Das Fahrrad-Blog

Platz da!

Von 22. November 2012 um 10:07 Uhr

© ADFC Jens Schütte

Radfahrer dürfen auf der Straße fahren – es sei denn, parallel verläuft ein benutzungspflichtiger Radweg. Aber nicht jeder traut sich mit seinem Velo auf die Fahrbahn. Zu eng oder zu schnell überholende Pkws machen einigen Fahrern Angst. Dabei können sie mit ihrer eigenen Fahrweise dazu beitragen, dass die notwendigen Sicherheitsabstände eingehalten werden. Aber wer muss welchen Abstand einhalten?

Abstand zum Fahrbahnrand

Einige Radler fahren auf der Straße relativ eng am Bordsteinrand. Das ist gefährlich. “Wer zu dicht am Bordstein fährt, lässt den Autos viel Platz, sie auf der eigenen Spur zu überholen”, sagt Roland Huhn, Rechtsreferent beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Infolge halten viele Autos zu wenig Abstand zum Radfahrer.

Ausreichend Platz zum Fahrbahnrand ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Kein Radfahrer fährt permanent Ideallinie. Schlaglöcher in der Fahrbahn, Seitenwind oder parkende Autos zwingen den Radfahrer zum Ausweichen. Hinzu kommen die natürlichen Lenkbewegungen, die jeder macht, um das Gleichgewicht auf dem Rad zu halten. Bei Kindern oder Gelegenheitsfahrern sind sie größer als bei geübten Radlern.

Schlechte Straßenverhältnisse zwingen Radfahrer auszuweichen © ADFC Wilhelm Hörmann

Der ADFC empfiehlt 70 bis 100 Zentimeter Abstand zum Straßenrand. Der letzte Wert wird gerne zitiert, weil er sich an einem Urteil des Oberlandesgerichts Saarbrücken orientiert. Das besagt, dass ein Radfahrer bei Dunkelheit und Regen auf einer stark befahrenen Straße nicht weiter als einen Meter vom rechten Fahrbahnrand entfernt fahren darf (OLG Saarbrücken, Az. 3 U 186/77). Wer jedoch mindestens 70 Zentimeter Abstand zum Bordstein einhält, ist laut Huhn vor zu eng überholenden Autos gefeit.

Parkende Autos

Radfahrer sind ohne Knautschzone unterwegs. Besonders tückisch ist die Situation, wenn sie auf der Straße an parkenden Autos vorbei fahren. Das Problem kennen Velofahrer in vielen Städten weltweit. In New York wurden vor einiger Zeit Fensteraufkleber an alle Taxen ausgegeben, um die Fahrgäste dafür zu sensibilisieren, vor dem Öffnen der Tür nach hinten auf die Straße zu sehen.

In der Straßenverkehrsordnung gibt es keinen Richtwert, wie groß der einzuhaltende Abstand sein soll. Gerichte gehen von einer Türbreite als Pufferzone aus. Die reicht je nach Fahrzeugtyp von 80 Zentimetern bis hin zu anderthalb Metern.

Um die einzuhalten, muss der Radfahrer schon recht selbstbewusst auf der Fahrbahn unterwegs sein. Einige Autofahrer sind schnell mit Schimpftiraden zur Stelle, wenn ein Radfahrer so weit links fährt. Hier wünscht man sich als Velofahrer auch von Seiten der Bundesregierung mehr Aufklärung über die Rechtslage.

Auto überholt Radfahrer

Ähnlich ist es beim Abstand, mit dem Autofahrer Radfahrer überholen. Die Auslegung der StVO lässt hier viel Spielraum für eigene Interpretationen. Der Gesetzgeber setzt eher auf die Vernunft des Einzelnen und formuliert im Paragraf 5 Absatz 4 recht schwammig:

Wer zum Überholen ausscheren will, muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung des nachfolgenden Verkehrs ausgeschlossen ist. Beim Überholen muss ein ausreichender Seitenabstand zu anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere zu Fußgängern und Radfahrern, eingehalten werden. Der Überholende muss sich sobald wie möglich wieder nach rechts einordnen. Er darf dabei den Überholten nicht behindern.

Klare Werte liefern hier wieder die Richter. Das Oberlandesgericht Hamm hat in einem Urteil festgelegt: Autofahrer haben beim Überholen mindestens 1,5 Meter Seitenabstand einzuhalten. Werden auf den Rädern Kinder transportiert, beträgt der Abstand zwei Meter. Der gilt auch, wenn der Pkw 90 km/h schnell fährt.

Der Nachteil der Zahlen: Sie sind schwer messbar und somit auch nicht zu kontrollieren. ADFC-Referent Huhn plädiert für eine Regelung, die bereits in Spanien angewendet wird. Dort heißt es, dass sich das Auto beim Überholen von Velos mit mindestens zwei Rädern auf der Nachbarspur befinden muss. Das ist ein Maß, das ebenso nachvollziehbar wie kontrollierbar ist.

Radfahrer überholt Radfahrer

Auf der Straße haben Radfahrer ausreichend Platz, aneinander vorbeizufahren. Hier gibt es keine Richtwerte. Anders sieht es auf separaten Radwegen aus. So darf auf einem 1,70 Meter breiten Radweg ein Radfahrer dann überholen, wenn er geklingelt hat und merkt, dass sein Vordermann ihn wahrgenommen hat (OLG Frankfurt/M., 17 U 129/88). Allerdings sind nicht alle Radwege so breit.

Radfahrer an Ampeln

Warten Autofahrer vor einer roten Ampel, “darf der Radfahrer an den parkenden Autos zwischen Bordstein und Schlange vorbeifahren, sofern der Platz das zulässt”, sagt Huhn. Das erlaubt Paragraf 5 Absatz 8 der StVO. Auch hier ist die Definition von “ausreichend Platz” reine Ermessenssache und lässt viel Spielraum für Spekulationen und gerne auch für Streit.

Radfahrer macht Autos Platz

Radfahrer sind aber auch verpflichtet, nachfolgenden schnelleren Fahrzeugen das Überholen zu ermöglichen. Wenn dies nicht anders möglich ist, muss dazu an geeigneter Stelle (Seitenstreifen, Bushaltestelle) angehalten oder weit rechts gefahren werden.

§ 5

(6) … Der Führer eines langsameren Fahrzeugs muss seine Geschwindigkeit an geeigneter Stelle ermäßigen, notfalls warten, wenn nur so mehreren unmittelbar folgenden Fahrzeugen das Überholen möglich ist. Hierzu können auch geeignete Seitenstreifen in Anspruch genommen werden; das gilt nicht auf Autobahnen.

Kategorien: Recht
Leser-Kommentare
  1. 105.

    Ein schöner, meines Erachtens, sachlicher Artikel. Zugegeben sehe ich das ganze aus Sicht der Autofahrer kann aber insgesamt über Situationen immer nur mit dem Kopf schütteln. Sei es nun der über Kreuzung und Einmündung rasende Fahrradfahrer oder chronisch hektische oder aber auch zimperlich/uneindeutig überholende Autofahrer.
    Einen Überholvorgang mit viel Platz, setze ich bei gesundem Menschenverstand voraus. Neben dem eigentlichen können kann auch immer etwas unvorhergesehenes passieren und sei es ein technischer defekt zum richtigen Zeitpunkt. Pauschal bis zu 1 Meter Abstand zum rand zu halten, halte ich persönlich für übertrieben. Hier kommt es meines Erachtens auf die individuelle Einschätzung des Radfahrers und den Straßenverhältnissen an.
    Einen Appell zur Aufklärung erachte ich als sinnvoll. Noch mehr gesetzliche hinterher nicht mehr nachvollziehbare Regelungen lehne ich vehement ab.

    Hinz und Kunz

    • 28. November 2012 um 14:36 Uhr
    • STephan
  2. 106.

    Ortsfremd. Da stehen doch dann überall Schilder das Radfahrer da rein dürfen.

    • 29. November 2012 um 15:59 Uhr
    • rollinger
  3. 107.

    du, genau so geht es mir fast jeden tag. ich fahre schon extra in einer 30km/h zone um der hohen geschwindigkeit der vorbeifahrenden autos zu umgehen. denn der fahrradstreifen verläuft ja auf der straße und im normalfall fahren die autos 50km/h.
    die straßen sind vollgemüllt von blechkisten. die straßen sind daher zur hälfte belegt. das heißt das auf einer schmalen straße bei einhalten des sicherheitsabstandes kein auto mich als radler überholen darf. dennoch bedrängen sie einen und drücken sich gelegentlich so nah vorbei, dass ich sie mit der hand berühren kann. auch der entgegenkommende autofahrer(auf seiner seite stehen die geparkten autos in reihe mit nur wenigen lücken)fährt ohne anzuhalten viel zu knapp an mir vorbei. auch hier kann ich mit der hand das auto berühren.
    ich wohne in karlsruhe.

    • 29. November 2012 um 21:19 Uhr
    • Nicolai Süß
  4. 108.

    In München werden allmählich Bereiche auf der Straße gekennzeichnet, das empfinde ich als sehr viel sicherer. Das erlaubte gegen-die-Einbahnstraße-fahren ist aber dem Autofahrer zu wenig verdeutlicht.
    Als hoffentlich lebenverlängernde Maßnahme trage ich eine gelbe Warnweste, denn es ist erschreckend, bei anderen zu sehen, wie unsichtbar man im Dunkeln mit und ohne Licht ist.
    Seit einem autotürbedingten Abstieg über die Lenkstange fahre ich (wenn mich nicht Straßenbahnschienen daran hindern) mit genug Seitenabstand nach rechts. Ich hab das Gefühl, würde ich mich schmal machen, würden alle Autofahrer erwarten, dass ich mich noch schmaler mache, so aber habe ich tatsächlich noch ein klein wenig Ausweichmöglichkeit.

    • 3. Dezember 2012 um 19:03 Uhr
    • free riding without car(s)
  5. 109.

    “Autofahrer haben beim Überholen mindestens 1,5 Meter Seitenabstand einzuhalten. Werden auf den Rädern Kinder transportiert, beträgt der Abstand zwei Meter. Der gilt auch, wenn der Pkw 90 km/h schnell fährt.”

    Es ist nicht gerade lustig, auf einem vollgepackten Rad von 90 km/h fahrenden Fahrzeugen überholt zu werden, insbesondere dann, wenn es sich auch noch um LKW handelt (jeder halbe Meter mehr Platz rettet im wahrsten Sinne des Wortes Leben). Einem Kind würde ich soetwas – wenn es sich denn auf deutschen Straßen vermeiden ließe – gerne ersparen.

    • 25. Dezember 2012 um 17:35 Uhr
    • ky
  6. 110.

    Rein spaßeshalber und zu privaten Zwecken fahre ich p.a. ca. 25.000km Auto und ca. 6.000 km mit dem Rad. Ich kenne beide Seiten zur Genüge. Nach meiner Erfahrung halten über 90% der einen Radler überholenden Autofahrer den Mindestabstand nicht ein. Nachdem ich wiederholt geschnitten wurde und einmal sogar von einem Bus in den Straßengraben abgedrängt wurde habe ich einen Abstandshalter am Gepäckträger montiert. Schlicht und einfach: Ein ca. 60 cm langes Stöckchen mit Rückstrahler. Es wirkt Wunder! Zum Einen erzwingt es einen Abstand zum Anderen signalisiert es dem Autofahrer; Da ist einer, dem man beim Überholen nicht die linke Arschbacke rasieren kann (Formulierung ist bewußt gewählt).

  7. 111.

    Zu Radfahrer in der Einbahnst. entgegen der Fahrtrichtung.
    Auch wenn das durch entsprechende Beschilderung erlaubt ist fährt der Radfahrer entgegen der vorgegebenen Richtung und ist Wartepflichtig, heißt er muss Platz machen nicht der PKW oder auch Radfahrer in der vorgebenen Richtung.

    • 29. März 2013 um 18:33 Uhr
    • R.Seyffer
  8. 112.

    @111

    Wo steht das? Ich habe lange gesucht und nichts dazu gefunden. Ich gehe davon aus, dass die Einbahnstraßenregelung nur die Fahrtrichtung der Fahrzeuge regelt und keinen Einfluss auf sonstige Regeln hat (siehe hierzu z.B. die weiterhin geltende Rechts-vor-Links-Regel). Sobald sich zwei Fahrzeuge in einer Engstelle (Einbahnstraße) begegen gelten die üblichen Vorrang-Regeln. Wer ein Hindernis auf seiner Seite hat (parkende Fahrzeuge) muss ausweichen. Falls ein Ausweichen nicht möglich ist, müssen beide Fahrzeuge mit deutlich reduzierten Tempo aneinander vorbei. Und das unabhängig von der Fahrtrichtung. Meistens hat der Radfahrer hier nur noch den Bordstein neben sich (geparkt wird ja in Einbahnstraßenrichtung rechts) und kann gar nicht ausweichen (fliegen? in Luft auflösen?).

    • 16. April 2013 um 15:55 Uhr
    • Andreas
  9. Kommentar zum Thema

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