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Hamburg, eine fahrradfreundliche Stadt??!?

 

Das dänische Blog Copenhagenize hat in der vergangenen Woche den Index für die 20 besten Radfahrer-Städte der Welt veröffentlicht. Wer sich in Deutschland mit Radinfrastruktur befasst, wundert sich über die Ergebnisse. Denn dass Hamburg auf Platz 19 überhaupt noch in der internationalen Rangliste auftaucht, ist – freundlich gesagt – erstaunlich.

Deutschland lässt nach, kommentiert Mikael Colville-Andersen, Chef von Copenhagenize, die Ergebnisse. Berlin hat Punkte verloren, München ist ganz draußen aus den Top 20. Es lohnt sich also, genauer hinzusehen, wie sich der Index zusammensetzt und wie Hamburg es noch in die Rangliste geschafft hat.

Erstmals veröffentlichte Copenhagenize im Jahr 2011 sein weltweites Städteranking. Mithilfe von 13 Kriterien wird nicht nur der Ist-Zustand der Infrastruktur für Radfahrer bewertet, sondern auch die Pläne und die Bemühungen der Städte, das Fahrrad wieder als gleichwertiges und praktisches Verkehrsmittel zu etablieren. Ein interessanter Gesichtspunkt, denn vor diesem Hintergrund betrachtet spielt Deutschland momentan keine Vorreiterrolle in der Welt.

Unstrittig ist, dass in Deutschland die Städte und Kommunen sowie die Bundesregierung seit Jahrzehnten Wege für Radfahrer inner- wie außerorts anlegen. Aber Umfang und Niveau der vorhandenen Wege sind vielerorts nicht mehr zeitgemäß. Insbesondere nicht im internationalen Vergleich.

Das Radfahren und damit auch die urbane Infrastruktur für Radler haben weltweit in den vergangenen fünf Jahren eine unglaubliche Dynamik entwickelt. Oft aus einer Not heraus – weil der Verkehr oder die Umweltwerte in den Städten schnelle Lösungen erforderten. Politiker und Planer in den Städten von Paris, London, Barcelona oder Städten in Süd- wie Nordamerika investieren in den Radverkehr. Oftmals bekennen sich Politiker oder eine Regierung dazu, den Radverkehr vehement ausbauen zu wollen.

Keine Infrastruktur-Innovationen made in Germany

Im direkten Vergleich dazu wirkt der Ausbau der Radinfrastruktur hierzulande eher gemächlich bis behäbig. Vorzeigeprojekte präsentiert immer das Ausland – wie der Solarradweg aus den Niederlanden, diverse Pläne aus England für neue Radwege, das autofreie Pariser Zentrum oder die Look-Kampagne aus Amerika. Diese Projekte sorgen weltweit für Aufsehen.

Mit ähnlich starken Vorhaben oder Ideen kann Deutschland nicht punkten. Jetzt werden zwar die ersten Radschnellwege gebaut, aber die Ideen stammen nicht aus eigener Hand. In Deutschland wird Radinfrastruktur gebaut, aber Innovationen sehen definitiv anders aus.

Darum habe ich mich gewundert, dass Hamburg weiterhin in der Rangliste verbleibt. In der Hansestadt erlebt man auf dem Rad regelmäßig an den Kreuzungen neue Abenteuer. Die Infrastruktur ist weder einheitlich noch selbsterklärend, noch existiert ein glaubhaftes Bekenntnis zu mehr Radverkehr.

Tatsächlich heißt es in der Erklärung von Copenhagenize sinngemäß, sie seien selbst erstaunt gewesen, dass Hamburg wieder dabei ist und weiter: Die Hamburger seien anscheinend zufrieden mit ihrer seltsamen Infrastruktur, die ohne Logik zwischen Fahrbahn und Gehweg wechselt und deren Radwege im Winter nicht geräumt werden. Außerdem habe die Stadt Bonuspunkte für ihre Pläne erhalten, die Innenstadt in den kommenden Jahren autofrei zu gestalten. Allerdings basierte diese Meldung auf einem Übersetzungsfehler, der sich international verbreitet hat.

Hamburg hat auf der Liste nichts verloren

Copenhagenize sieht Hamburg also durchaus als schwarzes Schaf in dem Ranking. Doch die Erklärung finde ich insgesamt wenig zufriedenstellend. Dass das autofreie Zentrum für Hamburg eine Zeitungsente war, weiß man bei Copenhagenize.

An der Stelle hätte ich mir eine klare Auflistung der Punkte in den einzelnen Kategorien gewünscht. Hamburg hat ein beliebtes Bikesharing-System, und man darf außerhalb der Rushhour Fahrräder in der Bahn mitnehmen. So kommen Punkte zusammen. Aber die im bundesweiten Vergleich verheerende Infrastruktur müsste eigentlich stärker ins Gewicht fallen.

Hamburg ist keine Fahrradstadt. Sie hat in dem Ranking eindeutig nichts verloren. Ein Platz in diesem Ranking führt nur dazu, dass sich Politiker bestätigt fühlen. Das ist in diesem Fall mehr als fehl am Platz. Da hätte ich von Copenhagenize mehr erwartet.

Hier die Copenhagenize-Liste der 20 besten Fahrradstädte der Welt:

  1. Kopenhagen
  2. Amsterdam
  3. Utrecht
  4. Straßburg
  5. Eindhoven
  6. Malmö
  7. Nantes
  8. Bordeaux
  9. Antwerpen
  10. Sevilla
  11. Barcelona
  12. Berlin
  13. Ljubljana
  14. Buenos Aires
  15. Dublin
  16. Wien
  17. Paris
  18. Minneapolis
  19. Hamburg
  20. Montreal

Die einzelnen Bewertungen findet man hier.

Hinweis: In der ursprünglichen Fassung hieß es, das Ranking umfasse Großstädte mit mehr als 600.000 Einwohnern. Das ist nicht ganz richtig. Laut Copenhagenize wurden die Stadt-Großräume (Metropolregionen) mit einer Regionalbevölkerung von über 600.000 Einwohnern berücksichtigt und zudem „ein paar Ausnahmen“ ergänzt „wegen ihrer politischen und regionalen Bedeutung und um die Sache interessant zu halten“. Dadurch wurden im Index 2015 insgesamt 122 Städte bewertet und gerankt.

78 Kommentare

  1.   Martin

    Kopenhagen hat 580.000 Einwohner.
    Aber bei seiner Vorzeigestadt darf Herr Colville-Andersen natürlich eine Ausnahme machen…


  2. Amen. Perfekte Fahrradwege sind hier nur kurzes Beiwerk und definitiv nicht mit System ausgebaut – Sicherheitsdefizite wie Schlaglöchern oder Undefinierbarkeit der Fahrbahn oder fehlende fahrradunfreundliche Ampelschaltung sind dafür flächendeckend zu finden.

    Gewöhnen kann man sich an alles, dass heißt allerdings noch lange nicht, dass da irgendwo eine Verkehrskultur „pro Rad“ besteht.


  3. Wo sind den die Erhebungen gemacht worden? In der neuen Hafencity?

    Hamburg mit seinen großzügig ausgeschilderten „Radfahren erlaubt, Fußgängern ist auszuweichen“-Kombiradwegen ist ein Witz, aber keine fahrradfreundliche Stadt.

    Und wenn es wirklich mal Radwege gibt, werden die von jedem Anlieger ohne Skrupel aufgerissen, um Versorgungsleitungen oder Garagenzufahrten anzulegen, und dann schön holperig wieder zugemacht. Grundstückseinfahrbereich

  4.   Matthias Breitinger

    „Die Kommune Kopenhagen (Københavns Kommune) hat 580.184 Einwohner, die Stadt im engeren Sinne (bestehend aus den Kommunen København, Frederiksberg und Gentofte)[2] 758.308 Einwohner.“ (Wikipedia)


  5. Der Grundstückseinfahrbereich ist ein gutes Beispiel für Holperigkeit, der hatte sich unter dem unteren Rand verborgen…

  6.   ultramarine

    Utrecht, Malmö, Bordeaux etc: alle unter! 600.000 einwohner ….

    tse tse tse … sowas schlechtes!!!

  7.   diabolos

    Berlin auf Platz 12? Seit ich aus München nach Berlin gezogen bin, habe ich das Fahrradfahren auf Kurzstrecken beschränkt, da es hier in Berlin eine wahnsinnig schlechte Fahrrad-Infrastruktur gibt. Im Gegensatz zu München übrigens, wo ich fast überall mit dem Fahrrad hingefahren bin.
    Auch Montreal auf Platz 20 ist überraschend, zumal Montreal eine Stadt ist, die aufgrund der Witterungsbedingungen einfach mal für Monate im Jahre für Fahrradfahrer unbenutzbar ist und außerdem eine sehr schlechte Fahrradinfrastruktur hat.
    Aber: Man vergesse die Prämisse >600.000 Einwohner nicht. Es kann natürlich gut sein, dass dies die einäugigen unter den Blinden sind…


  8. An der Qualität der Fahrradwege zeigt sich einfach nur die Macht und Wichtigkeit der hiesigen Autoindustrie. Ich war vor zwei Wochen in Holland und empfand es dort als Paradies für Fahrradfahrer. Mehr Bewegung für die Bevölkerung, weniger Lärm, weniger Abgase, weniger Verschleiß der Straßen, geringerer Ressourcenverbraucht. Eigentlich sind die Vorteile von solchen Fahrradstädten enorm. Nachteil ist, dass die Autoindustrie daran nicht verdient. .

  9.   fab

    naja, die radfahrer in hamburg kennen ja nichtmal die verkehrsregeln. rote ampel? hä wieso soll ich da stehen bleiben???

  10.   Paul

    Mich beeindruckt am meisten Minneapolis. Ich war lange nicht in den USA, aber das erstaunt mich sehr. Weiter so!