Morgen immer gleichen Satz herunter: “Heute gibts nur Pommes, Apfeltaschen, Erfrischungsgetränke und Fischburger.” “Nicht einmal ein EggMcMuffin?”, fragt ein Kunde. “Nein, nur Pommes, Apelftaschen, Erfrischungsgetränke und Fischburger”, wiederholt sie. Dafür könne er aber eine Plastikfigur einer bekannten japanischen Manga-Serie erhalten. Die gebe es sonst nur zum Happy Meal, sagt sie. Der Kunde entscheidet sich für einen Becher Kaffee.

Abgesehen vom schreienden Fünfjährigen nehmen die meisten Kunden das eingeschränkte Angebot in der McDonald’s-Filiale gelassen hin. “Ich wusste gar nicht, dass der Fischburger so gut schmeckt”, sagt ein Kunde. Eine Frau sagt, sie komme ohnehin nur wegen des Kaffees her. Der koste sehr viel weniger als bei Starbucks. Eine Schülerin hat es auf die Kuchentheke des McCafés abgesehen. “Ich wollte eh schon mal die Macarons probieren”, sagt sie.

Der Umsatzverlust dürfte für die Fastfood-Kette trotzdem enorm sein. Und nicht nur ein Großteil der mehr als 4.000 McDonald’s-Filialen in China können derzeit nicht beliefert werden. Auch Filialen in Japan und Hongkong sind betroffen. McDonald’s China kündigte an, das Netzwerk von Lieferanten auszuweiten. In einigen Restaurants werde im August wieder die komplette Auswahl angeboten. “Bei anderen könnte es ein wenig länger dauern”, heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Die Verkäuferin hinter dem Tresen wirkt gar nicht unglücklich über die wegbleibende Kundschaft. “Wir haben an den anderen Tagen immer so viel zu tun”, sagt sie. Da mache es nichts aus, dass es mal an ein paar Tagen etwas ruhiger zugehe. Ob sie keine Angst habe, dass die Kunden dauerhaft wegbleiben? “Nein”, ist sie sich sicher. Dafür sei McDonald’s viel zu beliebt.

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Chinas Dauerproblem mit Lebensmitteln

Von 25. Juli 2014 um 14:59 Uhr

In China erschüttert ein neuer Lebensmittelskandal das Land: Anfang der Woche wurde bekannt, dass der in Shanghai ansässige Lebensmittelproduzent Husi Food offenbar Gammelfleisch ausliefert. Ein Fernsehteam des Senders Dragon TV war mit versteckter Kamera in einen Betrieb eingedrungen und hatte heimlich gefilmt.

Die Bilder sind ekelerregend: Es sind Fleischstücke zu erkennen, die bereits grün und blau sind und dennoch weiterverarbeitet werden. Zu sehen sind auch Mitarbeiter, die heruntergefallenes Fleisch vom Boden aufsammeln und wieder aufs Band werfen. Der Sender berichtet, dass abgelaufene Produkte neu verpackt und mit neuem Haltbarkeitsdatum versehen wurden. Das chinesische Staatsfernsehen hat die Bilder übernommen.

Husi Food ist ein Tochterunternehmen des US-Konzerns OSI, eine Unternehmergruppe mit Sitz in Chicago, die in 75 Ländern die McDonald’s-Filialen mit Fleisch beliefert. In China gehört zu den Abnehmern unter anderem Kentucky Fried Chicken (KFC), Burger King, Pizza Hut, Starbucks und eine Reihe von chinesischen Restaurant-Ketten.

Die Abnehmer haben umgehend reagiert: McDonald’s, der Yum-Brands-Konzern, zu dem KFC und Pizza Hut gehören, Starbucks und Burger King stornierten sofort sämtliche Lieferungen von Husi-Food. Und auch die Behörden schlugen zu: Die Polizei beschlagnahmte im Auftrag des staatlichen Veterinäramtes den gesamten Fleischbestand des Fleisch-Zulieferers, mehr als 1.000 Tonnen, und weitere 100 Tonnen, die bereits an die Kunden ausgeliefert waren. Fast 600 Restaurants, Händler und Betriebe haben die Behörden bis Ende der Woche untersucht und fünf Verantwortliche von Husi Food festgenommen, unter anderem den Firmenchef und den Leiter der Qualitätskontrolle.

Doch das reicht vielen Chinesen nicht. Auch am Freitag waren die chinesischen Medien und sozialen Netzwerke voll von Kommentaren und Einträgen, in denen nicht nur der Fleischproduzent selbst, sondern auch die Fastfood-Ketten an den Pranger gestellt werden. McDonald’s & Co. wird vorgeworfen, sie würden aus Kostengründen bewusst die Lebensmittelkontrollen vernachlässigen. Auf zahlreichen Foren und auch vor einigen Filialen wird bereits zum Boykott aufgerufen. Dies soll bereits Auswirkungen auf den Umsatz dieser Ketten haben. Offizielle Zahlen haben die Unternehmen bislang noch nicht bekannt gegeben. Doch Mitarbeiter berichten von leeren Tischen und sinkenden Umsätzen. “Ich würde derzeit auch in keinen Hühnerschenkel beißen”, antwortet eine Mitarbeiterin einer KFC-Filiale auf Anfrage.

KFC wird zum zweiten Mal getroffen

KFC hat bereits schlechte Erfahrung mit der Wut von chinesischen Verbrauchern gemacht. Die Fastfood-Kette war erst vor anderthalb Jahren in China in die Schlagzeilen gekommen, weil im angebotenen Hühnerfleisch unerlaubt hohe Werte an Antibiotika gefunden wurden. Der US-Mutterkonzern, der mit KFC in China die Hälfte seines Umsatzes macht, musste sich öffentlich dafür entschuldigen. Er trennte sich von 1.000 seiner Zulieferfirmen und gebot Besserung bei der Bewachung seiner Partnerbetriebe. Der Umsatz brach in dem darauffolgenden Monat dennoch um mehr als 30 Prozent ein. KFC hat sich bis heute von diesem Skandal nicht erholt.

Dass die Folgen solcher Skandale in China so weitreichend sind, hängt vor allem mit dem fehlenden Vertrauen in die staatlichen Kontrolleure zusammen. Tatsächlich sind die meisten großen Lebensmittelskandale in den vergangenen Jahren von Insidern enthüllt worden. Die haben sich an Journalisten und an die staatlichen Kontrolleure gewandt. Da hilft es auch nicht, dass Chinas Premierminister Li Keqiang die Lebensmittelsicherheit zur Chefsache erklärt hat und dass er die staatlichen Lebensmittelkontrollen im vergangenen Jahr bereits deutlich ausgeweitet hat. Wie die Reaktionen auf den jüngsten Skandal zeigen, bleibt das Misstrauen groß.

Genau deswegen neigen viele Verbraucher auch zur Übertreibung. So kaufen viele junge Eltern bis heute Milchpulver für ihre Kinder nicht im eigenen Land, sondern lassen es sich,sofern sie es sich leiten können, aufwändig aus dem Ausland schicken oder mitbringen. Der Skandal um Melamin verseuchtes Milchpulver war vor sechs Jahren.

Für die chinesische Führung gibt es noch jede Menge zu tun.

 

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Noch mehr Zensur

Von 14. Juli 2014 um 09:39 Uhr

Bis vor Kurzem überwog unter vielen chinesischen Journalisten noch der Optimismus: Das Internet und ganz besonders die sozialen Netzwerke haben ihre Arbeit in dem autoritär geführtem Land einfacher gemacht. Hinzu kommt, dass die staatlich kontrollierten Medien in China unter erheblichem wirtschaftlichen Druck stehen. Mit der bloßen Wiedergabe von trockenen KP-Stellungnahmen ist es nicht getan. Die Leser wollen interessant aufbereitete, unabhängige Berichte und Reportagen lesen. Können das die etablierten Medien nicht leisten, suchen die Chinesen in den Weiten des Internets – und werden dort auch meist fündig.

Der Druck durch das Netz hat dazu geführt, dass sich in den vergangenen Jahren zumindest in einer Handvoll staatlich kontrollierter Zeitungen trotz Zensur eine recht vitale und auch zuweilen kritische Berichterstattung entwickeln konnte. Dazu zählt etwa die Nanfang Zhoumuo (Südliches Wochenende), eine Wochenzeitung aus der südchinesischen Metropole Guangzhou, wo ohnehin ein sehr viel liberalerer Geist weht als in der Hauptstadt Peking.

Doch nun gibt es einen herben Rückschlag.

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Volkswagen macht neuen Rekordabsatz in China

Von 11. Juli 2014 um 15:38 Uhr

Für Volkswagen-China-Vorstand Jochem Heizmann wirkte die Vertragsunterzeichnung in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Chinas Ministerpräsident Li Keqiang wie Routine. Vor versammelter Presse eilte er zum Pult, unterschrieb das Abkommen, überreichte es seinem chinesischen Partner und gab der Kanzlerin und dem chinesischen Premier noch kurz die Hand. Dann war die Vertragszeremonie auch schon beendet.

In dem Abkommen, das Anfang der Woche während des Kanzlerinnenbesuchs unterzeichnet wurde, geht es um das inzwischen 19. und 20. Autowerk von Volkswagen in China. Eins soll für rund eine Milliarde Euro in der ehemaligen deutschen Kolonie Qingdao entstehen, das andere für eine ähnliche Summe in Tianjin, der 15-Millionen-Hafenmetropole, unweit von Peking.

Kein anderes europäisches Unternehmen hat in den vergangenen 30 Jahren in der Volksrepublik so viel investiert wie der deutsche Autobauer. Die Investitionen zahlen sich aus.

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Zensur, der Wirtschaft zuliebe

Von 8. Juli 2014 um 11:37 Uhr

Anlässlich des dreitägigen Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking war am Montag erstmals die sogenannte deutsch-chinesische Wirtschaftskommission zusammengetreten. Dabei handelt es sich um ein neu gegründetes Gremium, das sich aus jeweils zwölf deutschen und zwölf chinesischen Firmen zusammensetzt. Ihr Ziel: Sie wollen sich nicht nur regelmäßig treffen und Probleme erörtern, die sich in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder ergeben, sondern ihren Regierungen auch Empfehlungen für wirtschaftspolitische Reformen geben. Doch eine Empfehlung erweist sich als politisch höchst brisant.  Weiter…

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Chinas Führung schmückt sich gern mit Merkel

Von 6. Juli 2014 um 09:52 Uhr

Der Besuch von Mo Ke’er Zongli, wie Angela Merkel auf Chinesisch genannt wird, ist in China schon lange keine Besonderheit mehr. Bereits sieben Mal hat die Bundeskanzlerin in ihrer Amtszeit die Volksrepublik besucht – mindestens drei Mal wird sie allein in diesem Jahr auf den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping treffen.

Ende März war Xi zuletzt auf Staatsbesuch in Berlin. Merkels am Samstag begonnener Besuch in der südwestchinesischen Metropole Chengdu und in Peking wird laut chinesischem Protokoll ebenfalls zum “Staatsbesuch” aufgewertet. Und im Oktober stehen deutsch-chinesische Regierungskonsultationen in Berlin an, bei denen sogar die halben Kabinette beider Länder zusammenkommen werden. Das häufige Aufeinandertreffen hat einen Grund: Die chinesische Führung schmückt sich gern mit der deutschen Kanzlerin. Weiter…

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Hongkong stellt Freiheit vor Profit

Von 30. Juni 2014 um 16:11 Uhr

Noch vor einigen Jahren wäre so etwas in Hongkong kaum vorstellbar gewesen: Vier große Unternehmen – PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte und Ernst & Young – warnen in einer Zeitungsanzeige vor Occupy Central. Die geplanten Proteste im Hongkonger Regierungs- und Bankenviertel gegen die chinesische Führung könnten “Instabilität und Chaos” bringen und den Status Hongkongs als internationales Finanzzentrum gefährden.

Und was passiert? Nichts. Früher hätten solche Warnungen aus der Wirtschaft dafür gesorgt, dass der Protest in der ehemaligen britischen Kronkolonie sofort endet oder beendet wird. Zu wichtig war den meisten Hongkongern, dass die Börsenkurse nicht abstürzen und die Banken gute Geschäfte machen. Die Mehrheit der Bevölkerung galt als politisch wenig interessiert, Hauptsache die Wirtschaft läuft.

Das hat sich geändert. Weiter…

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Miserables Internet verärgert deutsche Firmen in China

Von 20. Juni 2014 um 08:23 Uhr

Langsameres Wachstum, sinkende Umsätze, rasant steigende Arbeitskosten: Noch vor drei Wochen haben sich europäische Unternehmen in China über die düsteren Aussichten dort beklagt. “Die goldenen Zeiten in China sind vorbei”, sagte damals der Präsident der Europäischen Handelskammer, Jörg Wuttke, bei der Präsentation der jährlichen Stimmungsumfrage. Bei einer ähnlichen Erhebung nur unter deutschen Unternehmen kam jetzt ein ganz anderes Ergebnis heraus. Weiter…

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Chinas Millionäre trimmen heimischen Fußball auf Weltniveau

Von 14. Juni 2014 um 13:30 Uhr

Bislang ist China nicht gerade als Fußballnation bekannt. Das hängt damit zusammen, dass das bevölkerungsreichste Land der Welt es erst ein Mal geschafft hat, sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. 2002 war das in Japan und Südkorea mithilfe des serbischen Trainers Bora Milutinovic. Bereits in der Vorrunde flog das chinesische Team nach drei Niederlagen jedoch raus. Im weltweiten Fifa-Ranking belegt Chinas Nationalmannschaft derzeit nur noch Platz 103. Nun haben aber chinesische Unternehmer das Feld für sich entdeckt. Und zwar als Investmentmöglichkeit. Weiter…

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Hongkong hat Angst vor China

Von 11. Juni 2014 um 11:56 Uhr

Wie jedes Jahr am 4. Juni gedenken die Menschen in Hongkong der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz von 1989. Doch mit über 180.000 Demonstranten kamen vergangene Woche so viele Menschen wie noch nie zu der jährlichen Mahnwache. Das hängt sicherlich auch mit dem 25. Jahrestag zusammen. Ein Viertel Jahrhundert ist für die Demokratieaktivisten von damals eine lange Zeit. Sie kämpfen dafür, dass der Tag nicht vergessen wird. Doch anders als etwa in den neunziger und zu Beginn der nuller Jahre erhält der Protest seit einigen Jahren immer mehr Zulauf. Der Grund: Die Hongkonger fürchten um ihren politischen Status. Weiter…

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